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So hab' ich selbst einmal gesprochen,
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Aller Pfuscherei den Stab gebrochen,
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Und war doch selber unter der Hand
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Ein gottvergnügter Dilettant,
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Den's höchlich auferbaut, zuzeiten
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Sein Steckenpferdlein frisch zu reiten.
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Noch denkst du wohl der Tage, Freund,
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Da wir selbander umhergestreunt
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In Thürings Berg- und Waldgeheg,
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Allwo dir kund sind Weg und Steg,
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Und wie wir oft im Grünen saßen,
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Überm Kritzeln Speis' und Trank vergaßen,
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Ein Bröckchen Fels, ein alt Gemäuer
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Hinstrichelten mit heil'gem Feuer
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In jenes Büchlein schlank und schmächtig,
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Das du erstanden wohlbedächtig
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In Jena neben Frommanns Haus,
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(sah wie ein Schülerschreibheft aus,
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Blau der Umschlag und dünn die Blätter).
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Doch wir in gut' und schlechtem Wetter
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Erprobten darin mit Leidenschaft
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Unsre verstohlne Künstlerkraft,
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Fanden auch nichts Kurioses dran,
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Daß einer macht, was er nicht kann.
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Ach, wenn in Ferien dann und wann,
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Wer einer Kunst sich zugeschworen,
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Oder sonst ein schwer Geschäft erkoren,
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In andern freien Künsten pfuscht,
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Flöte bläst oder Bildlein tuscht,
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Niemand zur Last, sich zum Vergnügen,
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Zumal auf einsamen Wanderzügen,
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Soll man nicht gleich so hitzig lästern.
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Sind doch die Musen liebe Schwestern:
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Führt man die eine heim als Frau,
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Sie nimmt's wohl einmal nicht genau,
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Wird lächelnd durch die Finger sehn,
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Tut man mit einer Schwägerin schön,
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Da es ja in der Familie bleibt;
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Dafern man's nur in Züchten treibt,
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Mit seinem stillen Dilettieren
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Nicht vor den Leuten will renommieren.
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So hab' ich's all mein' Tag' getrieben,
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Ist mir darum auch fern geblieben
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Das Naserümpfen und höhnisch Lachen,
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Wenn's andre eben nicht anders machen.
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Ja, oft empfand ich einen Neid,
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Sah ich die Himmelsseligkeit,
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Womit ein unbefugt Talent
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Von hoher Schöpferlust entbrennt,
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Skizzenbücher zusammenschichtet,
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Dicke Hefte voll Lieder dichtet
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Und wie ein Geiziger, wenn es nachtet,
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Den angehäuften Schatz betrachtet.
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Blieb's nur dabei! Doch leider reißt
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Die Guten hin ein böser Geist,
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Dem Licht auch endlich zu offenbaren,
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Wie vergnügt sie im Dunkeln waren,
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Da dann am kalten Blick der Welt
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Ihr Reichtum nicht die Probe hält.
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Dann wird der Segen schönster Stunden
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Gezählt, gewogen, zu leicht erfunden.
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So hat in Rom mich ungescheut
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Mein bißchen Pfuscherei erfreut,
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Und wo sich hinlenkt unser Schritt,
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Wandert das Zeichenbüchlein mit,
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(nicht wie in junger Zeit fürwahr,
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Wo's manchmal ein Galeotto war
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Und etwa mir bei schönen Augen
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Mußte die Tür zu öffnen taugen,
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Stets unverdächtigen Zutritt hat.)
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Heut ging's hinunter nach dem Tore
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Vorüber an Marie Maggiore
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Da wächst empor eine neue Stadt,
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Sechs Stock hoch, weißgetüncht und glatt,
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Gemütlos widerwärtige Kasten,
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Die baß zum Köpnickerfelde paßten.
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Dazwischen schaut ein Ruinentrumm
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Verlegen und betrübt sich um
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Und scheint von naher Zeit zu träumen,
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Wo es denn auch den Platz soll räumen.
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Wir sahn das braune Gemäuer winken,
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Einen hohlen Zahn mit schartigen Zinken;
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Unweit dahinter herübersah
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Die alte Minerva medica,
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Auch ein Stück eines Aquädukts,
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Und gleich mir in den Fingern zuckt's,
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Als ob hier was zu holen sei.
