An Arnold Böcklin in Florenz

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Paul Heyse: An Arnold Böcklin in Florenz (1872)

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Als ich in Rom nur eine Nacht geschlafen,
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An die Ripetta zog es mich hinab,
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Zu jenem Hause, wo wir oft uns trafen.
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Heut sahn die Fenster fremd auf mich herab.
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Stumm schlichen hin des alten Stromes Wellen,
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Und niemand war, der mir Willkommen gab.
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Wo sind sie nun, die fröhlichen Gesellen,
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Die Bienen gleich hier schwärmten aus und ein,
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Der Künste Honig tragend in die Zellen?
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Ich überwand mich nicht und trat hinein.
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Ich stand in alter Tage Traum verloren
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Und glaubte wieder jung und froh zu sein.
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Von neuem klang der Lärm vor meinen Ohren,
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Wie jenen Morgen, da an diesem Haus
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Der Wagen hielt, den wir zur Fahrt erkoren
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Zum Haine der Egeria hinaus,
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Wo Jahr um Jahr das lustige Gelichter
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Zu halten pflegte den Oktoberschmaus.
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Nun stiegen ein sechs lachende Gesichter,
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Bildhauer drei, zwei Maler außer dir
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Und auf den Bock ein grüner junger Dichter.
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Den großen Korb zu hüten gab man mir
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Mit unserm Vorrat, dem gewalt'gen Braten
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Und allem, was gehört zur Tafelzier;
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Dazu die Aschenurne voll Pataten,
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Ein Fläschchen goldnen Öls war auch zur Hand
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Und was an Früchten ließ der Herbst geraten.
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So sausten wir durch Rom. Die Sonne stand
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Klar am Oktoberhimmel; jede Linie
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Des Horizontes scharf und rein gespannt.
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Und wo dem Tore nah die alte Pinie
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Herüberwinkend ihren Wipfel hob,
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Hielt das Gefährt vor einer schlichten Vigne.
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Der Vignerol, ein zottiger Cyklop,
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Lud uns ein Fäßlein Roten auf den Wagen,
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Der mit der neuen Last von dannen stob.
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So auf der Gräberstraße hingetragen,
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Sah ich die Wüste Roms zum erstenmal
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Und bald auch der Oase Wäldchen ragen.
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Du sagumklungen quellenkühles Tal,
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Dem zwei Jahrtausende vorübergingen,
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Seit Numa sich zu seiner Nymphe stahl,
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Nie sahst du schönre Glut zum Himmel dringen,
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Als wir entfacht im Eichenschatten dort,
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Wo wir uns lagernd unser Fest begingen.
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Du aber zogst, o Freund, den Neuling fort,
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Ihm erst der Grotte Heiligtum zu zeigen,
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Versteckt im Hochgras, sommerlich verdorrt.
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Rings die Campagna lag im Mittagsschweigen,
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Und wie wir traten aus der feuchten Nacht,
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Sahn wir den Rauch in stiller Wolke steigen
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Aus immergrünen Wipfeln, wie gemacht
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Zum Tempel, drin ein Opfer zu entflammen
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Den alten Göttern, deren ew'ge Macht
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Die klugen Nachgebornen kühl verdammen.
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Wir aber schlangen wucherndes Gerank
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Des Efeulaubs zu Kränzen leicht zusammen.
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Die fanden bei den andern lauten Dank,
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Und so bekränzt nun überm stillen Tale
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Erhoben wir die Hand zu Speis' und Trank.
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Gedenkst du noch, wie Franz mit voller Schale
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In Priesterandacht unsres Herdes Glut
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Umschritt, den Göttern spendend vor dem Mahle?
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Und hoch und höher stieg der Übermut.
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Bacchantisch überschwoll die Festeslaune,
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Genährt von des Velletri dunkler Flut;
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Bis unser Däne dann, der Bärt'ge, Braune,
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Die Kleider abwarf und ums Feuer nackt
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Mit Jauchzen sprang gleich einem ries'gen Faune.
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Drei taten's nach von gleichem Rausch gepackt,
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Und an den Schultern festlich sich umschlingend,
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Den Boden stampften sie im Reigentakt,
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Im Vierklang eine nordische Weise singend,
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Die hell und wild die Wipfel überflog,
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Mit dunklem Heimweh uns das Herz bezwingend.
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Da rauscht's im Busch, und auseinanderbog
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Die Zweige scheu ein strupp'ger Campagnuole,
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Den der Gesang aus seiner Hütte zog.
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Er fuhr zurück und floh mit hast'ger Sohle,
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Als er den nackten Satyrntanz erschaut,
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In blinder Angst, daß ihn der Teufel hole.
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Wir aber eilten nach und lachten laut,
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Ihm Mut einsprechend, und ein voller Becher
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Aus unserm Fäßchen macht' ihn bald vertraut.
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Dann wieder ehrbar lagerten die Zecher
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Und brieten plaudernd der Kastanie Frucht;
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Der Abend sank, die Flamme brannte schwächer.
