An Emanuel Geibel

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Paul Heyse: An Emanuel Geibel (1872)

1
Damals! – O mein Alter, rührt
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Ein Hauch dich wieder an aus jenen Stunden,
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Wo du noch scheu der Muse Gunst gespürt?
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Dein »Junius«, dein Sommer ist geschwunden,
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Zu deinen Füßen rauscht das rote Laub,
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Wie manches Glück ward frühen Winters Raub!
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Und doch, was jemals einer Menschenbrust
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Ereignis ward, bleibt immer ihr bewußt.
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So, da ich heut das schlanke Büchlein fand,
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Auf dessen erstes Blatt so wohlbekannt
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Mit jenen kräft'gen Zügen, die du liebst,
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Du jene seelenvollen Strophen schriebst,
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Wie lebte da mir auf die alte Zeit,
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Da ich dich fand, noch jung, noch stets bereit,
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»mit Liedern und mit Herzen süß zu spielen«,
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Und doch schon zugewandt den ew'gen Zielen!
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Ich sah das Haus, das uns so oft empfing,
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Das Gärtchen, drin Frau Klara sich erging,
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»in stiller Anmut lächelnd«. Wieder fliegen
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Wir Arm in Arm hinauf die schmalen Stiegen
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Und treten ein ins niedrige Gemach,
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Wo es an frohem Willkomm nie gebrach,
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Am Widerhall für jeden Herzensklang,
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An alles Gut' und Schönen Überschwang.
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Ich seh' dich wieder, wie mit finstrem Blick
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Du streichst die braunen Locken dir zurück
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Und deinen Kinnbart zausend träumst und sinnst,
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Bis tiefen Tons zu lesen du beginnst
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Ein neues Lied, das dir der Tag beschert.
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Und ringsum lauschen, ernst in sich gekehrt,
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Die Frau'n und Jünglinge, des Spiels vergessen
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Die Kinder, die am Tische mitgesessen,
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Und wenn du schweigst, bleibt's noch ein Weilchen stumm.
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Dann schweift die Rede frischen Fluges um;
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Der Frauen Lob erklingt, nach Männerart
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Wird auch ein kritisch Wörtlein nicht gespart,
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Bis Franz die Tasten anschlägt am Klavier
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Und hebt mit weichem Baß zu singen an,
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Was alle kennen, dein »O komm zu mir –«
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Sodann »Du mit den schwarzen Augen –«, dann
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Das trübste Lied: »Wenn sich zwei Herzen scheiden –«,
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Das freudigste, vom Kaiser, dessen Thron
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Du schautest in prophetischem Traume schon.
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Und während wir an Wort und Ton uns weiden,
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Hältst du Luisen vielgeduldig still,
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Die dein Profil ins Hausbuch zeichnen will.
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Die Kinder wurden längst zu Bett gebracht,
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Zu scheiden mahnt auch uns die Mitternacht.
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Doch zwischen Tür und Angel, schon im Gehn,
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Bleibst du, ein flüchtig Wort erhaschend, stehn
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Und windest aus dem Stegreif eine Kette
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Melodischer Oktaven und Sonette,
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Elegisch bald, bald humoristisch endend,
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Aus deinem Füllhorn unerschöpflich spendend,
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Daß der sonoren Verse Klang hinaus
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Sich dröhnend schwingt und unten vor dem Haus
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Ein später Wandler stehen bleibt und staunt,
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Was für ein Spuk da droben rauscht und raunt.

