Ein Tantalus

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Paul Heyse: Ein Tantalus (1872)

1
Nino ist todt. Heut in der Frühe fand
2
Sein Herr auf dürft'gem Lager ihn entseelt,
3
Die Miene sanft, wie eines Schlafenden,
4
Doch alles Rütteln, aller Zuruf war
5
Umsonst. Zu seiner Tagesfrone stand
6
Er nicht mehr auf.
7
Undank, der Lohn der Welt,
8
Auch dir, du frommer Knecht, ward er zu Teil.
9
Denn von den Deinen, denen Jahre lang
10
Du treu gedient, ward eine Träne kaum
11
Dir nachgeweint, kein Grabgesang ertönt:
12
In steinigem Acker wirst du eingescharrt
13
Und morgen schon vergessen.
14
Ich nur widme
15
Bewegt dir einen Nachruf. Denn du warst
16
Zwar nur ein Pferd, doch gut und sanft und wohl
17
Auch hübsch in deiner Jugend, bis die Last
18
Der Arbeit dir das glatte Fell verdarb
19
Und dir der Rücken einsank. Dies zwar ist
20
Gemeines Pferdelos. Dich aber traf
21
Ein schlimmres, denn du warst ein Tantalus.
22
Dein Herr, der Fruttajuol, ein wackrer Mann,
23
Doch ahnungslos für Pferdeseelenschmerz,
24
An jedem frühen Morgen spannt' er dich
25
Vor seinen Karren, drauf in Körben frisch
26
Ein mancherlei Gemüse lag, Salat,
27
Kohl, Artischocken, Petersilie, auch
28
Spinat und würz'ger Fenchel und was sonst
29
Gott in Italiens Gärten wachsen läßt.
30
Dann hui! und omm! und Peitschenknall, auch wohl
31
Ein Peitschenhieb, und auf der Straße fort
32
Zogst du die grüne Ware für den Tisch
33
Der Villen, hieltst vor jeder Türe still
34
Und hörtest hinter dir die Köchin feilschen
35
Mit deinem Herrn um Leckerbissen, die
36
Du nie gekostet. Wenn die Hausfrau dir,
37
Mitleidig gegen jegliches Getier,
38
Ein Weißbrot spendet' und zuweilen auch
39
Ein Stücklein Zucker, dankbar nahmst du's hin
40
Und seufzend doch – ach, nur ein Tropfen war's
41
Auf heißen Stein! Wie hättst du erst geschwelgt
42
Im saft'gen Grünzeug, dem du vorgespannt!
43
Und wieder hui! und omm! und weiter ging's
44
Den Leidensweg.
45
Dein vorwurfsvoller Blick.
46
Nun ruhst du aus
47
Von ungestillter Sehnsucht, und ein andrer,
48
Nicht braun wie du und auch so mager nicht,
49
Ein muntrer Scheck zieht den Gemüsekarren,
50
Noch ganz vergnügt. Ich aber seh' voraus,
51
Was seiner harrt, und seufze mitleidsvoll:
52
Auch du bist von des Tantalus Geschlecht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.