Ein kahles Eiland in der Meereswüste

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Paul Heyse: Ein kahles Eiland in der Meereswüste Titel entspricht 1. Vers(1872)

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Ein kahles Eiland in der Meereswüste
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Von Menschen unbewohnt, da nicht ein Quell
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Hervorbricht aus dem starren Felsengrund,
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Der Nahrung böte einem Grashalm nur,
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Indes die Sonne südlich hohe Glut
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Herniedersendet. So Jahrtausendlang
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Stand allgemieden, trostlos, wie verfemt
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Die Klippe da.
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Doch heute, wer im Boot
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Der Insel naht – auf einmal staunend sieht
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Sein Aug' ein wimmelnd Leben dort am Strand,
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Wo einst des Todes Schweigen nur geherrscht.
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Und Grauen wird das Staunen, wenn er sieht:
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Was dort sich regt, ist schauriger als Tod,
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Der Wohltat wär' den Unglückseligen,
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Verdammt zu langsamen Verschmachtens Qual,
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Ein Schicksal, das dem schlimmsten Mörder nicht
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Verhängt das härtste Strafgesetz.
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Wer sind
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Die Jammervollen? Was verbrachen sie?
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Unschuld'ge sind's, hier grausam eingepfercht
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Von Menschen, die unmenschlich sind, denn gut
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Und edel sei der Mensch, indessen sie
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Vergaßen aller Güte, da es hier
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Nur Tiere gilt, und für die Folterung
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Von armen Hunden keine Rechenschaft
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Zu geben ist am Tage des Gerichts!

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Wohl! Überhandnahm, nicht zu dulden mehr,
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Die Hundeplage, die des Sultans Stadt
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Gemacht zu räudiger Streuner Tummelplatz,
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Wohl durften endlich ihres Herrenrechts
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Die Menschen sich bedienen, notgedrängt.
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Doch dann auch, wenn es Selbsterhaltung gilt,
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Geziemt Erbarmen. Der Gerechte, heißt's
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Im heil'gen Buch, erbarmt sich seines Viehs.
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Und wenn auch der Prophet kein solch Gebot
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Der Milde seinen Gläubigen eingeschärft,
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Hat er sein Pferd und seine Katze doch
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Zärtlich geliebt, und in der Notwehr wohl
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Hätt' er den scharfen Stahl auch auf ein Tier
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Gezückt, doch es dem Tode nie geweiht
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Durch marterndes Verdursten, obdachlos
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Dem Brand der Sonnenpfeile ausgesetzt,
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Bis es die Wut befällt und brechend sich
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Der Blick der schwachen Kreatur, die gern
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Den Freund im Menschen sieht, verzweiflungsvoll
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Zu seinem Henker hebt.
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Wohl ist die Welt
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Noch heut der Greuel voll, die Menschen auch
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An Menschen üben. Doch ein letzter Trost
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Bleibt den Verzweifelnden, wenn übergroß
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Die Qual ward, mit freiwilligem Entschluß
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Sie enden, was versagt ist dem Geschöpf,
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Das ach, vernunftlos, doch nicht seelenlos
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Sich knechtisch beugen muß dem blinden Recht
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Des Stärkern.
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Also in der Zeitung stand
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Die Mär vom Hundegrab in Oxia.
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Wohl niemand, will ich glauben, hätt' er auch
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Für diesen treuen Spiel- und Leidgefährten
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Des Menschen sonst kein Herz, konnt' ungerührt
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Die Kunde lesen des Entsetzlichen,
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Das hier nicht blöde Roheit einzelner,
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Nein, kalte Staatsweisheit verordnet hat,
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Zur Schmach dem ganzen Volk, das drein sich fügt.
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Doch, die es schaudernd lasen, fühlten sie
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Sich tiefer aufgeregt, als wenn sie sonst
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Von einem Unglück hörten: Daß im Berg
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Verschüttet wurden arme Häuer, daß
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Ein Schiff mit aller Mannschaft untersank,
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Die Pest vieltausend Menschen hingerafft,
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Was einzig blinder Elemente Schuld?
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Und keinem fiel es ein, daß täglich hier
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Ein unerhörter Frevel wird verübt,
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Den stumm mit anzusehn, das Herzblut ihm
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Empören sollte? Wirken segensreich
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In unsrer Stadt und in den Ländern rings
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Vereine zu gequälter Tiere Schutz,
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Und geht von keinem, keinem ein Protest
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Bis hin zum goldnen Horn, da solchen Gräul
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Zu dulden, dem Jahrhundert Schande macht?

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Noch will ich hoffen. Doch was kommen soll,
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Geschehe bald, bevor die Todesqual
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Des letzten Opfers diese Christenwelt
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Verklagt, die das Gebot der Liebe kennt,
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Und doch so lässig übt die heil'ge Pflicht
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Der Menschlichkeit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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