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Ja, damals! Nie vergess' ich dir's, wie mich,
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Den jungen Fant, du ließest brüderlich
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An deiner Hand dies traute Haus betreten:
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»da bring' ich euch den werdenden Poeten!« –
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Ein grüner Neuling, in der Prima noch,
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Hatt' ich, mit drei Gefährten treu verbunden,
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In deine Klause früh den Weg gefunden
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(am Enkeplatz, du weißt, drei Stiegen hoch).
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Du aber wähltest aus der kleinen Schar
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Gerade mich, der ich der Jüngste war,
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Und ließest mich mit schüchternem Entzücken
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In deine Mappen, deine Pläne blicken.
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Wie in des Meisters Werkstatt ein Geselle,
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Betrat ich lernbegierig deine Schwelle;
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Du aber führtest, wenn ich ratlos stand
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Vor eignem Werk, ermunternd mir die Hand.
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Mit kund'gem Ohr in fremden Ton und Stil
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Hinein dich horchend, lehrtest du mich meiden
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Jedweden Klang, der aus der Tonart fiel,
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Mit strengem Richtmaß das Zuviel beschneiden,
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Beständig warnend: »Nicht zu früh hinaus!
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Reif' erst zu deiner vollen Kraft dich aus!«
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Und guter Lehre mehr, die dankbewegt
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In feinem Herzen ich getreulich hegt',
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Obwohl ich frühe schon mir ward bewußt,
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Daß ich auf andern Wegen wandeln mußt',
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Als dich dein Genius führte. Immer doch
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In Einem hielt ich mir dein Vorbild hoch:
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Im redlich ernsten Sinn, dem reinen Streben,
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Sein Bestes stets, sein Eigenstes zu geben,
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Nicht rechts noch links nach Volkesgunst zu spähn,
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Fromm zu den hohen Alten aufzusehn
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Und in der Zeiten wandelvollem Drang
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Sich treu zu sein in Leben und Gesang.
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So wahrtest du das edle Vätergut,
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Die künstlerische Zucht, in treuer Hut,
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Dich selbst nie überhebend, nie gebeugt,
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Ein Priester, der von seinem Gotte zeugt,
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Ein Wächter, der sich auf die Zinne schwang,
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Das Tagelied des neuen Reiches sang
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Und, ob auch oft gelästert und verkannt,
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Doch endlich Neid und Schmähsucht überwand,
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Bis nach und nach des schweren Siechtums Nacht
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Die liederfrohe Lippe stumm gemacht.
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Da saßest du in deinem stillen Haus
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Und horchtest dem verworrnen Lärmen drauß
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Und wiegtest wohl dein Haupt, von Zweifeln voll,
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Wie's dahin kam und wie's noch enden soll!

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Denn mittlerweile kam bei uns in Schwang
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Ein seltsam Wesen, ein gespreiztes Spiel
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Mit altertümlich krausem Kling und Klang,
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Das flachen Halbtalenten wohlgefiel.
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Der Freund, der liedesmächtig, stark und zart,
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Zur Urständ half dem edlen Ekkehart,
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Wohl ahnt' er nicht, daß er heraufbeschwor
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Den minn- und meistersingerlichen Chor.
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Ein Narr macht mehre, Freund. Doch gib nur acht,
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Wie viele Toren erst ein Weiser macht!
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Der Maskentrödel, guter alter Zeit
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Entlehnt, birgt nun moderne Nichtigkeit.
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Da schleift und stelzt ein blöder Mummenschanz,
120
Ein Landsknechtminnespiel und »Govenanz«,
121
Mit Hei! und Ha! und Phrasenputz verbrämt,
122
Der totem Kunstgebrauch sich anbequemt.
123
O wie den Herrn, die nichts zu sagen hatten,
124
Die fremde Schnörkelrede kam zu statten,
125
Und wie der Zeit, die nicht zu eignem Stil
126
Den Mut erschwang, die Äfferei gefiel!
127
Zumal zum altertümelnden Gerät,
128
In Haus und Tracht als höchster Schmuck bewundert,
129
Die Butzenscheibenlyrik trefflich steht,
130
Verleugnend unser lichteres Jahrhundert!
131
Und wo der Dichter sonst begeistert stand
132
Im Vortrab der Geschichte, Hand in Hand
133
Mit denen, die am Werk der Zukunft bauten
134
Und Zeichen deutend nach den Sternen schauten, –
135
Heut, nicht mehr lauschend in die eigne Brust,
136
Vergräbt er sich in Raritätenwust
137
Und girrt dem kindisch leichtbegnügten Schwarm
138
Sein Spielmannsliedel vor, daß Gott erbarm!
139
Sich selber dünkend ein gewalt'ger Held,
140
Wenn er sein Lichtlein auf den Scheffel stellt.

