In Florenz

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Paul Heyse: In Florenz (1872)

1
Florenz! O helle Tag' und Nächte,
2
Einst hier verschwärmt, wie liegt ihr weit!
3
Wer einen Hauch uns wiederbrächte
4
Der wonnevollen Knospenzeit!
5
Du noch so jung, so glückbeklommen,
6
Des Götterneides unbewußt,
7
Und ich, der manchen Strom durchschwommen,
8
Gelandet nun an deiner Brust!

9
Weißt du, wie in der Abendkühle
10
Wir wandelten den Fluß entlang,
11
Wie zärtlich fest sich im Gewühle
12
Mein Arm um deine Schulter schlang?
13
Herab den Arno kam gefahren
14
Mit Fackeln und Musik ein Kahn,
15
Daß wir den Widerschein, den klaren,
16
In unsern Augen blitzen sahn.

17
Und dort im Mezzanin die Zimmer,
18
Die unser junges Glück bewohnt,
19
Wo nachts mit seinem Märchenschimmer
20
Verstohlen zu uns kam der Mond;
21
Wenn vor dem Spiegel du die Locken
22
Dir löstest mit der schlanken Hand,
23
Noch stets erglühend süßerschrocken,
24
Weil dein Geliebter bei dir stand!

25
Und wenn ich dann beim Tageslichte
26
Dich durch die heitre Stadt geführt,
27
Wie ernstbemüht wir Kunstgeschichte
28
In Farb' und Stein und Erz studiert!
29
Des Tizian himmlische Gestalten,
30
Sie rührten kaum die Seele mir;
31
Kaum konnt' ich mich des Rufs enthalten:
32
Ich weiß, was holder ist als ihr!

33
Da sah vom hohen Fußgestelle
34
Der eh'rne Perseus fremd mich an.
35
Ist's wahr, schwermütiger Geselle,
36
Daß du es einst mir angetan?
37
Daß ich in hellen Jugendjahren
38
Die Mär zu deuten wohl vermeint
39
Von jenem Haupt mit Schlangenhaaren,
40
Das sterbend dir die Welt versteint?

41
Und jetzt – nur kurze Frist vergangen –
42
Wie anders kehren wir zurück!
43
Noch hält mein Arm dich fest umfangen,
44
Doch unterm Schleier weint mein Glück.
45
Du alles, was mir blieb vom Leben,
46
So sterbensmüd, so still und blaß –
47
Ich frage mit geheimem Beben:
48
Wie lang, ihr Götter, bleibt mir das?

49
Ja, lieblich war, was wir besessen,
50
Wir drückten's jubelnd an die Brust.
51
Doch um so bittrer unermessen
52
Wühlt nun im Tiefsten der Verlust.
53
Das Glück mit seinem süßen Lachen,
54
Es flog den wilden Strom hinab,
55
Gleich jenem lichterhellen Nachen,
56
Versunken in ein dunkles Grab.

57
Und wir – an all den alten Stätten
58
Verwandelt blicken wir uns um.
59
Wir möchten aus dem Lärm uns retten
60
In ein unnahbar Heiligtum.
61
Wir sehn den alten Halbgott winken
62
Und wissen jetzt erst, was sie meint,
63
Die Mär vom Haupt in seiner Linken,
64
Das sterbend ihm die Welt versteint.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.