Persönliches

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Paul Heyse: Persönliches (1872)

1
Ich hab' erst spät mich emanzipiert
2
Und von mir selbst Besitz genommen.
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Nur wer die Pietät verliert,
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Kann zu sich selber kommen.

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Mir ward ein Glück, das ich höher schätzte,
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Als alles Gold in Kaliforniens Ebne:
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Ich hatte niemals Vorgesetzte
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Und niemals Untergebne.

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»warum hältst du dich uns so fern?
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Eine Lieb' ist der andern wert.« –
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Ich würd' euch lieben herzlich gern,
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Wenn ihr nur liebenswürdig wär't.

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Ich werde wohl dann und wann verstimmt,
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Wenn Nörgeln und Mäkeln kein Ende nimmt.
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Dann muß ich von den Größten lesen,
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Wie's ihrer Zeit nicht besser gewesen.
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Auf einmal werd' ich still und heiter
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Und treibe getrost mein Wesen weiter.

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»auf diesen Mann hohnlästerst du,
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Der doch von dir mit Achtung spricht?« –
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Er hat vielleicht Grund dazu,
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Ich leider nicht.

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Bewahr in deinem Busen still,
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Was dir dein eigner Dämon gönnte,
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Da jedermann nur hören will,
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Was er auch selbst sich sagen könnte.

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Mir eine Elle zuzusetzen,
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Geläng's auch, käme mir nicht in Sinn.
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Das einzige, was an mir zu schätzen,
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Ist, daß ich so und nicht anders bin.

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Soll Ruhm mir blühn, komm' er beizeit.
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Was hat die Nachwelt mir zu geben?
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Ich möchte von meiner Unsterblichkeit
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Doch ein paar Jährchen miterleben.

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Gewisser Leute Bann und Acht
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Hat nie mich wundergenommen.
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Ich hab' ihnen den Verdruß gemacht,
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Ohne sie durch die Welt zu kommen.

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Ich machte mir keine Modellfigur,
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Mein Bildnis danach auszuführen,
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Um Kennerbeifall zu erhaschen.
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Stets gab ich Vollmacht der Natur
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Und ließ, froh, ihre Macht zu spüren,
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Mich mit mir selber überraschen.

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Hab' doch in gut' und bösen Tagen
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Mich redlich und honett betragen
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Und soll nun Pfaffen und Philister fragen,
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Ob auch mein sittlicher Instinkt
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Ihnen genugsam reinlich dünkt?

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Halt' mich nicht, just für das Maß der Welt;
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Doch
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Hat durchgeläutert diesen Busen
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Und ihn mit reinem Hauch geschwellt.

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Sonst hab' ich mir selbst Impulse gegeben;
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Jetzt leb' ich nicht mehr, ich lasse mich leben.

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Ich hinge wahrlich nicht so sehr
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An diesem leidigen Leben,
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Wenn irgend sonst noch ein Mittel wär',
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Um allerlei zu erleben.
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Denn wenn auch männiglich bekannt,
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Wie bitter oft das Leben schmeckt,
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Und daß die Welt sehr ennuyant,
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Ward keine zweite doch entdeckt,
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Die auch nur halb so interessant.

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Ich denke mit Gewissensbissen
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Zurück, wie ich mein Lebenlang
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Vorbeiging fastend an gewissen Bissen,
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Die dann ein Schlechterer verschlang.

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Wir haben uns gar nichts zu sagen;
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Wie sollten wir uns nicht vertragen?

71
Mit Menschen bin ich tolerant,
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Ob sie mich auch langweilen.
73
Ein schlechtes Buch fliegt an die Wand
74
Nach den ersten hundert Zeilen,
75
Dieweil es Bücher nicht verdrießt,
76
Wenn man sie nicht zu Ende liest.

77
»was ist's für ein Mann? Wie ist er begabt?
78
Was leistet er, das ihm Ehre macht?« –
79
Hab' wirklich nie drüber nachgedacht,
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Hab' ihn nur schlechtweg lieb gehabt.

81
»in der Zeitung las ich soeben
82
Ein sehr perfides Pasquill auf dich.« –
83
So haben sie mir's schriftlich gegeben,
84
Daß sie kleiner und schlechter sind, als ich.

85
Was dem strebenden Fleiß geglückt,
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Wollte mir bald mißfallen.
87
Was mir dauernd das Herz entzückt,
88
Mußt' in den Schoß mir fallen.

89
Kein Trost in tatenlosem Leiden
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Ist, daß ich rüstig einst geschafft.
91
Seh' ich die Zeugen meiner alten Kraft,
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Fang' ich nur an, mich selber zu beneiden.

93
»warum mich nur das Glück nicht freut,
94
Das Trost für so viel Kummer beut! –«
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Der Strahl, der Sturmgewölk durchbricht,
96
Tut dir nicht wohl: die Sonne

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Sonst hab' ich, wie die Gedanken kamen,
98
Sie rasch verbraucht im Augenblick.
99
Jetzt leg' ich schon in Epigrammen
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Ein paar Notpfennige zurück.

101
»beklagst dich, daß Gespräch dir fehlt,
102
Und horchst du nicht und hörst du nicht,
103
Wie Berg und Wald so feinbeseelt
104
Säuselnd zu Ohr und Herzen spricht?« –

105
Es klingt wohl schön, was hier und dort
106
Natur zu ihrem Kinde sagt,
107
Doch führt sie stets das große Wort
108
Und gibt nicht Antwort, wenn man fragt.

109
Ach, wer versteht sein eigen Herz!
110
Ein Rätsel ist dir's in die Brust geschaffen.
111
Heute schwer wie ein Berg von Erz
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Will es dich in die Tiefe raffen;
113
Morgen aller Schwere entbunden
114
Jauchzend lodert es wolkenwärts,
115
Und dann in gleichgemeßnen Stunden
116
Gelassen trägt es Lust und Schmerz.
117
Ach, wer beherrscht sein eigen Herz!

118
In jungen Jahren weint' ich viel
119
In jedem Rühr- und Trauerspiel.
120
Jetzt scheint mir das Rührendste auf Erden,
121
Wenn gute Menschen glücklich werden.

122
Lange leben ist keine Kunst,
123
Wird dir nur Zeit dazu gegeben.
124
Doch wer im Dichten, Wirken, Streben
125
Es nie erlebt, sich selbst zu überleben,
126
Der preise seiner Sterne Gunst.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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