Andere Zeiten

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Paul Heyse: Andere Zeiten (1872)

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In einem alten Buch fand ich beschrieben,
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Wie's fürstlich hohe Herrn und edle Damen
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Vor Zeiten hier an der Riviera trieben.

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Historien, bunt und wild, mit wundersamen
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Kriegsläuften, Mordgeschichten, und in ihnen
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Stets klangvoll hocherlauchte welsche Namen,

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Visconti und Gonzaga, Ghibellinen
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Und Guelfen, die die kleinen Städte zwangen,
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Abwechselnd dem und jenem Herrn zu dienen.

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Fast siebenhundert Jahre sind vergangen,
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Seit Donna Margherita nach Gardone
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Mit ihrem Fra Dolcino durchgegangen,

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Dem Albigensermönch, da nach Sermione
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Sich seine Glaubensbrüder hingeflüchtet,
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Bis sich aufs Haupt gesetzt die Herrscherkrone

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Mastino della Scala, der errichtet
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Das mächtige Kastell, so fest und groß,
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Daß es so bald kein Sturm der Zeit vernichtet.

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Beatrix della Scala, Bernabò's
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Gemahl, erhielt von ihm als Morgengabe
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Die reiche Flur Maderno's und Salò's.

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Und sie verfügte: nicht zu herrschen habe
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Ob der Riviera, wie bisher, Maderno;
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Sich beugen sollt's des Nachbarn Richterstabe.

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Darob ein Kampf entbrannt' um das
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Höchst blutig, und die Küste, die bisher
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Ein Paradies war, wurde zum Inferno;

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Und wie im Lauf des Cinquecento dies
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Umstrittene Gebiet, das vielbegehrte,
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Der Meeresbraut Vasallenpflicht erwies,

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Dann an Verona kam und wieder kehrte
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Unter des Dogen Schutz und heftig dort
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Sich gegen Brescia's Oberhoheit wehrte.

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So wallt' und wogt' im Zeitenstrome fort
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Kampf, Eifersucht und Unheil, bis am Ende
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Die Wut gelinder ward. Am selben Ort,

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Wo einst gelodert wilde Kriegesbrände,
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Schien brennende Genußsucht nur zu walten,
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Gelenkt vom Szepter weißer Frauenhände.

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Ein Bankettieren, Tanzen, Festehalten,
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In goldenen Karossen Tag und Nacht
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Lustfahrten, daß die Ufer wiederhallten.

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In allen Schlössern zügellose Pracht,
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Ein Lotterleben, stets frivol und heiter,
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Bis ihm die strenge Zeit ein Ende macht.

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Dann Bonaparte's sieggewohnte Streiter,
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Dann Garibaldi's heldenhafter Zug,
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Der Tag von San Martino – und so weiter!

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Mich dünkt fürwahr, an diesem sei's genug
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Zum Zeugnis, daß der Boden, den wir treten,
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Die Spur schon größerer Geschicke trug.

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Heut geht's in der Riviera kleinen Städten
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So still zu, wie die Luft an dieser Küste
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In allen Vignen rings und Oliveten.

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Nichts, was an alte Zeit dich mahnen müßte.
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Statt glatter welscher rauhe deutsche Namen,
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Anstatt der Chronik eine Fremdenliste.

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Hüstelnde alte Herrn, nervöse Damen,
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Vorsorglich dicht sich hüllend in den Pelz,
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Da sie in einen »Winterkurort« kamen.

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Zu ringen um die Herrschaft – heute fällt's
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Maderno und Salò nicht ein. Es machen
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Den Rang sich streitig höchstens die Hôtels.

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Nicht in Maderno's »Palazzino« krachen
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Champagnersalven, keine Lauten klingen,
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Kein Tanz, kein Spiel, noch andre schöne Sachen.

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Und statt der Ritter, die aufs Roß sich schwingen
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Mit holden Frau'n, aus Furcht, sich zu entadeln,
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Wenn sie gutbürgerlich zu Fuße gingen,

70
Sieht du die feine Welt – vorüberradeln.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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