141
Du aber, Muse, die uns einst gelehrt,
142
Nur reiner Seelenklang sei liedeswert,
143
Betäubt vom Schall der Glöcklein und der Zinken,
144
Ach, lässest trauernd du die Stirne sinken?
145
Wie lange noch wird dieser dürft'ge Wahn
146
Sinn und Gedanken des Geschlechts umfahn?
147
Wann wird, die wieder schlafend liegt im Hag,
148
Die deutsche Lyrik ihren Meister finden,
149
Der aus des Mittelalters Dämmergründen
150
Dornröschen rettet an den lichten Tag?

151
Da, während sinnend ich bei mir erwog,
152
Warum so manches Hoffen uns betrog,
153
Warum, da groß die neue Zeit erstand,
154
Der Vorzeit sich so mancher zugewandt,
155
In falscher Andacht nur Verlebtes preist
156
Und stammelt: Selig sind, die arm an Geist! –
157
Da wird ein Büchlein mir ins Haus gebracht,
158
Des Anblick mich auf einmal fröhlich macht:
159
Dein Liederbuch, o Freund! nicht ganz so schmal,
160
Wie, da zuerst du hingabst scheuen Bebens
161
Die Erstlinge der Ernte deines Lebens,
162
Und sieh – vom Titel grüßt die
163
Mein alter Geibel lebt noch! rief ich aus;
164
Noch duftet frisch sein erster Blütenstrauß,
165
Von dem er selbst nicht allzusehr erbaut,
166
Seit ernstern Blicks er in die Welt geschaut.
167
Nun denn, so ist's nicht hoffnungslos bestellt,
168
Trotz allen Bänkelsangs, um diese Welt;
169
So lebt noch eine Jugend, nicht allein
170
Bedacht zu tändeln, Maskenspiel zu treiben,
171
Wie fahrend Volk zu zechen und juchhein:
172
Noch will sie treu dem edlen Sänger bleiben,
173
Dem hell hervor aus eignem Busen drang
174
Auf alles Groß' und Schöne ein Gesang.
175
Dir aber, Freund, in deine Krankenzelle
176
Schickt diesen Gruß dein treuer Altgeselle
177
Und wünscht, aufblühen mög' in Geist und Blut
178
Noch einmal dir ein frischer Lebensmut,
179
Daß du das Saitenspiel zu Handen nimmst,
180
Noch einmal das so lang verklungne stimmst,
181
Und während sanft der Abendröte Glanz
182
Umpurpurt deines Hauptes grünen Kranz,
183
Anhebst ein Lied, wie dir's so oft gelungen,
184
Ein Trost den Alten, eine Lust den Jungen,
185
Bis vor der Saiten wundersamem Ton
186
Der Spuk der Afterkunst hinweggeflohn.
187
Wir aber, wenn der letzte Klang verweht,
188
Wir sehn empor zu jenem klaren Sterne,
189
Der lieblich funkelnd dir zu Häupter steht
190
Und leuchten wird in späte Zeitenferne.

191
So schrieb ich dir, so sollte dich mein Gruß
192
Erfreun im stillen Haus am Travefluß.
193
Doch eh' auf diese Zeilen fiel dein Blick,
194
Vollendet ward dein irdisches Geschick:
195
Stumm in die stillste Wohnung zogst du ein,
196
Kein Wort der Liebe dringt zu dir hinein.
197
Nie schwingt sich mehr ein Lied aus deiner Brust,
198
»der Alten Trost, den Jungen eine Lust«!
199
Ach, da ich noch zu hoffen scheu gewagt,
200
Hat schon der letzte Morgen dir getagt,
201
Und tiefbewegt der Kunde denk' ich nach,
202
Daß dieses leidumflorte Auge brach.
203
Nun hebt alsbald um den vielteuren Mann
204
Die Totenklage tausendstimmig an;
205
Nur ich, der mehr als einer ihn verlor,
206
Ich wäre wohl verstummt im lauten Chor,
207
Denn langsam reift mir das Gefühl zum Wort.
208
Nun trag' ein Lufthauch diese Blätter fort,
209
Und zu den Kränzen, welche taubeträuft
210
Das Volk auf seines Dichters Hügel häuft,
211
Innigster Trauer, echten Ruhms Symbol –
212
Geselle sich des Freundes Fahrewohl!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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