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Drunten wogte die Seeflut, hochaufspritzend
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Weit herein in den Garten, daß die Palmen
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Zitternd standen, besprüht vom Schaum der Wellen.
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Und mich lüstet' es auch nach solchem Staubbad;
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Nur die Schläfer im Haus zu wecken bangt' ich,
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Noch so leise die Trepp' hinunterschleichend.
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Doch da lehnt ja an des Balkones Brustwehr,
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Die der Gärtner vergaß, die Sprossenstange,
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Die zur Leiter ihm dient, aus höchstem Wipfel
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Die Oliven zu pflücken. Flugs hinunter
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Klettr' ich Sprosse für Sprosse, bis eratmend
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Ich den Boden erreicht. Im Stillen freilich
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War's nicht ganz mir geheuer. Denn wohl würde
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Meine Liebste mich schelten, säh' sie hier mich
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Leichtbekleidet bei Nacht herumspazieren.
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Doch nun ist es geschehn, und fröhlich wandl' ich
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An der Brüstung dahin, gekühlt vom feinen
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Hauch der brandenden Flut. O weiche Feuchte!
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Zauber südlicher Nacht! Und weit mich beugend
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Übers Mäuerchen, blick' ich in die Tiefe,
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Wo es brauset und rauscht.
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Mir zur Rechten den Blick ein heller Lichtschein,
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Nichts Elektrisches. Ruhig kommt's geschwommen
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Von Gardone daher, und jetzt erkenn' ich –
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Schlanke Weibergestalt! – vielleicht die schöne
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Russin aus dem Hotel, die Lust verspürte,
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Grad um Mitternacht noch ein Bad zu nehmen?
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Solchem emanzipierten Überweibe
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Säh's wohl ähnlich. Und jetzt – es gleitet näher,
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Hoch das Haupt aus der Flut gereckt, die Fülle
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Schwarzer Haare – doch nein, sie schimmern grünlich,
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Und am Rücken, behaglich hingebettet –
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Ist's denn möglich? ein Kind! ein nacktes Bübchen,
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Das so sicher hier ruht wie in der Wiege,
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Leicht ein Ärmchen geschlungen um den weißen
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Im ersten Schreck entfährt ein
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Ruf mir. Aber die Schwimmerin, im mindsten
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Nicht verlegen ob ihres mangelhaften
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Badeanzugs, hinauf zu mir mit Grinsen
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Fletscht sie lachend die spitzen weißen Zähne,
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Und nun seh' ich es deutlich: statt der Füße
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Regt sie rosige Flossen, auch das Knäbchen
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Ist kein richtiges Menschenkind – die Beiden,
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Die mir drunten genaht, sind Seegeschöpfe,
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Doch leibhaftige, da für Fabelwesen
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Sie mir immer gegolten!
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Rudert weiter das Weib, am Wassertreppchen
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Taucht sie auf, und den Kleinen niedersetzend
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Auf die unterste Stufe, schießt alsbald sie
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In die Tiefe zurück und gleich nach oben
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Kehrt sie wieder, in der erhobnen Rechten
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Einen zappelnden Fisch. Den auseinander
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Bricht sie, ihrem begier'gen Kind die Hälfte
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Reichend, das mit den Zähnchen frisch hineinbeißt,
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Und so halten mit lautem Schmatzen Beide
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Ihren nächtlichen Schmaus.
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Rauscht's heran, noch im Wellenschaum verborgen.
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Plötzlich fährt aus dem Gischt empor ein strupp'ges
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Männerhaupt, und mit wildem Lachen reckt es
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Zwischen Mutter und Kind sich in die Höhe,
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Patscht mit schuppiger Hand des Knäbchens Rücken
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Und entreißt ihm den Fisch. Doch grimmig fauchend
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Zieht die Mutter es an sich, stirnrunzelnd,
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Und will flüchten mit ihm. Es scheint, sie hat wohl
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Grund dem Gatten zu grollen, der vielleicht sich
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Einer sträflichen Liebschaft schuldig machte
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Mit der Nixe von San Vigilio oder
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Von Malcesine, und sie sagt' entrüstet
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Von dem Falschen sich los, der nun des Knaben
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Sich bemächtigen will. (Das Seegesindel
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Ist natürlich durchaus nicht tugendhafter,
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Als das Menschengeschlecht.)
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Mann und Weib an dem Bübchen, das sich kläglich
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Winselnd sträubt. Doch auf einmal wird der Vater
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Meister über das Kind, und durch die Wellen
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Trägt er's rauschend davon, im nach mit rauhem
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Möwenkreischen das Weib und jäh entschwindet
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Meinem Blick der Roman der Seefamilie.
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Kühler wehte der Wind. Ein leiser Schauer
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Lief mir über den Leib, und nach dem Hause
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Strebt' ich eilig zurück, erklomm die Leiter
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(wie mir's glückte, mir selber schien's ein Wunder)
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Und rasch wieder ins Bett.
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Als beim Frühstück ich beichtete meiner lieben
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Frau, was gestern im Garten leichtbekleidet
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Ich erlebt, und der wohlverdienten Schelte
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Harrte, sah sie mich lächelnd an: Da hat dir
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Wundersames geträumt. – Geräumt? O bitte!
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Mit leibhaftigen wachen Augen sah ich
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All die Wassergeschöpfe, wie auch Böcklin
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Sie gesehn und gemalt. – Nun ja, genau wie
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Gestern Abend in unsrer Böcklin-Mappe
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Du sie sahest noch kurz vor Schlafengehen.
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Oder denkst du, ich soll dir glauben, du mit
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Deinen hundertundachtzig Pfund vermöchtest
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Auf der schwankenden Leiter wie ein Eichhorn
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Auf und nieder zu klettern? Überdies hat
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Sie der Gärtner am Abend weggetragen,
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Daß nicht Diebe bei Nacht ins Haus uns steigen.
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Sieh nur nach, ob sie heut noch am Balkon lehnt.