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Nun lag ein Hüttlein nebenbei,
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Dem Altertum just gegenüber;
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Der niedren Tür, und aus der Küche
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Kamen Zwiebel- und Weingerüche,
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Wie man's wohl kennt in römischen Schenken.
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Dahin wir flugs die Schritte lenken
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Und bitten, daß man vor die Tür
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Uns ein paar Sitze trüg' herfür,
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Mein Pfuschwerk eilig zu beginnen.
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Ein junges Ehpaar hauste drinnen,
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Und Brot und Wein vollendet hat.
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Die trugen zwei Sessel vor das Haus,
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Saßen dann selbst zu uns hinaus,
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Und während flink mein Stift sich rührte,
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Man eine Zwiesprach zusammen führte.
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Ein Jahr erst waren sie vermählt,
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Hatten dies arme Nest erwählt,
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Weil niemand sonst dazu sich fand,
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Da es längst auf dem Abbruch stand.
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Die Frau, ein harmlos muntres Wesen,
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Wär' gar so übel nicht gewesen,
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Hätt' nur ein wenig Waschen gebraucht,
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So war sie staubig und angeraucht.
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Ihr Gatte grüßte mich als Kollegen:
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Er tät' einst selber der Malkunst pflegen.
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Nach Solferino hab' er einmal
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Wund müssen liegen im Spital
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Viel öde Wochen und Monden lang,
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Da hab' er so aus Herzensdrang
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Mit Zeichnen sich die Zeit vertrieben,
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Nun sei ihm nur die Lust geblieben.
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Er könn' an Berg' und Mauern dort
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Sich nimmer satt sehn fort und fort.
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Ich sollt' auch fein die zwei Zypressen
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Dort auf dem Hügel nicht vergessen,
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Auf daß doch immer ein Abbild bliebe,
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Wenn hier der Neubau sie vertriebe.
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Er selber hab's versucht; doch sei
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Es ihm zu schwer, er sag' es frei.
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So plauderten ein Stündlein wir
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In guter Freundschaft alle vier.
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So still und lieblich war der Ort,
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So lenzhaft schien die Sonne dort
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Schon in des Februars Beginne –
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Es ward uns wunderwohl zu Sinne.
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Und als mein Skizzchen nun vollbracht –
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Eilfertig, wie's ein Stümper macht –
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Mußt' ich mit meiner lieben Frauen
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Das Hüttlein auch von innen schauen.
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Da war nun alles nach Landesbrauch
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Gar dürftig, kahl, voll Ruß und Rauch,
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Der Tisch am Herde schlecht und recht,
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Ein Riesenfiasko in Strohgeflecht,
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Nur wenig Hausrat ringsumher,
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Als stammt' er noch von den Tagen her,
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Da Hannibal vor den Toren stand.
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Doch hinter der schwarzen Bretterwand
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Tat sich noch auf ein Kämmerlein,
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Da führt das Paar uns stolz hinein.
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War zwar nichts Köstlichs dran zu sehn,
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Kaum Platz, sich eben umzudrehn,
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Ein Bett mit Strohsack, vielgeflickt,
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Doch wie wir forschend umgeblickt,
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Sahn wir die niedren Wände rings,
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Die schiefe Decke rechts und links
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Tapeziert mit Bildern allerhand,
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Sämtlich von einer schweren Hand
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Mit bunten Stiften übermalt.
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Unseres Wirtes Auge strahlt,
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Da er uns seine Werke wies.
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Und dies der Hafen von Triest;
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Auch dies sich wohl erkennen läßt;
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Die spanische Treppe stellt es vor,
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Und dies den Lateran, Signor,
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Und dies – und dies – – sind arme Sachen,
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Und war doch lustig, sie zu machen.«
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Wir aber standen und staunten mächtig,
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Belobten alles gar andächtig
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Und sprachen unter uns: Es heißt
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In Wahrheit »Selig, die arm an Geist«.
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Der biedre Künstler hier, ich wette,
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Erwacht er früh in seinem Bette
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Und sieht ringsum an Deck' und Wand
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Die bunte Schöpfung seiner Hand,
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Nicht Raffael war so selig, da
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Ihm vorgeschwebt die Disputa.