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Kommt, schon wartet der Wagen am Haus! – Wie soll ich mich trennen?
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Gestern – ein Leichtsinn war's, daß ich es ernstlich beschloß.
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Heut – wie am Fenster die Spinne sich anwebt, häng' ich mit tausend
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Fäden im eigenen Netz fest an die Stätte geknüpft.
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Lieber Vesuv, wir sehn uns drüben in Napoli wieder,
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Aber ein anderer dann bist du – ein anderer ich.
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Ruhiges Meer, auch du – nicht mehr in der Glorie schwimmst du
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Hinter Olivengesträuch, sondern in schmählicher Fron
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Zahllos ankernder Schiffe getrübt die gediegene Klarheit;
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Statt des Orangengedüfts dampft an der Reede der Teer.
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Und du, innige Stille der Luft, von Stimmen der Liebe
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Zärtlich gebrochen, im Lärm Napolis schmacht' ich nach dir.
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Stürzt, mitleidige Tränen! Verfinstert den Blick und entreißt ihm
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Näh' und Weite; er soll jetzt sich bescheiden, er muß.
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Bist du hier, o Luisa? Geleite mich! Sinnen- und fühllos
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Geh' ich. Weinest du auch, Mädchen, und bleibst in Sorrent?
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Nein, ich fahre mit Euch, bis Castellamare; die Mutter
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Auch, Francesco und wen sonst die Karosse noch faßt.
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Sonntag ist es, so haben wir Zeit. Als wärt Ihr ein Bruder,
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Will Euch jedes im Haus wohl, und das wisset Ihr auch. –
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O ihr Guten! – Wir gingen, vorbei dem Altan; ich gewann's nicht
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Über das trauernde Herz, droben noch einmal zu stehn.
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Und wir fanden die Mutter im Sonntagsputze, die Schwestern
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Und Francesco im Flur. Aber sie schmückten mich erst
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Wie ein Opfer mit Blumen und steckten mir dunkler Orangen
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Zwei in die Hand. Mit Not wehrt' ich ein Dutzend mir ab.
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Ach, und am Haustor harrte die leidige Kutsche. Vergnügt saß
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Ferdinando bereits neben dem Kutscher mit Stolz.
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Jetzt wir anderen hurtig hinein, sechs Große, dazwischen
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Zwei von den Kleinen; am Bock hing sich ein drittes mit an.
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Freundliche Nachbarn kamen, die Hand mir reichend zum Abschied,
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Hoben die Kinder hinein, daß ich sie herzte wie sonst,
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Und fort stob das beladne Gefährt. Indessen an eins nur
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Dacht' ich: Und du nur bleibst, du, Mariuccia, zurück?
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Nicht am Fenster erschien sie. Es hing kaltsinnig der Vorhang,
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Und kein Fältchen verschob, winkend und scheidend, die Hand.
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Sei's! So will ich auch dies ausstreichen in mir, in die Zukunft
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Blicken und hoffen. Ein Gott nehme des andern sich an!
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Siehe, der Tag ist heiß. Kaum blieb im Rücken die Ebne,
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Und den gewundenen Weg schnaufen die Gäule hinan,
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Breit in den Felsen gebaut, der steil in die Wogen hinabsteigt,
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Als uns alle befällt Plage der goldenen Glut.
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Nun entfalten wir eilig den Schirm, nun ducken sich alle
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Unter das Dach, das rot lachende Wangen bescheint.
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Jedes in Sonntagslaune und tut sein Bestes mit Schwatzen;
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Nur die Luisa blickt schweigend hinaus auf das Meer.
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Ich, am Rande des Schlags, mir zwischen den Knieen das jüngste
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Mädchen, von allen befragt, stand ein Erhebliches aus.
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Niemals machte zuvor Bosheit so heiß mir die Hölle,
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Wie ich im biederen Kreis dieser Verehrten geschwitzt.
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Aber sobald um den Felsen die Fahrt bog oder ein Garten
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Schatten verstreute, sogleich tauchten wir wieder hervor,
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Zeigten einander den wechselnden Schmuck der gesegneten Ufer,
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Oder das leuchtende Meer tief an dem gelben Gestein.
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Und es erzählte die Mutter: Dereinst – sie säugte das erste
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Kind – stieg plötzlich das Öl über die Maßen im Preis.
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Und da sagt' ihr Bippo einmal: Frau, wenn wir ein eignes
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Gärtchen besäßen, es wär' heuer ein braves Geschäft.
