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Wie, Freund? Ist's Wahrheit, was ich seh'?
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Wir zwei beim Bundesschützenfeste,
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Nicht als beschaulich stille Gäste,
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Nein, feierlich im Komitee?
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Ist denn die Zeit zurückgekehrt,
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Da noch Apollo ward verehrt
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Nicht bloß als treuer Musenpfleger,
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Auch als berühmter Schütz und Jäger?
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Denn daß wir beide, wie wir hoffen,
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Ins Schwarze hie und da getroffen
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Mit unsrer stillen Art und Kunst,
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Erwarb uns schwerlich so viel Gunst,
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Daß, wo es knallt den ganzen Tag,
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Man unser nicht entraten mag,
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Zumal kein Mangel ist an biedern
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Grünangehauchten Schützenliedern,
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Daß nun ein großer Lyrikus,
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Wie du, ein frisches dichten muß,
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Zu schweigen von meiner Wenigkeit.
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Doch sieh! da fällt mir ein beizeit,
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Daß ich in Tagen, die schon fern,
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Auch war ein Jäger vor dem Herrn,
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Wovon der Münchner Magistrat
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Etwa ein Gerücht vernommen hat,
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So daß er nun auch mich erlesen
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Zum Beirat diesem Schützenwesen,
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Als einen, der der Jägerei
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Zwar nur als Dilettant beflissen,
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Doch auch nicht übel kundig sei.
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Ich war im schönen Berchtesgaden
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Anno Sechzig zu Hof geladen,
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Wo ich im luftigen Sommerschloß
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Gar vielfach Liebs und Guts genoß
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Von meinem königlichen Herrn,
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Der so viel Huld an mir bewiesen –
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Nie würde sie genug gepriesen.
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Nun mocht' er seine Gäste gern
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Vergnügt und guter Dinge sehn,
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Sollt' einem jeden nach Wunsch geschehn;
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Und da von manchem Jägerzug
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Ich keine Beute nach Hause trug –
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Ein blutiger Neuling, wie ich war,
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Nicht ungeschickt im Treffen zwar,
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So lang es nur die Scheibe galt,
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Doch wenn das Hochwild durch den Wald
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Hinstürmte, gleich mit Herzenspochen
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Fühlt' ich das Blut in den Adern kochen,
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Und schoß, wie's Sonntagsjägern geht,
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Zu hoch, zu tief, zu früh, zu spät –
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Da schien's meinem hohen Gönner fast,
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Als würde das Weidwerk mir verhaßt,
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Und nagt' ein Wurm mir am Gemüte.
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Drum, da es wieder waldwärts ging,
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Ich eine Büchse von ihm empfing,
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Einen schönen Zwilling von sondrer Güte. –
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Die hat mir selbst bei keiner Jagd,
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So sprach er lächelnd, je versagt;
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Mit der soll's Ihnen heut gelingen.
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Wir Schützen jeder an seinen Stand.
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Ein Wäldchen, das Ahornet genannt,
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Im wolkennahen Hochgebiet
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Empor zur Gotzenalm sich zieht,
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Von steilem Felskamm überragt,
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Des jäh abstürzendes Gewänd
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Vom Königssee den Talgrund trennt.
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Hier war bestellt die frühe Jagd
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Und ward ein Stand mir zugewiesen,
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Nie einen schönern gab's als diesen.
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Aus eines Tännleins grünem Schatten
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Sah ich hinab die sanften Matten,
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Von Ahornwipfeln überdacht,
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Dazwischen spielt in Ringen sacht
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Die golden heitre Sommersonne.
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Ich saß verträumt in stiller Wonne,
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Doch späht' ich scharf und hielt zum Schuß
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Die Büchse fertig auf den Knieen.
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Ein Jagdgehilf' war mir verliehen,
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Mit seltnem Namen: Phrygius.
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(dies aber war sein ganz Latein,
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Mocht' eines Ahnherrn Erbschaft sein,
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Der einer Schul' einmal gewaltet
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Und sich lateinisch umgestaltet.)
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Ein hagrer Bursch mit Augen blau,
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Ein rechter Jäger fest und schlau,
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Und war's wohl längst von Herzen satt,
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Daß der Herr Doktor aus der Stadt
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Sein Pulver nebenbei verknallte.
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Wie nun die Jagd das Tal durchhallte
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Und ferne fiel ein erster Schuß –
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Heut, sag' ich, teurer Phrygius,
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Sollst du dich meiner nimmer schämen;
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Ich will mich scharf zusammennehmen. –
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Und sieh, kaum ward die Rede laut,
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Stößt mein Gesell mich heimlich an.
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Ein junger Spießer zog heran,
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Vorsichtiglich, nicht gar vertraut,
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Und windet äugend um sich her,
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Als ob's ihm nicht geheuer wär'!
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Ich flugs die Büchse von den Knien,
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Doch er gewahrt mich, wie mir schien,
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Er wend't sich – tut einen Satz – und krach!
