Brautseele

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Peter Hille: Brautseele (1879)

1
Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe,
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Wie tief im Hain
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Das Herz des Frühlings zittert.
4
Ja du mein heftiges Herz: wir haben Frühling.
5
Auf einmal ist nun alles Blühen da.
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Meine freudigen Wangen
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Sind aufgegangen
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Fromm nach deinen Küssen.
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Gefährlich bist du, o Frühling,
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Und verwirrt
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Wie von heftiger Süße
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Prangenden Weines
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Pocht meine Seele.
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Wie er so sonnend mich streichelt
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Mit seinen Strahlen allen
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Und schlafen möchte ich
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Immerzu.
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So träume ich vom eigenen Blute
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Und bin so wach
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Von mir.
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So erschrocken
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Wie man wohl aufhorcht
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Im flüsternden Herzen der Nacht.

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Wie Sterne, die nicht schlafen können,
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So stehen meine Augen,
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Und bin doch so müde, müde, so sonderbar müde.
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Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde
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Um diese Zeit?
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Das macht, du bist um uns,
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Du bist ein Zauberer:
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Ja, ja das bist du,
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Ein echter, rechter Zauberer.
33
In Bäume und Menschen zauberst du ein Sehnen und Dehnen,
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Ein müdes verlangendes Gähnen.

35
Ja, ja, ihr Mädchenherzen,
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Der kennt euch,
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Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen.
38
Er ist ja Weib,
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Weib wie wir
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Und eine heimliche, schelmische Stärke.
41
Frühling sag', was machst du mit uns,
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Daß wir alle so sprossend müde sind.
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Wir fühlen dich ganz in uns,
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Du durchtönst uns,
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Tust mit uns ganz das Leben.
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Ja wir beben, Leben.
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Fromm atmet in uns eine Andacht,
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Und wohlig will es werden
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Nun überall in der sprossenden Erden.
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Wie wir uns regen,
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Da ist immer ein leises, süßes Bewegen,
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Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel,
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Der uns erquickt und uns darreicht,
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Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle
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Und immer wird uns leise
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Süß von uns.
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So sind wir wartend,
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So zeigt es uns
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Verrät es uns,
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Wie süß wir sind
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Für den einen, anderen.

62
O komm,
63
Komm zu mir,
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Ich bin ja so süß nach dir.
65
O komm,
66
Ich bin ja so schön nach dir.
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Ich deine Lebendige,
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Deine weilende Zier
69
Vergehe nach dir.
70
Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken:
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O komm,
72
Komm du dem Alter, dem Welken zuvor.

73
Ein Sehnen geht in allen Blumen
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Und will dich holen mit Farben und Duft,
75
Und alles was schön ist auf dieser Weltwiese
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Ist aus Sehnen und Liebe schön.

77
Lieblich schlau
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Üben wir Schönheit
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Solange vor euch,
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Bis daß ihr kommt;
81
Schüchtern schelmisch
82
Spielt sich unsere arme, lodernde Seele
83
Hin vor euch.

84
Dann! Dann!
85
Dann kommen zwei lodernde Sonnen in meinen Tag,
86
Du mein doppelter Tag!
87
Mit deinen beiden Sonnen.
88
Du! Du!

89
Und deine Hand!

90
Meines Mundes duftende Blüte
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Vergeht vor deiner Güte,
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Und meine Wangen
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Sind aufgegangen
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Wie meine Flechten
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Vor deiner Rechten.
96
Ja du hast Recht,
97
Glätte sie nur
98
Du meine wirreglühende Sonne.

99
Rufe, locke alles heraus
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Aus deiner Erde,
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Du mein Lenz,
102
Du hast ja gleich zwei Sonnen
103
Und eine braucht man nur
104
Im Himmel.
105
Und diese beiden Sonnen
106
Erzählen sich mir,
107
Wie du aufgewachsen und wo
108
Gewachsen für mich,
109
Wie der heilige Wein Palästinas
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In seinem heißen schmelzenden Purpur
111
Den Heiland mir ansagt,
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Sein Seelenfrühlicht,
113
Sein wärmendes Wandeln.
114
O wie da alles aufsteht,
115
Feierlich, rauschend, vorbereitend!

116
O komm
117
Ich bin ja so schön nach dir!
118
O laß mich weinen,
119
Tränen der Braut.
120
Tränen du Böser,
121
Daß ich so lange warten mußte auf dich.
122
Das tut so wohl:
123
Meine Seele badet,
124
Dann kommt sie zu dir!
125
Ja?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Peter Hille
(18541904)

* 11.09.1854 in Erwitzen, † 07.05.1904 in Groß-Lichterfelde

männlich, geb. Hille

deutscher spätromantischer und naturalistischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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