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Früh erwacht im Tagesgrauen,
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Schwang ich mich das steile Treppchen
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Rasch hinan zum flachen Söller,
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Und an seiner Brustwehr lehnend,
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Ließ ich die entzückten Augen
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Weitum in die Runde schweifen.
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Noch im leichten Morgenschlummer,
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Zugedeckt von Nebelschleiern
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Wie von flaumenleichter Decke,
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Lag die Küste, lag der glatte
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Purpurblaue Meeresspiegel,
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Zitternd in dem leisen Windhauch,
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Der dem jungen Tag vorausging.
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Und nun kommt er! Siegesprangend,
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Güldnen Kronreif um die Stirne,
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Tritt im Ost er auf die Hügel,
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Und sofort die Flammenpfeile
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Sendet er in die verträumte
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Welt zu Füßen, daß der graue
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Nebel reißt, in Glanz zerflatternd.
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Und die herrliche Neapel
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Hebt sich aus dem Duft, und ihre
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Kinder all, die kleinen Städtchen
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Längs der Küste, reiben lachend
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Sich den Schlummer aus den Augen,
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Spiegeln sich im Meer und kränzen
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Seinen Strand mit Blütenzweigen.
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Doch zur Rechten in den klaren
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Morgenhimmel ragt der alte
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Feuerberg Vesuv, die Stirne
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Zart umglüht von Rosenschimmer.
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Ruhig steht er da, behaglich
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Seine Morgenpfeife rauchend,
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Zu dem Kranz der weißen Städtchen
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Niederblickend, die wie Enkel
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Um den Großpapa sich drängen.
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Aber ich – gedenken mußt' ich
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Alles Unheils, das der Große
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Diesen Kleinen angestiftet,
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Und die Faust mit Zorngebärde
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Nach ihm schüttelnd, rief ich also:
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Heuchler du, mit deiner frommen
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Menschenfreundlich sanften Miene!
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O, man weiß, wie heiße Tücke
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Dir im Busen gärt! Umsonst nicht
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Nannte jener kranke Dichter
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Ja, Verwüster und Verheerer
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Warst du seit den frühesten Tagen,
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Hast die arglos guten Kinder,
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Die bei dir sich angesiedelt,
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Erst gehätschelt und geliebkost,
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Dann bei Nacht in Aschengluten
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Sie erstickt, die Ahnungslosen,
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Ihre Spur vom Boden tilgend.
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Fluch dir! Ohne dich, du Dämon,
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Erdenfleck ein Paradies sein,
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Gleich dem ersten. Aber freilich,
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Diesem auch war ein Verwüster
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Zugesellt vom Höllenabgrund,
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Gleißend, wie du selbst in Schönheit.
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So in sittlicher Entrüstung
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Mich entladend, hielt den Blick ich
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Auf des Kraters Rand geheftet,
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Und auf einmal aus dem weißen
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Dampf, der aus der Tiefe vorquoll,
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Hob sich geisterhaft ein mächt'ges
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Haupt, umweht von grauer Mähne,
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Wildem Bart, und unter busch'gen
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Brauen funkelten zwei Augen,
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Blitze sprühend. Deutlich sah ich
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Ihren Blick auf mich gerichtet,
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Und wie Morgenwindes Sausen
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Drang vernehmlich eine Stimme
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Tor, wie wagst du mich, den alten
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Herrscher dieser Welt, zu schmähen?
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Haben nicht die ew'gen Götter
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Hier mir meinen Thron gegründet,
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Gaben mir die Feuerseele,
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Die, ob ungezählte Jahre
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Über meinem Haupt dahinziehn,
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Nie erkaltet? Feuergeister
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Müssen unerbittlich immer
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Wechselnd gut und Böses stiften,
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Nicht gezähmt von lauer Tugend.
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Und du nennst mich Heuchler? Hätt' ich
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Je verleugnet mein Gemüte?
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Wenn die Kleinen dumm-vertraulich
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Sich geschmiegt an meine Kniee,
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Mußten sie gewärtig bleiben
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Meiner Launen. Und du schiltst mich,
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Daß in Aschen ich begraben
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Jene zwei berühmten Städtchen?
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Heuchler dann du selbst! Wie bist du
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Erst vor kurzem in Pompeji
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Hoch entzückt herumgewandelt,
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Hast die Bronzen, ausgegraben
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Aus dem Schutt von tausend Jahren,
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Hoch bewundert, und dem »Dämon«,
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Der dies Schauspiel euch gegönnt hat,
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Gibst du danklos schnöde Namen?
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Doch so seid ihr, wind'ge Menschlein,
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Prunkend mit humanen Phrasen,
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Aber wenn von fremdem Unglück
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Etwas Gutes für euch abfällt,
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Laßt ihr's doch euch trefflich schmecken.
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Schäm dich, junger Mann, und bist du
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Noch nicht ganz verderbt, geh in dich!
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Rief's' und plötzlich war das mächt'ge
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Haupt, so wie's erschien, verschwunden.
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Ich jedoch, wie ein gescholtner
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Schulbub schämt' ich mich und bat ihm
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Alles ab, was ich gelästert,
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Rief ihm auch an jedem Morgen
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Ehrerbiet'gen Gruß hinüber –
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Aber nie mehr hat der alte
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Herr von mir Notiz genommen.