An Otto Ribbeck in Leipzig

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Paul Heyse: An Otto Ribbeck in Leipzig (1872)

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Neulich, Teuerster, hab' ich lachen müssen,
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Da ein schöner Essay mir in die Hand kam,
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Drin ein trefflicher Gönner deines Freundes
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Leben, Taten und Romfahrt abgeschildert,
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Mit pragmatischer Kunst die Fäden knüpfend
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Eines schlichten Poetenlebensläufleins.
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So erzählt er die Mähr, wie Martinucci
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Aus der Bibliothek der Vaticana
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Mich harmlosesten Fremdling weggewiesen,
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Der ich fröhlichen Mutes hingepilgert,
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Als romanischer Philolog
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In handschriftlichen Staub mich einzuwühlen.
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Denn so stand es in meinem Paß geschrieben,
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Da zu diesem Behuf ein wohlgeneigtes
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Ministerium einen Reisepfennig
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Mir bewilligt. Ich dacht' ihn heimzuzahlen
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Mit sehr löblichen Troubadourexzerpten.
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Doch verdächtig erschien's dem heil'gen Vater,
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Und so sandt' er den Engel, in Gestalt des
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Monsignore Custode, mich aus seinem
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Pergamentenen Paradies zu bannen.
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Nur ein winziges Blatt aus Edens Garten
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– Nicht zu stehlen, behüte! – nachzuzeichnen
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Hatt' ich Tor mich erkühnt, durch so verwegnen
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Sündenfall des Permesses Heil verscherzend.
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Wohl ihm! ruft der verehrte Freund; durch diesen
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Sehr verstimmenden Zwischenfall entschied sich's,
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Daß er ganz sich der Dichtung zugewendet.
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Uns entging ein gelehrter Handschriftkenner
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Mehr, wie Mätzner und Mahn und Bartsch und Tobler,
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Doch statt dessen erhielten wir – das weitre
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Lies du selber am angeführten Orte.

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Lachen mußt' ich fürwahr. Ich sah im Geist mich,
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Nicht unwürdig des Vaters, Ahns und Oheims,
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Auf erhabnem Katheder, einer Handvoll
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Guter Jünglinge den Petrarc erklären,
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Altfranzösisches Epos oder Lopes
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Dramen oder Cervantes in zweistünd'gem
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Schwachbesuchtem Kolleg zum besten geben
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Und alljährlich die Zahl der Texte mehren,
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Dran Velduo Velnemo, jenes treue
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Paar romanischer Leser, sich ergötzen.
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War's das bessere Teil? Wer weiß! der Tropfen
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Philologischen Bluts in meinen Adern
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Wär' zum Strome vielleicht noch angeschwollen,
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Und »Erkanntes erkennen«, wie einst Vater
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Boeckh der Philologie das Ziel gewiesen,
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Hätte mehr mich getröstet, als im Irrsal
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Armer menschlicher Schuld und Schicksalsnöte
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Tastend mich zu ergehn voll Furcht und Mitleid,
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Um des Lebens Geheimnis nachzustammeln.
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Doch was frommt es, verlornen Möglichkeiten
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Nachzugrübeln? Es denkt der Mensch, der heil'ge
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Vater lenkt, und ein deutsches Dichterlos wird
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An der Schwelle des Vatikans entschieden.

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Nein, im Ernste: von dir, vor dessen Augen
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Jener geistliche Bann an mir vollstreckt ward,
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Wünscht' ich heut mir ein unverdächtig Zeugnis,
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Ob mich wirklich so tief des Interdiktes
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Blitz getroffen, ob wirklich unter Seufzen
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In die Pforte des Vatikans ich einschlug
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Jenen Nagel, daran den Philologen
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Ich auf ewige Zeiten hing, verzichtend
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Auf der Mätzner und Mahn und Tobler Lorbeern.
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Noch des
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»vom Refrain bei den Provenzalen« (
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Eignen bißchen Latein ich schier zu Ende);
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Noch, wie seelenvergnügt, indes du selber
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Dich an würdigen Pergamenen mühtest,
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Ich in Villen, Museen und Kirchenhallen
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Als ein fröhlicher Ignorant herumstrich,
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Sonn' und Lieder und Orvieto schlürfend,
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Die du freilich denn auch zu schätzen wußtest.
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Ach, schon lange geheim im Busen warnte
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Mich mein Genius: Eitle Müh' und Arbeit,
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In den Spuren des großen Diez zu wandeln!
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An historischem Sinn gebricht dir's leider,
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Der Gewesenes schätzt, dieweil es da war,
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Und was lange vermoderter Geschlechter
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Herz nur mäßig bewegt, mit öder Andacht
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Aus papierenen Grüften neu ans Licht zieht.
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Wohl! unsterbliches Werk vom Unkraut säubern,
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Den ihm Toren und Klügler angeheftet,
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Aus erblichener Spur des Geistes Wandeln,
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Aus zerstückeltem Trümmerwerk der Dichtung
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Und des Lebens Gestalt herauszudeuten,
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Ist des Schweißes der Edlen wert; doch dazu
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Braucht's bewährterer Hand, berufnen Auges,
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Und nicht pfusche des Dilettanten Fürwitz
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Hoher kritischer Meisterschaft ins Handwerk.
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Dir ward andres verhängt: ein unverfälschter
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Sohn des Heute zu sein, des gegenwärt'gen
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Weltlaufs buntes Gebilde zu verew'gen
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Mit nachdenklichem Wort. Darum ins Leben
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Lenke rüstig den Schritt vom Dunst des Bücher-
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Saals und blick in die Welt und in dich selber,
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Und dann sage der Welt, was du erschautest.

