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Wie mir's gehe, seitdem nun endlich zu meinem geliebten
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Gardasee ich wiedergekehrt, in Villa Annina
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Sehnlich der Ankunft harre des hier auch zögernden Frühlings,
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Fragst du mich, Freund, und sagst, du gönnest mir, über des Gartens
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Palmen und Lorbeerlauben und dunkle Zypressen die Blicke
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Weithin schweifen zu lassen zu Kap Manerba, der Garda-
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Insel, die lang hinlagernd, vergleichbar einer gekrönten
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Schlange, das Haupt aus den Wellen erhebt, und drüben zur Küste
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San Vigilio's, zart von silbernem Duft umwoben,
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Während das goldene Licht mit zitterndem Glanz in der weiten
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Fläche des Sees sich spiegelt, das Herz im Busen belebend.
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Wem dies alles zu schauen vergönnt, dem müsse, so schwärmst du,
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Auch die Seele sich weiten und still zum Empfange der hohen
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Muse sich rüsten, die hier vor zwei Jahrtausenden gern schon
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Weilte, seitdem Katull sein Häuschen in Sirmio baute.
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Und so rufst du mir fröhlich Glück auf! und erwartest mit Nächstem
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Wieder ein dichterisch Werk des Freunds zu empfangen, darinnen
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Leise das Rauschen erklingt von der purpurnen Flut des Benacus.
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Fromme Wünsche, mein Teurer! Es ändern sich leider die Zeiten,
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Wir mit ihnen. Und wär' auch die Hand des Gealterten, die einst
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Unermüdlich die Saiten gerührt, noch kundig des zarten
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Musischen Spiels, heut regt nur selten sich noch in der Seele
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Irgend ein dichtender Trieb, und der ich jeglichen Tag einst
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Für verloren erachtet, an dem die Muse mir fern blieb,
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Jetzt, wenn irgend ein Traum mir ihr Nahn ankündigt, erschreck' ich,
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Daß sie mich unwert fänd', und möchte mich gern ihr verleugnen.
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Fühl' ich es doch: das Beste, das Eigenste, was ich zu geben
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Hatte der Welt, längst gab ich's dahin, und da ich mein Herzblut
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Nimmer gespart, wie Wein, in eigener Vigne gekeltert,
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Und aus Vollem geschenkt, ich hätte nur dürftige Neigen
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Jetzt zu kredenzen den Freunden, die einst ich besser bewirtet.
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Ach, und leider versäumt ich, obwohl in mancherlei Künsten
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Ich mit Glück mich versucht, von allen die schwerste zu lernen:
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Müßig zu gehn! Was köstlich bedünkt an der Schwelle der Achtzig
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Tausenden, jetzt von den Mühen des lebenslänglichen Werktags
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Auszuruhn, gleichsam in beständiger Sonntagsfeier
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Still zu verzehren ihr Ruhegehalt, das sauer verdiente,
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Täglich des Otiums froh
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Ohne besondere Würde –, vor Augen stand es mir immer
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Als ein drohend Gespenst, nicht Lohn, nein Strafe des Dichters.
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Anders freilich genießt dies Los, wer nur um des Lebens
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Notdurft kämpfend in schwerem Geschäft, nun endlich die Bürde
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Abwirft, täglich beglückt, daß nicht am Morgen die Pflicht ihn
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Zwingt, halb ausgeschlafen, das wohlige Bett zu verlassen,
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Um zur Arbeit zu gehn, dran nie sein Herz sich erquickte;
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Anders der Glückliche, der, stets auf des Genius Weckruf
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Lauschend, das Werk nur schuf, das tief im Busen ihm reifte.
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Wenn nun der ihm verstummt, ward alles umher ihm auf einmal
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Öd und tot. Nicht klingt der Natur melodische Stimme
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Ihm noch lieblich ans Ohr. Er wandelt ein lebender Schatten
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Unter der strebenden Menschen Gewühl, als hätte das Recht er
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Mitzuatmen verscherzt und stünd in der Welt, ein verdorrter
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Baum, dem nimmer vergönnt, in Früchten den Saft zu entladen.
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Dann wohl neidet er selbst die Genügsamen, welche die leeren
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Stunden des müßigen Tags ausfüllen mit allerlei Kurzweil,
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Sei's mit Altersgenossen beim Skat im Café und am Abend
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Am Biertische die Weltpolitik wohlweise bekrittelnd,
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Oder sie treiben vergnüglich mit ernster Beeiferung eine
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Liebhaberei als Sammler und Dilettanten und täuschen
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Spielend sich drüber hinweg, daß jetzt mit dem Ernst es vorbei sei.
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Wer sein Leben dem Schönen geweiht, die höchste der Wonnen
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Kostete, die nur der Künstler genießt, im Äther der reinen
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Phantasieen zu schweben, den irdischen Nöten enthoben,
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Dem kann, wenn er verloren die Flugkraft und auf der niedern
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Erde dahin soll schreiten, den Sinn nichts wieder erheitern,
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Wie dem Kraniche, dem es versagt mit zerschossenem Flügel
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Seinen Gefährten zu folgen. Nun brütet er trauernd und einsam,
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Auch wenn Futter vollauf ihm gereicht wird, über sein herbes
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Los, an die Scholle gebannt im Staub notdürftig zu kriechen.
