Nächstenliebe

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Paul Heyse: Nächstenliebe (1872)

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Nach Sapo di Sorrento wollt' ich heut.
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Die Straße geht bergan, dazu die Glut
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Des frühen Sommers. Langsam schritt ich fort
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Und trocknet' häufig an der Stirn den Schweiß.
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Wer jetzt ein Wäglein hätt'!
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Da, hinter mir,
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Wie durch ein Zauberwort herangelockt,
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Trapp! trapp! ein Hufgeklapper, ein Geräusch
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Von Rädern, atemlos in toller Fahrt.
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Denn ohne Pause ließ vom Kutschenbock
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Der Wagenlenker auf sein armes Roß
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Die Peitsche niedersausen.
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Nur ein magrer Klepper war's,
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Dem man die Rippen zählen konnt' im Fell,
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Krummbeinig, Geifer um das offne Maul,
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Und keuchend schwer den steilen Berg hinan.
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Im Wagen aber saß zurückgelehnt
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Ein dicker Priester – nein, ein Pfaffe nur,
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Und blinzelt' mit den muntren Äuglein sehr
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Vergnügt umher ob seiner raschen Fahrt.
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Mir schwoll das Herz vor Grimm. Ich stand und rief
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Dem Burschen zu: Wahnsinniger! Siehst du nicht,
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Daß deinem Gaul die Zunge lechzend schon
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Zum Hals heraushängt, und du schlägst ihn noch?
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Erbarmt dich nicht der stummen Kreatur?

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Doch er, die Zähne fletschend mir zum Hohn:
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Was wollt Ihr, Herr? 's ist ein Bestie nur.
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Bestie du selbst! – Und zu dem Priester – nein,
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Dem Pfaffen, hilfeflehend blickt' ich hin.
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Der aber zuckte nur die Achseln, schob
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Die Unterlippe vor und wiegte lachend
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Den Kopf, als wollt' er sagen: Nehmt es nicht
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So tragisch! Denn fürwahr, der Bursch hat recht.
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Und vorüber fliegt
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Das edle Paar. Ich stehe tief empört
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Und kummervoll. Wie? Keine Seele hätt's?
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Jawohl, so niedrig keine, wie du selbst!
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Und wär' kein Christ? So einer nicht, wie Ihr,
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Hochwürd'ger Herr! Doch wenn am jüngsten Tag
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Die Wiederbringung aller Ding erfolgt
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Und dieses arme Pferdchen neben Euch
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Vor unser aller Richter steht, mich dünkt,
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Der milde Jesus wird mit düstrer Stirn
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Zu Euch sich wenden: Hier im Himmel ist
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Kein Platz für die, so kalt und heuchlerisch
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Sich meines heiligen Namens angemaßt.
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Lehrt' ich Euch nicht, daß der Gerechte sich
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Auch seines Viehs erbarmt? Und sollt Ihr nicht
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Die Wesen alle, die mein Vater schuf,
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Als Eure Nächsten lieben? Heb dich weg!
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Du aber, Rößlein, ob du auch kein Christ,
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Du bleibst in meinem Himmel, sollst fortan
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Aus goldner Krippe speisen saft'ges Heu
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Und Weizenfrucht. Und daß im Müßiggang
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Du nicht zu fett wirst, sollst auf grüner Flur
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Die Engelsbübchen auf dir reiten lassen,
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Wie's ihre höchste Lust auf Erden war,
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Und war's auch damals nur auf Steckenpferdchen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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