Fürst Bismarck in München

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Paul Heyse: Fürst Bismarck in München (1872)

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Du weißt es aus der Zeitung schon: auch wir
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In München hatten unsre Bismarcktage,
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Denkwürd'ge Tage wahrlich, eingezeichnet
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Mit Goldschrift in die Chronik unsrer Stadt,
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Von jener Nacht an, wo die Tausende
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Die späte Mitternacht herangeharrt,
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Nur um mit brausendem Jubel ein Willkommen
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Ihm zuzujauchzen, bis zum dritten Tag,
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Da das Geleit man gab dem Scheidenden,
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Begierig jeder, einmal noch sein Antlitz
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Zu schaun, zu hören seiner Stimme Klang,
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Und überglücklich gar, wem es vergönnt,
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Die Hand zu drücken, die ein Menschenalter
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Die eherne Wage hielt der Weltgeschicke
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Und um Germanias Haupt den Lorbeer wand.

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Mein Häuschen, weißt du ja, liegt nachbarlich
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Dem Haus des Freundes, des berühmten Malers,
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Drin der erlauchte Wandrer Herberg fand.
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Und so von früh bis spät vor meiner Tür
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Sah ich die Volksflut hin und wieder wogen
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Und aller Blicke scharf hinüberspähn,
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Ob am Balkone dort der hohe Gast
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Erscheinen möchte, dann in stürmischem Zuruf
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Ausströmend alle Lieb' und allen Dank;
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Indessen jene dunklen Ehrenmänner,
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Die, weil sie zwergenhaft, dem Riesen grollen,
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Bei Tag verstummten, um im Diebesschatten
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Der Nacht ohnmächtig in den Freudenchor
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Des Volks ihr hämisches Gezisch zu mischen,
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Bis wütend eines Rächers derbe Faust
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Die Schandgesellen züchtigte.
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Du lasest
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Wohl von den festlich bunten Zügen auch:
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Studenten, Künstlern, schlichten Handwerksleuten,
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Die mit Musik und Fackeln Nacht für Nacht
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Vorüberwallten, manch treuherz'gen Spruch
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Hinsendend zur Altane, wo der Gast
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An seiner Gattin Seite lauschend saß,
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Bis er dann plötzlich die gewalt'gen Glieder
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Erhob und aufrecht, mit entblößtem Haupt,
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Die Menge streifend mit dem Löwenblick,
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In stockender Rede sonder Prunk und Pomp,
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Doch
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Darbrachte seine Seele, dankbewegt,
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Indes der Fackelschein die bleiche Stirn
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Umspielte, wie das elfenbeinerne Haupt
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Des Zeus, das von ambrosischen Locken freilich
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Umwallt war, während
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Nur mit dem Schütteln seiner buschigen Brauen
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Heut noch erschüttern könnte den Olymp.

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Dann, als verstummt die laute Festlichkeit
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Und in des Hausherrn reichgeschmückte Werkstatt
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Der Ehrenmüde sich zurückgeflüchtet,
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Ruht' er behaglich noch ein Stündlein aus,
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Hausväterlich den Wolkensammler spielend,
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Um ihn ein Kreis Vertrauterer. Und lieblich
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War's anzuschaun, wie er so ritterlich
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Zu schönen Fraun sich neigte. Dennoch stets
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Umwittert' ihn ein seltsam fremder Hauch.
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So menschlich sich uns gab der Übermensch,
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Bedacht, es allen wohl zu machen, heimlich
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Blieb eine Spannung in uns rege, wie
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Genüber einem Gast aus andrer Welt.
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Ich selbst, sonst ohne Menschenfurcht, gewohnt,
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Vor irdischer Größe nicht den Blick zu senken,
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Vor diesem Hohen wandelte mich doch
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Ein Schauer andachtsvoller Ehrfurcht an.

