An Grillparzer

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Paul Heyse: An Grillparzer (1872)

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Es schien das goldne Buch geschlossen,
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Drin die erlauchten Namen stehn,
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Die als Unsterblichkeitsgenossen
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Hell durch der Zeiten Wandel gehn.
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*Der letzte, der vom Gotte trunken
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Im wachen Tag ein Träumer stand,
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War in die Schattennacht versunken,
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Penthesileen wahlverwandt.

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Nun loschen aus die schönen Flammen,
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Die leuchteten der goldnen Zeit.
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Der Dichtung Hochwald schrumpft zusammen,
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Nur flacher Nachwuchs weit und breit.
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Zum Zerrbild schwand das Große, Kühne,
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Dem Sinnentaumel ward gefrönt,
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Und Friedrich Schillers stolze Bühne
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Schien wieder des Kothurns entwöhnt.

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Da stand in weiheloser Öde
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Einsam ein Nachgeborner auf,
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Ein gottbegnadeter Tragöde
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Begann den raschen Siegeslauf.
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Aus der Romantik Jugendwildnis,
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Wo er den ersten Kranz sich brach,
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Zog ihn der ernsten Muse Bildnis
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Auf vielverschlungnem Pfad sich nach.

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Sie führt' ihn, der ihr fromm vertraute,
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In alter Sagen Dämmernis,
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Ein kühner Dichterargonaute
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Zu retten dort ihr goldnes Vließ.
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Und als nach Haus die Segel schwellen,
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Umrauschen ihn auf sichrer Bahn
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Des Meeres und der Liebe Wellen,
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Und Sapphos Schatten schwebt heran.

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O frohe Fahrt, rings mit Trophäen
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Geschmückt des Schiffes hoher Bord!
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Wohl flog die Kunde von Medeen
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Durch alle Lande siegend fort;
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Doch ihm, der Heimat treustem Sohne,
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Schien kein Gewinn
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Sein
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Sein

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Da, auf des Lebens Sonnenwende,
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Stellt' er die mächt'gen Bilder hin
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Von jenes Böhmen Glück und Ende
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Und Habsburgs leuchtendem Beginn.
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Nie herzgewinnender und schlichter
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Ging auf ein fürstlich hoher Stern,
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Und freie Liebe macht den Dichter
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Zum treusten Diener seines Herrn.

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Das Werk des Künstlers ist sein eigen,
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Doch daß es wirke, braucht's der Zeit.
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Am lauten Markt hüllt sich in Schweigen
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Der Genius, den ein Gott geweiht.
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Anbrach mit stürmischen Gewalten
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Ein Völkerfrühling wild und schwül;
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Des Dichters sinnende Gestalten
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Sahn fremd herab auf das Gewühl.

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Da ließest du, erhabner Meister,
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Weltabgewandt den Griffel ruhn.
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Was dir vertrauten hehre Geister,
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Mißgönntest du dem Volke nun.
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Vergessen wähntest du, verschollen
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Die Tage deines Sonnenflugs,
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Da rings die Zahl der liebevollen,
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Der harrenden Gemeinde wuchs.

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O liebe noch dies Erdenleben
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Mit seinen Freuden, seiner Last!
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Noch hast du Herrliches zu geben,
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Vor dem der Jüngern Ruhm erblaßt.
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Rings sucht man trügliche Gewinste,
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Statt heil'ger Flammen Rauch und Dunst,
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Und im Gedränge kleiner Künste
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Verloren ging die große Kunst.

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Du aber lebst! Und liegt in Trümmern
74
So viel des Alten, Stein an Stein –
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Nichts soll den Glauben uns verkümmern:
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Du bleibst der Unsre, wir sind dein!
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In deinem Werk ist uns gegeben
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Des Wiederfindens Unterpfand;
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Denn ihre großen Geister weben
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Der Völker unverbrüchlich Band.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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