So ist's denn wahr? wir senkten dich hinab

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Paul Heyse: So ist's denn wahr? wir senkten dich hinab Titel entspricht 1. Vers(1872)

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So ist's denn wahr? wir senkten dich hinab,
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Du lebenswarmes Herz, ins kalte Grab?
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Stumm ward so bald der frohe Sängermund?
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Der Wandrer rastet zu so früher Stund'?
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Nie singst du mehr dein muntres: Weil's mi freut!
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Dein jauchzend keckes Trutzlied: Habt's a Schneid?
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Das Aug erlosch, das dieser Berge Ring
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Mit freud'gem Aufblick tausendmal umfing!
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Hier, wo du oft hinflüchtetest, zu ruhn,
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Die letzte enge Ruhstatt fandst du nun,
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Und Greise, die dich noch als Knaben sahn,
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Sie werden wankend deinem Hügel nahn
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Und leise sprechen: Hab' ihn auch gekannt,
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Den Stieler Karl – der hatt' ein Herz fürs Land!
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Doch wir, die Freunde, wenn wir tränenvoll
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Dir brachten unsrer Liebe letzten Zoll,
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Wir gehn hinweg und lassen dich allein,
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Und nie mehr, nie mehr trittst du bei uns ein!

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Wie sonnig war dein Aufgang, klar und schön!
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Du schrittst mit freier Stirn auf Lebenshöhn
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Und warfst vom Gipfel überm Bachgebraus
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Dein helles Lied weit in das Land hinaus.
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Des Volkes Herzschlag war dir früh vertraut
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Und heimisch deinem Ohr sein tiefster Laut.
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In Lust und Leid, in Trutz und Übermut
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Wie rein dein Ernst, wie klang dein Lachen gut!
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Und wo du sangst, da trug der Widerhall
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Von Herz zu Herzen den willkommnen Schall,
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Ja, über deines Stammes Marken weit
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Scholl deines Hochlandsliedes Lieblichkeit,
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Daß, wo die Ostsee blaut, das Nordmeer rauscht,
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Man diesem Fremdling hingerissen lauscht',
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Und wo er gastlich pocht' an eine Tür,
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Mit offnem Arm die Liebe trat herfür.
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Doch er, bescheiden, schlicht, von echter Art,
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Heim sehnt er sich auf jeder Ruhmesfahrt.
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Nun, lieber Wandervogel, trägt ans Meer
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Zu keinem Gastfreund dich die Schwinge mehr,
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Der Frühling naht, die Halde grünt ringsum, –
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Dein Flügel brach, und deine Brust ist stumm.

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Nein, nur ein armer Trost ist's, der uns blieb:
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Jung müsse scheiden, wer den Göttern lieb!
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Ein Baum, im frischen Saft vom Blitz gefällt,
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Mag herrlich dünken einer fremden Welt;
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Doch wer geruht in seinem Schatten oft,
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Stets neue Frucht vom neuen Herbst gehofft,
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Der senkt mit Recht in bittrem Leid das Haupt,
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Wenn seinen Liebling ew'ger Frost entlaubt.
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O schön ist's, durch ein langes Leben gehn,
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Die Saat, die jung man säte, reifen sehn,
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Heranblühn seiner Kinder zarte Schar,
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Des Weibes Locke, die einst golden war,
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Sich silbern färben sehn und im Gemüt
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Die Jugend hüten, welche nie verglüht!
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Dir ward's versagt! Wir rufen bang: Warum?
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Ins Grab dir nach – sein dunkler Mund bleibt stumm.

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Doch in uns lebt noch dein beseeltes Wort,
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Dein edler Sinn und deine Treue fort.
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In jedes Festes traulichem Verein
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Wirst du uns fehlen – und wirst bei uns sein.
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In mancher Stunde, einsam durchgewacht,
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Grüßt uns dein stilles Bild mit Liebesmacht;
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Und führt das Leben uns in Wohl und Weh
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Hieher zurück nach deinem Tegernsee,
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Dann wird uns sein, als hüte diese Gruft
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Ein Geist, der zu uns spräch' im Hauch der Luft:

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Von seinen Lippen klang des Volks Gemüt,
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Ein Quell vom Hochland rauschten seine Lieder.
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O seid getrost! Erwachen wird er wieder,
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So oft der Lenz in seinen Bergen blüht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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