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Dies Antlitz, sagt' ich mir, das hier dich grüßt
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In Fleisch und Blut, – wenn lange schon der Odem,
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Der es beseelt, ins All zurückgeschwebt,
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Der letzte Blick aus diesem Herrscherauge
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Versprüht ist und der Mund, auf dessen Wort
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Der Erdkreis lauschte, stumm für ewig ward,
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Dann, wie das Sphinxhaupt, das im Wüstenbrand
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Noch unverschüttet auf zur Sonne ragt,
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Ob auch jahrtausendalter Flugsand rings
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Emporgeweht ist, wird dies Heldenhaupt
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In mächt'gem Umriß noch die Blicke bannen,
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Die Stirn, die weltenweite Pläne barg,
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Von der Geschichte Nebelglanz umhaucht.
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So vor dem schicksalsvollen Manne klopfte
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Das Herz mir in der Brust, und nur beklommen
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Von meinen Lippen löste sich das Wort.
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Was hatt' ich ihm zu sagen, der Poet,
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Der Mann der Träume, diesem Genius
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Der Tat? der Zeichendeuter, der die Schrift
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In Menschenherzen zu entziffern sucht,
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Ihm, der des Volkes Herz zu lenken wußte
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Zu glorreich hohen Zielen? War's nicht auch,
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Wenn sinnend er das Ohr der Rede neigte,
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Als lausch er doch nur halben Anteils hin,
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Da Geisterstimmen, ihm allein vernehmbar,
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Ihm Zauberlieder sangen, wundersam
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Wie ferner Schwertklang, freud'ger Glockenton,
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An seiner Größe Siegeslaufbahn mahnend?
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Wie? oder wünscht' er nur sich weit hinweg
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Aus allem Festlärm in sein Waldasyl,
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Zwiesprach zu halten mit dem eignen Herzen
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Und nachzusinnen seines Volks Geschick?
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Nur halb der Unsre schien er, halb gehört' er
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Sich selber an, in strenger Einsamkeit.
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Und so, wie mir, erging's den andern auch,
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Die ihn umringten, ja der Hausherr selbst,
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Dem alle Geister muntrer Rede sonst
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Gehorchen, heute war er seltsam still.
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Weißt du, was plötzlich in den Sinn mir kam?
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Das Märlein von Admet, dem Thrakerkönig,
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In dessen schimmernder Hofburg Herkules
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Zuweilen vorsprach, als verehrter Hausfreund
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In Zwischenakten seiner Ruhmestaten
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Sich menschlicher Gesellschaft zu erfreun.
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Damals, wenn des Gewaltigen Schritt erklang
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Drauß vor der Halle, wohl erbebte da
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Den andern Gästen insgeheim das Herz.
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Denn nicht geheuer schien den Sterblichen
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Des Halbgotts Nähe. Trat er dann herein,
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Mit güt'gem Nicken erst des Hauses Herrin,
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Die liebliche Alceste, dann die andern
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Begrüßend, atmete die Tafelrunde
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Ein wenig auf, weil sie ihn furchtbarer
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Gedacht, der nun so höflich sich betrug,
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Und fühlte sich geehrt und endlich gar
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Ermutigt zu bescheidnem Scherzeswort,
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Wozu er menschenfreundlich lächeln mocht',
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Indes er übermenschlich aß und trank.
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Doch ganz vertraulich trat ihm keiner nah.
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Die Keule, die Nemeas Löwen schlug,
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Jetzt als ein Wanderstab im Winkel lehnend,
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Streiften verlegne Blicke nur. Das Fell
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Des Ungeheuers, das die nackten Schultern
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Des Siegers als ein Reisekleid umhing,
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Wer hätte dran zu zupfen sich getraut,
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Als etwa des Admet unmündig Kind?
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Alceste nur, der Hausfraunpflicht gedenk,
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Trat lächelnd näher, dem durchlaucht'gen Gast
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Den bauchigen Krug mit kühlem Bier zu füllen,
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Indes sein Leibarzt ihm die frische Pfeife
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Darbot – doch halt! Wohin verirr ich mich?
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Wir sind in Thracien nicht, in Bayerns Hauptstadt,
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In Lenbachs Haus, und
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Er Taten auch vollbracht herkulischer Art,
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Die Hyderköpfe deutscher Stammeszwietracht
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Ausbrennend, manchen Diplomatenstall
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Ausmistend und im fernen Westen uns
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Des Friedens Hesperidenäpfel pflückend,
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Nicht eine Keule führt er, nur den langen
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Berühmten Stift, und seine Glieder hüllt
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Kein Löwenfell, ein Gehrock züchtig ein,
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Auch nach der Göttertafel im Olymp,
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Wo jenem von der lilienarmigen Hebe
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Nektar kredenzt ward, wandelte den Unsern
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Wohl schwerlich die geringste Sehnsucht an,
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Da seines Gastfreunds blonde junge Hausfrau
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Mit echtem Hofbräu ihm den Humpen füllte,
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Bis warnend dann sein Arzt den Finger hob:
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Durchlaucht, 's ist Schlafenszeit. – Alsbald gehorsam
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Erhob er sich, mit freundlicher Gebärde
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Uns gute Nacht zuwinkend. Und wir blieben
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Noch still beisammen, in Gedanken, daß
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Wir eine Stunde lebten, die man noch
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Uns neiden wird in fernster Enkelzeit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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