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Donnert mein Mordgewehr ihm nach.
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Doch was war das? Im selben Nu
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Kracht's abermals – Was Teufel! du?
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Phrygius? – Er achselzuckte bloß:
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's war nix. Mein rechter Lauf ging los,
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Von selbst. Doch der Herr Doktor hat
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Getroffen. Schaun's nur, grad aufs Blatt!
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Hin durch die Lichtung eilen wir.
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Da lag im Gras das edle Tier,
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Die Lichter halb verglast, und wendet
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Den Kopf nach mir, eh' es verendet,
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Fast vorwurfsvoll, als früg' es an,
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Wer von uns zwein ihm das getan.
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Mein Phrygius murmelt nur: Den hat's!
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Und schleicht zurück zum alten Platz.
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Doch ich: Phrygius – der Schuß war gut;
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Doch ist mir wunderlich zumut.
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Ging deine Büchse – schwör mir's heilig! –
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Von selber los? – Los ging sie freilich.
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Hab' mit der Hand am Schloß gespielt
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Und auch – mein Eid! – nicht erst gezielt.
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Doch jetzt sein's stat. Es kimmt noch mehr.
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Wohl kam's, doch nimmer zu uns her.
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Die Jagd nahm ihren raschen Lauf,
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Ein Wetter zog vom See herauf,
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Bald sahn wir auch die Treiberkette.
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Nun ging's bergunter in die Wette,
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Bis zu dem sichern Ort am Strand,
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Wo schon gedeckt die Tafel stand,
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Die Köche für den Königstisch
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Sotten und brieten, Wild und Fisch.
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Da ward mit Zuruf ich empfangen.
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Schon war die neue Mär ergangen,
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Daß heut auch mir ein Schuß geglückt.
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Den Zweifel, der mich heimlich drückt',
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Ich schluckt' hinunter ihn und saß
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Ganz still, da nun das volle Glas
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Der königliche Jagdherr hob
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Und sprach: Dem Doktor ziemt ein Lob.
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Er tat heut seinen Meisterschuß.
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So wollen wir verdientermaßen
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Den wackren Schützen leben lassen! –
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Und neigte mir sein Glas zum Gruß.
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Ich murmelt was von Phrygius,
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Doch nahm es niemand mehr in acht,
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Denn plötzlich brach mit wilder Macht
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Das Wetter los, der See ging hoch,
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Wir leerten kaum die Gläser noch
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Und schwammen durch Gewittergraus
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Bis auf die Haut durchnäßt nach Haus.
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So losch mein erster Glückstag aus.
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Doch nachts im Traum ist mir erschienen
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Mein junger Hirsch und sah mich an
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Mit spöttlich überlegnen Mienen,
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So gut ein Waldtier grinsen kann,
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Als wollt' er sagen: Hast du nun
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Das Herz, auf Lorbeern auszuruhn,
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Die du nicht selber konntst gewinnen?
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Bei deinem Leisten bleib hinfort:
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Mach Verse! Sinne nicht auf Mord! –
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Spuk, rief ich, hebe dich von hinnen!
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Vernahmst du nicht des Phrygius Schwur? –
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Der Unhold aber lachte nur,
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Und um den Spötter rings zuhauf
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Tauchte viel andres Wild noch auf,
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Rehböcke, Gemsen ohne Zahl,
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Die sprangen um mich her zumal,
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Vertraut und nah, um mich zu necken,
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Und stupften mich an allen Ecken,
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Und hob ich meine Büchs' empor,
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Hohnkicherte der ganze Chor,
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Bis mir vom Haupt der Angstschweiß lief,
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Ich überlaut: Hilf, Phrygius! rief –
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Da war das Nachtgespenst zerstoben.
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Dir aber les' ich's am Gesichte:
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Was die Moral sei der Geschichte? –
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Ei, daß man uns um manches ehrt,
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Was nicht der Red' und Ehre wert,
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Indes die Welt bleibt wiederum
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Bei unsern besten Taten stumm,
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So daß mit ruhigem Gewissen
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Wir eins ins andre rechnen müssen.
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Und also, wenn ich heut' uns seh'
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Im Bundesschützenkomitee,
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Laß uns nicht grübeln, ob wir wert
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Des Ehrenamts, so uns beschert,
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Vielmehr bescheiden Arm in Arm
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Durchwandern wollen wir den Schwarm,
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Und wenn am Himmel Wolken schweben,
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Die Hände zum Apoll erheben,
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Daß diesem frohen Festgetreibe
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Der Fernhintreffer günstig bleibe,
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Mit seiner Sonne schönstem Glanz
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Vergoldend jedes Siegers Kranz,
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Daß ungetrübt in alt und jung
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Nachleuchte die Erinnerung.
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So wären denn auch die Poeten
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Im Ausschuß nicht umsonst vertreten.