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So mein eigener Dämon, der in simplem
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Deutsch mich immer berät und von Romanisch
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Wenig weiß. Und ich tat nach seinen Winken,
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Und so hab' ich in fünfundzwanzig Jahren
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Oft ein Heimweh gespürt nach Ponte Molle,
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Nach den Villen, Museen und Kirchenhallen,
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Nach dem Hause der Dame Rubicondi,
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Wo beim strohernen Fiasco wir so manche
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Nacht verplauderten in Lucians Gesellschaft:
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Nie nach jenem verbotnen Paradiese,
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Wo vom Baum der Erkenntnis des Erkannten
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Noch manch seltene Frucht sich pflücken ließe.
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Ja, gesteh' ich es frei – und mag voll Mitleid
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Auch ein Archäoman die Nase rümpfen –:
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Nicht unwillig betracht' ich heut der neuen
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Ära Spuren, so flach und breit sie manchmal
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Zwischen hehre Vergangenheit sich hinpflanzt.
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Traun, noch übergenug des unvergänglich
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Hohen Alten verblieb, das Herz zu stillen
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Und den Geist des Betrachters einzuwiegen
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In elegischen Traum vom Fluß der Dinge!
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Doch dem Wachen gehört die Welt. Erwacht ist
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Heut Italiens Volk und hat des Reiches
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Thron im Herzen des Landes aufgerichtet,
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Mag darüber des Vatikanes Zwingherr
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In ohnmächtigem Grimm als ein entthronter
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Erdengötze sich tief in Wolken hüllen.
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Ja, heut ließe sich hier vom Erdenirrsal
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Nicht nur friedlich mit andern Toten ausruhn
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In der Cestiuspyramide Schatten, –
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Nein, auch
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Des lebendigen Zeitenstroms getragen.
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Wie ergreifend erklang sein tiefes Brausen,
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Als er neulich entlang dem alten Korso
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Eines trefflichen Herrschers ird'sche Hülle
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Trug in düsterem Pomp, und mit dem Zuge
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Schritt der Erbe der deutschen Kaiserkrone,
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Dessen ragendes Haupt noch lang die Sonne
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Tatenfreudiger Kraft umleuchten möge.
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Und nach wenigen Tagen wieder strömt' es
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Über Piazza Colonna, und ein ganzes
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Volk, um Monte Citorio sich scharend,
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Horcht' in glühender Stille, wie sein junger
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Fürst ihm schwor, an Gesetz und Recht zu halten,
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Jenes teuerste Gut der Volkesfreiheit
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Gleich dem Vater ihm unversehrt zu hüten.
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Laut vom Pincio erdröhnten Böllerschüsse,
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Laut nachdonnerte Jauchzen tausendstimmig,
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Als der trauernde Sohn vom Sarg des Vaters
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Aufnahm eines Regenten Dornenkrone
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Samt dem schneidigen Kriegsschwert der Savoyer.
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Und ich fühlte den Puls des Heute kraftvoll
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Durch die menschengeschwellten Gassenadern
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Der ergreiseten Weltenherrin pochen,
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Höher wahrlich als einst, da Pio nono,
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Auf dem Sessel herumgetragen, schläfrig
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Übers knieende Volk den Segen nickte,
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Weihrauchwolkenumqualmt, von Pfauenwedeln,
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Einem Dalai-Lama gleich, umfächelt.

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Abends, als sich der Mond im Blau verkündet,
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Mit dem Strome des Volkes übers Forum
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Am zerklüfteten Palatin vorüber
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Langsam wandelten wir zum Coliseo.
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Sonst die schweigende Stätte dunkler Schwermut,
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Nur durchschwirrt von der Brut des Nachtgevögels,
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Ein entseeltes Geripp, ein wundersamer
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Quadernplesiosaurus; heut von fern schon
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Klang's und wimmelt' es von lebend'gem Regen.
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Genuesische Lanzenreiter, ihrem
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Toten König ein letzt Geleit zu geben,
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Hatten jagend die ungeheure Strecke
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In drei Tagen zurückgelegt und Obdach
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Hier gefunden im alten Riesenrundbau.
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Rings in hochüberwölbten Trümmerhöhlen,
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Kaum sich selber die dürftige Streu vergönnend,
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Daß nur ja sie den Tieren nicht ermangle,
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Lagernd, schlendernd, die blanken Gäule striegelnd
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Trieb die reisige Schar sich hin und wieder.
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In Kavernen, wo einst gedungne Fechter –
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Oder bebenden Märtyrern von ferne
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Dumpfes Löwengebrüll herüberdrohte,
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Dann durch manches Jahrhundert blöde Mönche
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Vor den hölzernen Kruzifixen näselnd
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Litaneien gesummt, erscholl von neuem
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Die Parole lebend'ger Volksgeschichte,
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Zwar gedämpft in der frischen Grabestrauer,
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Herzbeweglicher doch, als selbst der dunkle
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Weltschmerzselige Laut von Byrons Klage.
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Sacht aufglühte der Mond, die schöne Cella
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Dort am Tempel der Venus und der Roma
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Leicht vergoldend, und still im Mondlicht wallte
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Aus Feldkesseln der Rauch, darin die karge
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Nachtkost rüsteten die bescheidnen Gäste.
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Doch im bleichen Gewölk erblickt' ich träumend
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Wundersames Gesicht, Italiens Zukunft
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Mir vordeutend – genug! Dich seh' ich lächeln,
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Daß nun gar der Poet sich des Propheten-
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Amts zu walten erkühnt. So laß uns leben,
196
Wir erleben's vielleicht. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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