An N.N

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Paul Heyse: An N.N (1872)

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Meine Hexameter tadelst du mir und schüttelst bedenklich
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Dein skandierendes Haupt, so oft ein schnöder Trochäus
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Oder ein Daktylus dir, ein schwerhinwandelnder, aufstößt.
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Ehmals hätt' ich es besser gekonnt, zu der seligen Thekla
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Zeit; wie sei ich seitdem vom rechten Pfade gewichen?
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Und nun hättst du das Beste gehofft und gefleht zu den Göttern,
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Mir in südlichen Lüften das Band vom Ohre zu lösen.
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Hätt' ich doch Capri gesehn und des felsenumgürteten Eilands
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Schroffes Gestad von neuem besucht und wüßte, wie selten
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Dorten ein Rettungsport für scheiternde Verse zu spähn sei,
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Wo einst Platen geweilt, der Moses unsrer Prosodik,
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Der in steinerne Tafeln die zehn Gebote des Wohlklangs
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Grub und nicht sie grollend zerschmetterte, weil noch der Pöbel
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Töricht das goldene Kalb umtanzt der gelinderen Praxis.
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Sei das alles verloren an mir, dem einige Verskunst
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Selbst die gestrenge Kritik, die verdammensselige, nachrühmt?
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Weh des verlorenen Sohns! Es weinten um ihn auf des Pindus
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Höh'n die Schwestern, die neun, und auf der Asphodeloswiese
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Werd' ein Seufzen vernommen, ein einziger banger Hiatus;
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Platen verhülle das Haupt und stöhn' in geflügelten Rhythmen
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Über das undankbare Geschlecht nachstümpernder Enkel,
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Dem umsonst er gelebt, umsonst sein ehern Gesetz gab.

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Ja, nicht darf ich es leugnen, o Freund: ich fühle mich schuldig,
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Doch weit anderer Sünden. Mit meinen Hexametern wär' ich
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Selbst wohl besser zufrieden, – dafern sie
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Hab' ich doch einst mit saurem Bemühn die geduldige Thekla
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Sanft zu befreien gesucht vom lähmenden Zwang der Korrektheit,
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Froh um jeden bequemeren Fuß, auf welchem die Rede
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Mit treuherzig behaglichem Gang hinschlenderte, nicht mehr
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Künstlich die Zehen gespreizt und die römischen Pas nachzirkelnd.
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Manches geriet mir zu Dank, doch anderes fügte sich nimmer.
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Denn was Hänschen nicht lernt, – vielmehr, was Hänschen gelernt hat,
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Kann mit steiferen Gliedern ein Hans nicht wieder verlernen.
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Warum ward uns Knaben die Platensche Zucht auf der Schulbank
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Fest in die Ohren geschmiedet und
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Ein daktylisches »Vaterland« gar mit röterer Tinte,
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Als ein
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Damals konntst du an mir viel Ehr' und Freuden erleben.
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Doch mir ward auf immer im Schnürleib klassischer Hoffahrt
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Meines Hexameters fröhlicher Wuchs unheilbar zerrüttet.
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Sah ich doch achselzuckend herab selbst auf den gewalt'gen,
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Den schon früh mit der Glut des freiauflodernden Herzens
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Ich vor allen verehrt. Nur zum Hexameter, wähnt' ich,
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Hab' ihm ein feindlich Geschick den gültigen Stempel verweigert,
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Daß er falsch ihn geprägt und sein gediegenes Gold nun
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Leider in solcher Gestalt nicht Vollwert habe dem Kenner.
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O ich pfuschender Knabe! Zu spät erst fielen die Schuppen
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Mir vom Aug'; ich erkannte, wie blind an ihm ich gefrevelt,
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Wie sein Genius ihn auch hier weit sichrer geleitet
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Mit nur tastendem Schritt, als unsern prosodischen Grafen
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Seine Gelehrsamkeit und alexandrinischer Kunsttrieb.

