Sündenregister

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Paul Heyse: Sündenregister (1872)

1
Stets nahm ich dich in Schutz und bliebe
2
Dein Anwalt gegen eine Welt,
3
Du Volk Italiens, das ich liebe,
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So manches mir an dir mißfällt.

5
Doch unter uns und ohne Zeugen
6
Nehm' ich ein Blatt nicht vor den Mund
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Und kann als Freund dir nicht verschweigen:
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Sie tadeln dich nicht ohne Grund.

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Das süße Nichtstun – deinen Kindern
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Verwehrt's die liebe Sonne nicht,
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Und fremde Reisende zu plündern,
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Scheint jedem Gastwirt Ehrenpflicht.

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Man schilt auch, daß du ohn' Erröten
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In schmutz'gen Mauerhöhlen wohnst,
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Die kleinen Vögel liebst zu töten,
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Jedoch das Ungeziefer schonst;

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Und daß man selbst den Angestellten
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Vergolden mag die hohle Hand –
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Nun, dies und andres noch, nicht selten
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Trifft man's wohl auch in anderm Land.

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Doch Schlimmres noch: Brigantenhorden
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In deiner Berge wildem Schoß,
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Vendetta, die, zur Pflicht geworden,
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Geschlechter mordet gnadelos,

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Der Wälder gräuliche Verwüstung,
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Camorra, die das Ärgste wagt,
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Und wes in sittlicher Entrüstung
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Dich gutes Volk man sonst verklagt:

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Das alles dünkt dir sehr verzeihlich,
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Was Hohn Europens Sitte spricht,
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Nur eine seltne Tugend freilich
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Macht Vieles gut: du heuchelst nicht.

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Auch ich, so sehr ich dir gewogen,
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Bin nicht für deine Fehler blind.
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Ich weiß, du wurdest schlecht erzogen,
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So bliebst du stets ein großes Kind.

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Unarten, die in deinem Blute
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Verderblich nisteten bis heut,
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Sie wurden nicht mit scharfer Rute
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Von deinen Zwingherrn ausgebläut.

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Sie knechteten dich manch Jahrhundert,
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Mit schlauer Priesterschaft im Bund,
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Daß billig
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Wie unverwüstlich du gesund.

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Gewiß, dir wäre hoch vonnöten
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Ein deutscher Unteroffizier,
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Würd' auch sein Drill so manches töten,
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Was liebenswürdig ist an dir.

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Doch da man endlich aus Ruinen
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Verjährten Wust beiseite räumt,
51
So malerisch er lang erschienen,
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So wundersam man drin geträumt;

53
Da selbst in Roms verfallne Gassen
54
Dem Licht man einen Weg gebahnt,
55
Ob auch erhabne Trümmermassen
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An ferne große Zeit gemahnt,

57
So wünsch' ich, daß du, neu erstanden
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Aus langem Schlummer, dich befreist
59
Von den jahrtausendalten Banden,
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Die dir umschnürten Seel' und Geist;

61
Daß du, was nie zuvor du lerntest,
62
Dich selber nimmst in strenge Zucht
63
Und vollgereift nun endlich erntest
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All deiner edlen Gaben Frucht.

65
Dann wirst du deine Rache nehmen
66
Und, die dich höhnten dünkelhaft
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Als »Land der Toten«, stolz beschämen
68
Durch Taten freud'ger Lebenskraft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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