7.

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Paul Heyse: 7. (1872)

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Richtig, es lockt ein Stimmchen, ein Hauch nur, wie ihn ein Vogel
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Singt im grauenden Tag, wenn er die Eule noch scheut,
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Und da flattert ein Zipfel vom Kleid. Nun, Zoccolo, laß uns
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Zu ihr gehen; sie harrt deiner – und meiner? vielleicht.
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Sieh, da steht sie und tut ganz fremd und breitet gelassen
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Über die Fläche des Dachs sauber zum Bleichen das Garn.
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Komm nun oben hinauf. Hier trennt uns immer des Hofes
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Breite; doch oben berührt nahe sich Dach mit dem Dach.
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Leider, die Mauer verwehrt, mannshoch, hinüberzuwandern;
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Ach, es erbaute sie einst fluchend mit eigener Hand
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Unser verehrtes Familienhaupt, Francesco. Die kluge
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Schwester Luisa, sie war fast noch ein Kind und bereits
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Händeln der Liebe geneigt. Oft schlich zu der Kleinen der hübsche
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Britische Knabe, der Sohn jenes begüterten Paars,
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Welchem der Apotheker die oberen Zimmer vermietet;
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Nimmer den englischen Spleen spülten im Golfe sie ab.
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Aber das Söhnchen erkor sich ein Mittelchen wider die Langweil,
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Bis ihm die Kurzweil, ach! Tücke des Bruders verdarb.
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Fand er nun doch hinüber den Weg? Deß schweigt die Geschichte;
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Doch wo fände den Weg Liebe, die wagende, nicht?
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Mir war immer die Mauer zu hoch, zum klaren Beweise,
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Daß nicht Liebe den Fuß leitet' hinauf zum Altan.
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Ehrbar rückte den Schemel ich nah an die leidige Festung,
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Über die Zinne nach
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Erst vollbrachte sie ganz ihr Werk, und den Finger am Munde
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Sah sie mich an; derweil dunkelte leise der Tag,
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Läuteten ferne die Glocken. Sie späht rings über die Brustwehr,
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Aber die Luft schien rein. Jetzt zu dem oberen Dach
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Kommt sie; ich seh's, sie zwingt sich ein ernstes Gesicht zu behaupten,
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Doch ein Lächeln umspielt heimlich den schwellenden Mund.
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Gebt mir den Zoccolo wieder, Signor! Ihr habt ihn, ich weiß es,
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Und was habt Ihr daran? – Dich, Mariuccia; du mußt
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Mir stillhalten, so lang mir beliebt. Nun sage vor allem:
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Hast du die Mutter versöhnt? – Reden wir leiser, Signor!
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Angiolina belauscht uns sonst. Die Schändliche! sie war's,
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Die mir den schimpflichen Streich heut bei der Mamma gespielt.
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Neidisch ist sie und jedem verhaßt, wie sehr sie gelehrt ist;
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Davon wird ihr Gesicht wie die Limone so gelb.
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Sagt, was konnt' ich dafür? Ich kam zu Luisa, zu Euch nicht;
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Und ein Wörtchen mit Euch – wäre die Sünde so groß?
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Doch gleich lief sie herum zu der Mutter und rief: Mariuccia
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Ist beim Fremden; sie stehn öffentlich auf dem Altan.
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Nun, Ihr wißt, wie Mütter sich gleich das Gefährlichste denken;
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Meine – sie ist nicht schlimm, doch wie die anderen auch.
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Mühsam hab' ich es ihr auseinandergesetzt. – Die verruchte
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Schwätzerin! Höre sie das, wenn sie auch jetzt spioniert! –
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Zitto! Seid vorsichtig, ums Himmelswillen. Ich darf nicht
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Tun, als wüßt' ich darum. Sehet, ich stelle mich auch
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Freundlich zu ihr. Denn es ginge vom Argen ins Ärgste, versäumt' ich's;
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Ja, und sie redet sich vor, daß sie mit Grund mich bewacht.
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Denn ihr Onkel – Ihr saht ihn wohl, er geht mit dem braunen
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Römischen Hute, wie Ihr – machte mir früher den Hof.
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Doch dann reist' er davon, und sie sagen, er sei in Milano
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Lange gewesen und gar weiter hinauf in Paris,
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Mit Mazzini und anderen Herrn, die alle zerstoben,
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Als sich die Könige dann wieder zu Meistern gemacht.
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Vor vier Monden erschien er auf einmal hier in Sorrento,
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Trat zum Bruder ins Haus, nur mit dem leichten Gewehr;
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Aber er trug in den Taschen ein wichtiges Häufchen Dukaten,
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Und sie schwatzten: er nimmt jetzt Mariuccia zur Frau.
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Seht, wir sind ein wenig verwandt. Doch meine Familie
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Kam seit Jahren zurück. Früher – da galt es ihm gleich.
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Jetzt – was ist Mariuccia dem Herrn? Mich kümmert es wenig,
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Angiolinen sogar freut es; sie gönnte mir's nicht.
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Und nun quält sie mich doch und paßt auf Schritt mir und Tritt auf,
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Daß sie an Gallen und Gift noch zur Orange vergilbt.
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Und doch tu' ich, wonach mein Sinn steht. Aber ich muß mich
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Hüten, ein anderes Mal offen wie heut es zu tun.
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Gebt nun, bitte, den Zoccolo, Herr! – Da ist er! – Ich reicht' ihn
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Über die Mauer, und warm fühlt' ich die Nähe der Hand.
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Wie sie den Fuß nun hob und gebückt anpaßte das Schühlein,
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Über das holde Gesicht fielen die Flechten herab.
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Und ich sagte: Wie ist's nur möglich, daß er dich täglich
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Sieht, Mariuccia, und nicht dich zu besitzen entbrennt?
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Und sie rümpfte das Mündchen und sprach: Habsüchtige Männer!
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Schönheit reizet sie wohl, doch es gewinnt sie das Gold.
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Oder vielleicht auch haben ihm andere besser gefallen.
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Saget, die Mädchen bei Euch sind sie denn schöner als hier?
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Eure Geliebte zum Beispiel gleich? – Mir ist sie die Schönste,
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Die ich irgend gesehn, aber die Liebste gewiß. –
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Diese Ringe – Ihr habt sie von ihr? da muß sie auch reich sein.
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Wie alt ist sie? und sagt, bitte, wie heißet sie auch? –
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Margherita; sie ist in deinen Jahren; im Wuchs auch
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Gleichet sie dir und im Mund, aber die Augen sind braun. –
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Seht, mich freut es; ich hab' Euch gern, Euch gönn' ich die Beste;
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Doch Ihr reiset gewiß bald zu der Liebsten zurück? –
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Wär' dir's leid, Mariuccia? – Sie schwieg. Ich höre die Tür gehn,
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Sagte sie rasch. Lebt wohl! – Bleib noch ein weniges! – Nein,
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Aber ich komm' schon wieder.
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Treppchen zurück und stand dorten und horchte hinab.
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Dann noch einmal blickte sie um und winkte mit beiden
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Bräunlichen Armen und ach! lachte mit Augen und Mund.
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Langsam stieg ich herab vom Schemel. Des Onkels gedacht' ich,
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Ballt' unwillig die Faust gegen den flüchtigen Mann.
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Einer von uns ist wahrlich ein Tor, so rief ich; mein Auge
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Narrt mich, oder der Mensch, der sie verschmäht, ist ein Narr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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