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Aber, woher soll's kommen? – Darauf, sie bewahrte die Worte
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Still im Herzen, beschlief's ein' und die andere Nacht;
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Endlich da war es gefunden: sie tat ihr alles an Ringen,
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Spangen und Ohrengehäng, so sie getragen als Braut,
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Auch von der seligen Ahne das Schaustück fein in ein Kästchen,
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Ferner die Kette: sie ging zehnmal bequem um den Hals.
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All das trug sie dem Goldschmied hin, der tauscht' es für blankes
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Silber; sie bracht' es dem Mann, welcher sie staunend befrug,
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Schalt und belobte zuletzt, und sie kauften den Ölbaumgarten,
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Und er gedieh. Niemals hat sie der Handel gereut.
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Seht, was hatt' ich den Schmuck auch not? Ich hatte die Kinder,
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Hatte den Mann, und blieb immer von Festen zurück. –
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Doch du sagtest darauf, Francesco, Diener der Kirchen:
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Mutter, ich war unlängst drüben im Garten und sah
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Unsere heurige Ernte. Fürwahr, mich dünket es gottlos,
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Wie zusehends das Kreuz dort an der Mauer verfällt.
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Denket, am Heiland gar ist völlig die Farbe verwaschen,
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Und doch wirket der Herr Segen in jeglichem Herbst.
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Was dünkt Euch? Wir wenden die paar Karlin an den Tüncher,
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Daß er das Bild auffrischt. Aber die treffliche Frau
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Nickt' und sprach: So soll es geschehn, Francesco. Es ist dies
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Deines Amtes. Du weißt, was für den Himmel sich schickt.
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Also plauderten sie; nur als von ferne das weiße
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Castellamare sich zeigt, wurden wir stiller und still.
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Jetzt in den Bahnhof lenkt das Gefährt, jetzt spring' ich hinunter,
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Hebe die Mutter heraus, reiche den Mädchen die Hand.
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Und wir standen und schwiegen. Wie viel will scheidend gesagt sein,
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Und wie weniges doch sagt man einander zuletzt.
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Aber ich zog Luisen beiseit. Grüß mir Mariuccia;
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Grüß und sage, wie sehr ich sie am Fenster vermißt. –
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Wißt, sprach leise das Mädchen, zuvor nicht mocht' ich es sagen
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Wegen der andern. Ich sprach heut in der Messe mit ihr,
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Und ich gab ihr das seidene Band. Sie sagte: Der Herrgott
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Weiß, wie gern ich ihm selbst dankte, so gut wie er ist.
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Doch – was sagst du, Luisa? – der Carlo, sagt sie (der Onkel
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Angiolinens, versteht!) kam zu der Mamma und warb.
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Wenige Tag' ist's her, und es war schon finster. Ich stand noch
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Auf dem Balkon. Da klopft's innen, da tritt er herein,
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Sagt's mit wenigen Worten, um was er komme. Die Mutter
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Weinte vor Freuden, und ich – siehe, Luisa, der Tod
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Kann mir das Herz nicht stärker als diese Wonne beklemmen,
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Als er die Hand mir dann gab wie in früherer Zeit.
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Aber du mußt noch schweigen; er will nicht, daß es herumkommt,
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Sagt sie. Ich hätt' auch dir nicht das Geringste vertraut.
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Doch er nahm mir im Ernste das Wort ab, nimmer den Fremden
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Wiederzusehn; ich gab's, sagt sie, und mußt' ich es nicht?
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Nicht aus Laune geschieht's das sag ihm. Weißt du, er war mir
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Freundlich und ich ihm hold, wie es für Nachbarn geziemt.
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Vielmals grüß' ich ihn aber und Margherita, und beiden
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Bringe die Hand von mir. Nehmt sie, und meine dazu! –
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Und frohlockend ergriff ich die Hand. Glückselige Botschaft!
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Rief ich. So ist nun hier alles geschlichtet und gut.
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Laß dich küssen, Luisa! – Und Euer Gelübde? – Die Heil'gen
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Wissen, mit reinerem Sinn wurde noch keines verletzt.
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Grüße sie wieder zu tausendmal, und hör, auch den Onkel! –
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Und wir schieden. Dahin fuhr ich im brausenden Zug.
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Sei, holdseliges Mädchen, so rief ich, sei mir gesegnet,
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Die mir den Abschied auch, die mir die Träne versüßt!
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Segne das Glück dir Garten und Haus und am Hause die Reben,
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Segne das Kind, das holdlachend im Schoße du wiegst;
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Und im Glück – o gedenke des Freunds, der nicht dir es neidet,
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Führt ihn dem eigenen auch zögernd ein Gott in den Arm!