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Doch fern sei's, den Toten zu schmähn, der wahrlich vollauf schon
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Leid im Leben erfuhr, Mißurteil, Hohn und des Unglücks
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Lähmenden Druck. Denn arm und ein Graf, Poet und ein Deutscher,
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Heimischem Ruhm nachtrachtend in selbsterwählter Verbannung,
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Statt des lebendigen Lebens ein Wolkengebild umarmend,
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Wandelt' er unter den Fremden dahin und lauschte begierig,
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Ob ihm über die Alpen ein Laut nachfolge des Beifalls,
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Dem er stolz zu entsagen sich rühmt', um nur von der Nachwelt
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Späte Genugtuung zu empfahn und sühnenden Lorbeer.
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Doch nie soll ein Dichter sich selbst entfremden der Heimat,
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Die, wie immer gescholten und scheltenswert, mit den frühsten
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Säften der Seele genährt, und der zu entwachsen so wenig
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Glückt und geziemt, wie je ein Sohn von der Mutter sich losmacht.
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Wer gewaltsam lös't das Band der Natur, dem rächt sich's
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Nicht am Leben allein, dem freud'- und friedeberaubten,
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Auch an der Kunst. Und flöh' er zu jenem seligen Eiland,
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Wo ihm Schönheit winkt vom lachenden Strand, aus den Hütten,
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Wie aus hohen Palästen und herrlichen Meistergebilden,
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Nie doch fänd er Ersatz des Wünschenswertesten: Einklang
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Mit sich selbst und dem eigenen Volk. Ja, selber die Sprache
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Wird ihm ein leblos Wesen, geschickt zu manchem Gebrauch wohl,
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Doch ein künstlich Phantom, nicht mehr aus Kinder- und Ammen-
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Mund mit rührender Macht uns Ohr und Seele bewegend,
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Wie es der Dichter bedarf, auf daß im Busen die Kraft ihm
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Nicht verdorre, das Herz verbrüderter Menschen zu rühren.
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Sieh im Bauer den Vogel; man lehrt ihn künstliche Weisen,
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Und er flötet gelehrig sie nach; doch bleibt es ein seltsam,
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Schier unheimlich Getön, und nicht wie schlichter Naturlaut
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Harmlos munterer Sänger erquickt sein Trillern das Herz dir.
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So entfremdet' auch er sich der echt anheimelnden Tonart,
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Nicht vom warnenden Beispiel belehrt des schweifenden Helden,
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Der mit Wachs sich die Ohren verwahrt, um an der Sirenen
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Klippen vorüberzuschiffen. Zu Haus wohl deuchte das Grunzen
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In des göttlichen Sauhirts Pferch ihm trauterer Wohlklang,
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Als im purpurnen Meer der gefährlichen Jungfraun Lockruf.
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Platen jedoch umstrickte die feinaufhorchende Seele
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Griechischer Rhythmen Gewalt; er vergaß, daß anderen Völkern
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Andere Kraft und Sitte verliehn und andres Bedürfnis.
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Nicht goldwägerisch mißt nach Gran und Skrupel den Lautwert
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Unser germanisches Ohr; den Sinnwert wägt es vor allem.
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Wo sich der Verstakt feindlich entgegenstemmet dem Wortton,
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Gönnen wir diesem den Sieg; es soll statt ruhigen
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Kein Au
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Ob auch, streng auf der Wage des sinnlichen Lautes gewogen,
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Ein Diphthong gleich wuchtet dem anderen. Sind doch die Quellen
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Noch nicht völlig versiegt, daraus vor manchem Jahrhundert
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Unsere Dichtung sog ihr frisch aufsprossendes Leben.
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Walthers und Wolframs Deutsch – wohl ist's verklungen; wir lernen
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Fast wie Fremde den Ton des Kürenbergers. Und gleichwohl
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Schlägt noch immer der Puls, der blutsverwandte, mit freier
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Hebung und Senkung, mächtig im Verse des Faust und des Volkslieds.

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Traun, wohl glückt' es ihm noch im leichteren epischen Versmaß,
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Als er die Fischer von Capri sang. Doch in Zuckungen förmlich
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Fällt ihm in Oden und Hymnen die gliederverrenkende Muse,
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Daß dem geneigtesten Leser, entwöhnt seit Jahren der Schulbank,
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Will er im Verstakt bleiben, der Angstschweiß strömend hervorbricht.
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Hat ein hellenisches Ohr in Pindars Klanglabyrinthen
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Leicht, wie in blühenden Gärten ein Kind, zurecht sich gefunden,
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Uns hilft nimmer der Faden des Schemas aus dem verschlungnen
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Irrgang künstlicher Rhythmen, wo hinter verschnörkelten fremden
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Redeblumen der Sinn sich verbirgt. Wir lieben den freien
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Rüstigen Schritt auf ebenem Pfad und die offene Fernsicht;
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Ob durch Markt und Gassen und mondlichtschimmernden Meinberg
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Herrmann schreitet, am Arm die hohe Gestalt der Geliebten,
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Ob uns Reineke führt die geschlängelten Pfade des Märchens,
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Oder Mörikes sicherer Mann und am Ufer des Boden-
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Sees der listige Fischer mit weitausgreifenden Schritten.

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Doch
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Sanft in den ewigen Traum ein Grablied griechischen Wohllauts.
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Mög' er sich freuen der Zweige des Lorbeers, die ihm in frommer
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Ehrfurcht manch ein Jünger geweiht, der ähnlich dem Meister
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Auch in der Kunst nur suchte die Kunst und jenen bestaunte,
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Weil ihm ein Äußerstes glückte, wie oft auch drüber die Sprache
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Außer sich kam. Und wahrlich: er tat das Seine, mit tapfer
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Gläubigem Mut, auf Gold nicht bedacht und das Lob des gemeinen
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Haufens. Er diente dem Gott, der ihm der wahre geschienen.
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Sag, was kann ein Sterblicher mehr? Drum mag es auch mir nun,
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Den zu anderem Glauben das Herz hindrängte, vergönnt sein,
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Meinen Göttern getreu hinfort mein Wesen zu treiben,
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Wie ich muß und vermag. Du aber vergib mir den lehrhaft
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Trockenen Brief und die schlechten Hexameter, die dir ein Greul sind!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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