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Hast du das Goethebildchen im Sinn? Vor neunzig und einem
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Jahr entstand es in Rom, da hier mit dem wackeren Tischbein
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Er sich bescheiden vertrug, wie im Storchenneste der Adler
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Sich zu wohnen bequemt, weitab in die Ferne verschlagen.
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Nicht die Tafel, die ihn »als Reisenden zeigt, in den weißen
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Mantel gehüllt, im Freien, auf umgestürztem Getrümmer,
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In die Campagna die Blicke gekehrt«; nein, jenes geringre
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Blatt, mit der Feder umrissen und leicht schattiert mit dem Pinsel,
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Wo er so bäuslich erscheint in der Sommerfrühe, nur eben
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Aus dem Bette gesprungen und erst notdürftig bekleidet,
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Wie er, den hölzernen Laden zurückgeschlagen, des schönen
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Römischen Morgens genießt und bequem hemdärmlig am Simse
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Lehnt und der Sonne die Brust und das atmende Antlitz zukehrt.
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Nur vom Rücken belauschest du ihn, doch glaubst du in jeder
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Linie den Hauch zu empfinden des Wohlseins, der aus dem Lichtquell
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Sich durch Adern und Nerven des Neuerweckten ergossen.
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Selbst im Nacken das Zöpfchen, der Fuß, der aus dem Pantoffel
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Halb sich erhob, die Schnalle, die unterm Kniee den Strumpf hält,
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Jeglicher Zug spricht aus: dem Mann ist wohl; wie ein Halbgott
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Schlürft er, vom Zwange befreit, den verjüngenden Atem der Frühe.
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Sieh nun, unter dem nämlichen Dach – nur wuchs es um einen
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Stock seitdem noch hinauf – ward deinen Freunden zu wohnen
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Vom Geschicke vergönnt. Wir wanderten neulich im Korso,
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Scharf nach Täfelchen spähend, darauf uns winkte die Losung
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Rondanini über« begrüßt' in Marmor gegraben
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Uns die Notiz, »es hab' hier einst Unsterbliches dichtend
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Wolfgang Goethe gewohnt (
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Des zum Gedächtnis sei von der Stadt die Tafel gestiftet«.
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Doch wir wandten enttäuscht uns weg, wie übelbehauste
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Fremdlinge tun, die selbst denkwürdigsten Stätten vorbeisehn,
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Nur von der Sorge bewegt, wo nachts sie ihr Haupt hinbetten.
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Just da holt' uns die Botschaft ein des Wohnungsvermittlers:
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Zwei vortreffliche Zimmer am Korso könn' er empfehlen,
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Rief ich. Umsonst nicht hast du ihn nun zeitlebens vergöttert.
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Wie dem redlichen Priester im Heiligtume zu wohnen
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Nicht als Frevel erscheint, so ziemt's auch dir, in den Mauern,
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Die sein Name geweiht, dein winterlich Wesen zu treiben.
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Ach, nur leider die Jahre, sie haben der teuren Erinnrung
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Traulichste Spuren verwischt. Er selbst, wenn heut er der alten
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Römischen Zeit Schauplätze mit Geisterschritten durchwallte,
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Fände den Saal nicht mehr, darin er über den Sommer
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Kühl und still sich gehalten, aus dem hinab in die Gasse
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Nachts die Geigen erklangen und schöne Musik, bis drunten
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Ein musikalischer Wagen, auf nächtlicher Runde begriffen,
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Anhielt, Sang und Klang mit vollem Orchester erwidernd,
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Während das lauschende Volk mit Händeklatschen dem schönen
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Doppelkonzert Dank sagte, vorab dem reichen Milordo,
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Der so treffliche Künstler in seinem Hause versammelt.
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Kaum das Fenster erkennt' er vielleicht, aus welchem herüber
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Ihm Angelika winkte, die Künstlerin, etwa dem Freunde
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Mitzuteilen: Ich hole dich ab zu Wagen; der Tag ist
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Alles ist längst verwandelt vom neuernden Geiste der Enkel;
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Nur nach Süden der Blick schweift über den Garten am Hause,
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Über die Nachbargärtchen, getrennt durch schwärzliche Mauern,
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Zwar auch sie nicht mehr »mit einfach edeler Baukunst,
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Gartensälen, Balkonen, Terrassen und offenen Logen«
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Frei und lustig geschmückt; ein unansehnlich Gewinkel
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Strebt vielfältig empor und dient allein dem Bedürfnis.
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Doch wie damals noch erfreun Zitronen und reife
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Goldorangen den Blick, »ein grünendes, blühendes Eden«,
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Und zwei Brünnlein sprühn in reinliche Becken die Welle,
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Die es erfrischt. Und wenn hoch über den Dächern die Sonne
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Mitten im starrenden Winter den Hauch ausbreitet des Frühlings
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Ist's gar lieblich dahinten, und allerlei Götter und Geister
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Meinst du schweben zu sehen entlang den sonnigen Pfaden,
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Ganz wie am lachenden Morgen, da droben im oberen Stockwerk
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Sich ein Laden geöffnet und aus zwei strahlenden braunen
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Augen ein hoher Mensch in das niedere Gärtchen hinabsah.