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Doch meine Augen hatten Franz gesucht,
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Der von den andern still sich weggeschlichen,
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Und bald entdeckt' ich ihn am Rand der Schlucht.
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Ich dacht', er sei des Weines Macht gewichen
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Und schlummre nun, in sel'gen Traum versenkt.
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Doch er, das Blondhaar von der Stirn gestrichen,
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Die Hand zum Willkomm überm Haupt geschwenkt,
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Rief mich heran, daß ich sein Lager teile,
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Den Blick ins stille Land hinausgelenkt.
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So ruhten wir und schwiegen eine Weile
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Und sahn im Abendduft die Berge glühn
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Und rot des Aquäduktes Bogenzeile
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Auftauchen aus der Wiesen tiefem Grün.
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Er aber blickt' empor, wo eben leise
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Des Mondes Silberlilie wollt' erblühn.
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Und plötzlich fing er wunderlicherweise
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Zu reden an, wie mit dem eignen Ich
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Ein Träumer spricht, einfältiglich und weise.
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Es klang so tief und rein und feierlich,
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Daß Worte kaum die Flut der Stimmung faßten
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Und atemloses Staunen mich beschlich.
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Wie wenn ein Meister auf den elfen Tasten
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Die Finger gleiten läßt, daß unbewußt
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Die Seele sich in Tönen kann entlasten:
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So drang hervor aus dieser jungen Brust
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In regem Spiel geheimste Lebensfülle,
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Die Rätsel dieser Welt in Leid und Lust,
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Der Schmerz, der in der Tollheit bunter Hülle
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Die Stacheln birgt, wenn uns das Wort der Kunst
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Zweideutig klingt wie Sprüche der Sibylle.
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Denn ach, wie launisch gönnt sie ihre Gunst!
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Wie läßt sie oft den Lechzenden versiechen
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Und kühlt mit keinem Tropfen seine Brunst!
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Bis er, empört, am Boden hinzukriechen,
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Zum eignen Flug sich aufschwingt frech und froh
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Und dünkt sich gleich den Göttern oder Griechen.
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Was soll's? Was mühet sich die Seele so?
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Ist denn Natur nicht aus sich selbst vollkommen?
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Harrt sie auf uns, daß irgendwie und wo
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Der blinden Schöpfung wir zu Hilfe kommen?
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Kann dort die Abendglut erst selig sein,
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Wenn von der Leinwand sie zurückerglommen? – –
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Genug! Laß mich Erinnrung nicht entweihn,
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Nachstammelnd jene gottverworrnen Worte,
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Die mir das Blut erregt wie heißer Wein.
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Ihm lauschend lag ich am geweihten Orte
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Wohl eine Stunde lang, indessen er
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Stets neues Gold mir bot von seinem Horte.
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Wie war er reich! Wie schien er die Gewähr
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Des höchsten Kranzes in der Brust zu tragen!
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Und dennoch gab er seiner Zeit nicht mehr.
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Natur, die weich auf Händen ihn getragen,
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Ihm Aug' und Seele mütterlich gefeit,
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Was mußte sie dem Liebling eins versagen,
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Wodurch allein sie Herrschgewalt verleiht:
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Die süße Dumpfheit, jedes Höchsten Quelle,
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Die seine Wurzeln tränkt mit Lauterkeit!
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Sein Auge war zu scharf, sein Geist zu schnelle;
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Er ward zu klug aus allem, was er schuf;
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Der Baum erkrankt bei steter Lampenhelle.
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Zu willig folgte Weisheit seinem Ruf
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Und lehrte sinnend ihn das All umfassen,
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Da Schranken heischt des Schaffenden Beruf.
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So hat er manch ein Werk zurückgelassen,
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Beseelt von seines Wesens edlem Hauch,
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Doch nicht erklingt sein Namen auf den Gassen.
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Und damals, wie er schwieg und endlich auch
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Zurück sich wandte nach der Feuerstätte,
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Erblickt' ich
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Du hattest mit den andern um die Wette
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Kastanien in der Asche dir geglüht,
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Als ob die Welt nicht höh're Freuden hätte.
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Kein schwärmend Wort war deinem Mund entsprüht,
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Doch tief im Innern sammelnd alle Gluten
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Des schönsten Abends, brannte dein Gemüt.
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Indes auf Farb' und Form die Augen ruhten,
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Sog still der Geist das Mark der Schöpfung ein
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Und stählte sich im Bad der Schönheitsfluten.
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Kunst ist ein Schatz, und Geister hüten sein.
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Wer glaubt und schweigt, kann ihn heraufbeschwören;
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Wer spricht, dem wird der Zauber nicht gedeihn.
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Und ob sie deine Zirkel wollten stören,
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Dich meisternd locken aus dir selbst heraus,
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Du lerntest früh dir schweigend angehören.
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So wuchsest du in stolzer Kraft dich aus,
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Da unser Freund so früh dahingegangen;
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Ich aber dachte beim Ripettahaus
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Des Herrlichen, was wir von dir empfangen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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