Dem Andenken König Maximilians II. von Bayern

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Paul Heyse: Dem Andenken König Maximilians II. von Bayern (1872)

1
O daß der Wert der höchsten Lebensgüter
2
Erst im Verluste reift, daß wir, vom Trug
3
Des Augenblicks umspielt, sorglose Hüter
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Des Ew'gen sind, und dünken uns so klug!
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Ein echter Mensch, der innige Gemüter
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Zur Liebe zwingt, wer dankt ihm je genug?
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Er geht dahin – nun ist sein Bild vollendet
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Und wirket fort, wo andrer Wirken endet.

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Wohl, dies ist Menschenlos! Und dieses Los
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War dein, o Fürst, der du ein Mensch gewesen,
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In deiner Krone Glanz so schimmerlos,
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Daß manche wohl verkannt dein hohes Wesen.
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Doch der begriff dein Wollen, rein und groß,
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Dem je vergönnt war, dein Gemüt zu lesen
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In jenem Auge, das so sinnend glühte
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Von Adel, Mut, Gewissensernst und Güte.

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Du lebtest nicht dir selbst. Dein Sinn und Denken
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War deinen Pflichten rastlos zugekehrt.
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Du dachtest stolz vom Amt, ein Volk zu lenken,
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Bescheiden von der Kraft, die dir beschert.
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Nichts sollte dir den freien Blick beschränken,
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Denn wer die Wahrheit sucht, ist ihrer wert;
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Heraufzuführen ihren lichten Morgen,
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Die Blüte war's all deiner Fürstensorgen.

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So, statt in weicher Ruhe dich zu wiegen,
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Hast du den Kampf der Geister selbst entfacht.
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Nie zweifelnd an des Lichtes schönen Siegen,
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Ein Wecker standet du auf hoher Wacht.
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Du sahst die Gipfel rings im Glanze liegen,
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Unwillig aus der Tiefe wich die Nacht;
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Dein Lohn, hoch überm Lohn der Welt erhaben,
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War, an der Strahlen Wachstum dich zu laben.

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Dann liebtest du's, nach ernster Tagestat
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Im Hain der Musen deine Stirn zu kühlen,
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In ihrer heil'gen Quellen tiefes Bad
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Eintauchend deine Sorgen abzuspülen.
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Ein Reigen hoher Abgeschiedner trat
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Still vor dich hin, mit ewigen Gefühlen
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Die Brust dir stärkend, und des Zwangs entbunden
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Floß das Gespräch in jenen reichen Stunden;

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Dem Jüngsten selbst. Als deine Huld ihn rief,
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Den Namenlosen, der die ersten Flüge
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Mit schwankem Fittich kaum getan, wie tief
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Empfand er seiner Jugend Ungenüge!
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Er wußte nur, daß etwas in ihm schlief,
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Das er erwachend dir entgegentrüge,
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Und frohgewillt, zu leben und zu lernen,
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Folgt' er vertrauend dir und seinen Sternen.

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Du gönntest ihm von allen seltnen Gaben
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Die seltenste, die je ein Fürst verliehn:
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Freiheit, nach eignem Trieb sich Bahn zu graben,
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Und wie er sich dir gab, so nahmst du ihn.
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Nicht wolltest du den Ruhm des Kenners haben,
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Den Schaffenden nach deinem Wink erziehn;
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Du ehrtest stets und ließest frei gewähren
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Den graden Wuchs in eignen Charakteren.

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Der Dichter, dessen Lied die Welt zu spiegeln
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Sich unterfängt, soll erst die Welt erkennen,
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Und wie er Menschenrätsel lernt entsiegeln
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In Hütten, wo die dürft'gen Feuer brennen,
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So mögen sich die Pforten ihm entriegeln,
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Die von dem Sitz der Macht die Menge trennen.
63
Erst wenn er Höhn und Tiefen maß der Erden,
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Lernt er die schwerste Pflicht: gerecht zu werden.

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Und so genoß ich deiner edlen Milde
66
Sorglosen Herzens manch ein Jugendjahr,
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Still hoffend, einst durch dauernde Gebilde
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Zu zeugen, daß sie nicht vergeudet war.
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Nun hast du dich vom irdischen Gefilde
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Hinweggewandt zu sel'ger Geister Schar
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Und ließest mich in meines Strebens Mitte,
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Daß ich den Schmerz versäumten Danks erlitte.

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Was gälte dir mein Dank? Verklärte fragen
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Nach Zeichen nichts, erlöst von allem Schein.
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Mich aber drängt's, den Lebenden zu sagen,
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Was du mir warst, und dir ein Mal zu weihn.
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Mag mir die Zukunft reifre Früchte tragen,
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Die Erstlinge von jedem Herbst sind dein,
79
Wie dieser Kranz, den mit bewegter Seele
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Ich deiner Gruft zu schlichtem Schmuck erwähle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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