Ein Brief

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Paul Heyse: Ein Brief (1872)

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Du hast dich leider fortgemacht
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Wie eine Diebin bei der Nacht,
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Doch scheidend ließest du zum Glück
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Mein Herz, das ich dir lieh, zurück.

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Zwar blieb's bei dir nicht unversehrt,
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Doch hat's noch immer seinen Wert,
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Und bessert man's ein wenig aus,
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Hält's wohl ein Weilchen noch – fürs Haus.

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Dir war's zu alt und unscheinbar,
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Zu wunderlich, zu
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Nach Neuem immer steht dein Sinn,
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Ein Herz wie meines wirfst du hin.

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Auch geht's nicht immer nach der Schnur,
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Ganz wie die alte Taschenuhr,
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Ein Erbstück noch vom Vater her,
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Nicht ihres Schlags recht sicher mehr.

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Bald geht sie vor, bald steht sie still,
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Tut eigensinnig, wie sie will,
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Und dennoch, raubte sie ein Wicht,
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Mich tröstet' eine neue nicht.

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Altmodisch ist's, du lachst dazu!
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Nun, alt bin ich und jung bist du,
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Ich still und warm, du kühl und toll –
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So fahr denn wohl – und ohne Groll.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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