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Doch, was sag' ich nur dir, was längst im Freundesgemüt du
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Ahnst und vielleicht einst selber erfährst? Auch wirst du den schalen
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Trost mir ersparen, womit Wohlmeinende gleich bei der Hand sind,
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Wenn dem Alten einmal in verdrossener Stunde der Seufzer
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Über die Lippen sich wagt: nicht leicht sei's, müßig am Austrags-
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Stübel zu sitzen und still in den Schoß die Hände zu legen.
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Viel ja hast du geschafft, so sagen sie, und dir den Feier-
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Abend verdient. Nun magst du auf Lebensernten zurückschaun,
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Die dir danken die Besten der Zeit, ein reiches Vermächtnis.
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O ihr Guten, nur allzu viel, wohl weiß ich es, schuf ich,
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Wertlos manches und einiges doch, das wohl noch ein Weilchen
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Mich überdauert, so daß der Richter mich nicht zu den faulen
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Knechten gesellt, die schlecht mit ihrem Pfunde gewuchert.
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Doch – und wäre mir Höheres noch, mir Höchstes beschieden,
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Daß mein Bestes bestünd' im launischen Wandel der Zeiten
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Und noch spätesten Enkeln vertraut mein Name erklänge –
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Nie hat Hoffen und Wunsch, nach solchem Kranze zu streben,
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Je mich erfüllt und die Schritte gelenkt und die Seele beflügelt.
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Nur zu genügen dem inneren Drang tiefwurzelnder Bildkraft,
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Wie ein Weib das empfangene Kind ans Licht zu gebären
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Ringt in seliger Qual, so schuf ich meine Gebilde,
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Keinem der Menschen zulieb und nicht hinhorchend im Volke,
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Ob sie auch wohlgeraten und beifallswürdig erschienen.
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Tat ich doch nur, was nicht ich zu lassen vermocht' und so gut ich's
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Konnt'. Ein Schelm gibt mehr als er hat, und des eignen Gewissens
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Spruch wiegt schwerer, als Lob und Tadel des mäkelnden Haufens.
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Hätt' um Ruhm ich der Muse gedient, bei klarem Besinnen
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Wär' ich ein Tor mir erschienen, des Alltags Götzen betrachtend,
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Denen das Volk zujauchzt und heut verschwenderisch Weihrauch
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Streut, um morgen sie schon von den eitlen Altären zu stürzen,
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Hingeopfert dem neusten Idol. So schwebte der Ruhm mir
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Nie vor Augen als Ziel, das glücklich errungen die Sehnsucht
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Stillt' im schaffenden Geist und süß nun machte das Ausruhn.
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Nein, ein besserer Trost im schleichenden Winter der Jahre
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Bleibt nach allem Verzicht: in fröhlichen Kindern und Enkeln
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Sich fortleben zu sehn und Lieb' im Kreise der Nächsten
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Reich zu empfahn und zu geben. Und wie auch dürft' ich der hohen
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Freundin, die so getreu ausharrt bei dem Greisen, vergessen?
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Weisheit ist ihr Name. Sie ist die Letzte von allen
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Himmlischen Musen und bleibt, wenn ihre Schwestern gegangen.
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Zwar nur wie im Kamine die Glut die fröstelnden Glieder
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Wärmt, nicht lieblicher Hauch der sonnigen Lüfte des Sommers,
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Hegt sie und hütet sie uns vor eisigem Seelenerstarren
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Und ist traun nicht immer bequem. Sie raubt uns die letzten
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Täuschungen, läßt so manches, daran ein alterndes Herz sich
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Kindisch selbst sich betrügend, ergötzt, als nichtigen Trug uns
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Mitleidslos durchschauen und weniges nur frei ausgehn
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Aus dem großen Bankrott des irdischen Glückes. Doch lehrt sie
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Auch mit gefaßtem Gemüt erkennen die schicksalsvolle
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Macht der Notwendigkeit, der sich mit Würde zu fügen
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Göttern und Menschen geziemt.
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Nur manchmal, wenn sich wie heute
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Über Gebirg und See der lachende Frühlingshimmel
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Breitet, die Kinder des Orts auf dem Schulweg jauchzend vorbeigehn
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Und sein Eselchen treibend ein Bursch die Straße daherkommt
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Vor dem beladenen Karren – er knallt mit der Geißel und singt aus
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Vollem Halse sein Ritornell und dem lockigen Mädchen
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Nickt er mit lustiger Schalkheit zu – da mag wohl ein Heimweh
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Heimlich den Alten beschleichen nach lange verschollener Jugend,
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Und er gäbe die Weisheit gern, die teuer erkaufte,
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Gegen die selige Dumpfheit hin der Kinder und Toren,
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Wenn er auch noch so stoisch sich beugt der ehrnen Ananke.