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Wohl! Er hatte die Augen, die sonnenhaften, gewohnt ins
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Helle zu schaun, und gleich den Königskindern im Märchen,
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»vor ihm Tag und hinter ihm Nacht«, durchschritt er das Leben
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Leuchtenden Haupts. Wie vor des Gestirns Glutpfeilen der Nebel
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Weicht, schien jegliche Trübe vor seinen siegenden Blicken
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Sich zu zerstreun und sanft zum Farbenspiele der Dichtung
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Selbst die Schatten des Todes versöhnt auseinanderzuklingen.
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Ach, mit solcher Gabe, der köstlichsten, wähnt' ich mich selber
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Einst vor vielen begnadet. Talent zur Freude zu haben,
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Rühmt' ich mich oft; stets war ich bedacht, den Neid der Dämonen
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Nicht durch Prahlen zu reizen, und nicht durch frostigen Undank
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Mir zu verscherzen das himmlische Gut. Und sonnige Jahre
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Lebt' ich fruchtbar hin. Nun aber umspann mich das Schicksal
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Mit so dichtem Gewölk, daß mir die Wimper, die schwere,
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Lang schon haftet am Boden, und wie ein Vogel im Regen
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Unter dem Dachfirst stumm den triefenden Flügel gesenkt hält,
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Sitz' ich beklommen und starr und keinem Gestirn mehr trauend,
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Das noch blinzelnd zuweilen aus tiefer Umschleierung vorbricht.
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Denn zu schwer im Tiefsten verwundete diesmal der Parze
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Schnitt, die den goldensten Faden aus unsres Glückes Gewebe
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Hart lostrennend zerriß. Nun ward das zarte Gebilde
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Unbarmherzig zerrüttet. Das Händlein, das so geschäftig
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Mit an dem Einschlag helfend die buntesten Blumen hineinwob,
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Ruht in ewiger Nacht. Wir aber leben von Dämmrung
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Schaudernd umgraut. Nichts Holdes und Sonniges kommt uns zu lichten,
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Selbst hier unter dem römischen Dach, wo jener gewalt'ge
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Sohn des Lichtes den Hauch der Erinnerung wärmend zurückließ.
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Und ich frage mich: Hätt' auch ihn so Herbes getroffen,
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Wie wohl hätt' er's getragen? mit welchem Balsam der Wunde
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Fieber gekühlt? Wär' auch so seelumnachtende Trübsal
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Vor dem strahlenden Auge des Welterleuchters zerronnen?
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Hätt' ein Gott ihm gegeben, auch das von Herzen zu singen,
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Sein verlornes Geliebtes mit dichtender Kraft zu verew'gen?
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Doch was frommt es, zu grübeln, wie wohl ein Stärkrer geduldet,
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Wie er bewältiget hätte sein Weh! Ich dulde das meine,
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Wehrlos gegen die Übergewalt, obwohl ich in andrer
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Not nicht schimpflich bestand und ein Kämpfer zu sein mir bewußt bin.
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Mehr als geliebt ja hab' ich dies Kind: es war meine letzte
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Leidenschaft. Nie wird so Liebliches je mir begegnen,
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Nie so Liebenswürd'ges die brennende Sehnsucht kühlen.
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Liebt' ich in ihm doch
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All das Holde versammelt in sprossenden Trieben und Keimen,
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Was, zu frühe gewelkt am sengenden Strahle des Lebens,
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Wieder dem Staub sich vermählt. Es schienen die ewigen Mächte
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Vollen Ersatz zu vergönnen in diesem beglückenden Kinde,
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Das, als ahnt' es, wie früh auch ihm vom Stamme gerissen
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Hinzuwelken bestimmt, so süß in klammernder Inbrunst
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Mit liebkosendem Wort, das sonst aus reifem Gemüt nur
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Quillt, in lachender Lust all seine Geliebten umarmte.
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Ach, was gilt der erhabenen Macht ein jauchzendes Lallen
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Armer sterblicher Menschen! Sie selbst ist kummer- und freudlos,
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Und wie ein Fremdling nur, ein geduldeter, mischt sich die Freude
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In der Genien Rat, die am Werk teilhaben des Schicksals.
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Uns nur ist sie die höchste von allen beseelenden Kräften,
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Die aus glimmender Wärme der Menschenbrust wie ein Flämmchen
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Aufschlägt, rings in frostiger Nacht des irdischen Daseins
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Unsern Weg zu erleuchten und Herz am Herzen zu wärmen.
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Aufglühn, der so traurig in Staub und Asche verglommen?
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Wieder zurück sich gewöhnen? – Für jetzt noch mögen die Freunde
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Still im Schatten uns dulden. Es tränt zu heftig die Wimper,
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Die ins Helle sich wagt. Und hier in der heiligen Roma
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Sind umschatteter Stätten genug, von Menschen gemieden,
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Die nichts Teures besessen und nichts verloren. Zu denen
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Laß uns flüchten, sobald an jenen Fenstern vorüber,
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Draus Angelika grüßt' und winkend der Freund ihr entgegnet,
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Wieder der Karneval braust, den er so farbig geschildert.