[ich weiß, ein Wahn ist's und zum Wahnsinn bringt's]

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Paul Heyse: [ich weiß, ein Wahn ist's und zum Wahnsinn bringt's] (1872)

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Ich weiß, ein Wahn ist's und zum Wahnsinn bringt's,
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Ihm nachzuhängen. Dennoch, jeden Tag,
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Sobald versank der Sonnenball und noch
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Der Trost des Sternenschimmers nicht erblüht,
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Nur bleiern bleiches Zwielicht auf dem plötzlich
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Entseelten Angesicht der Erde ruht,
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Tritt vor mich hin dasselbe Graungespenst.
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Mir ist, mein Knabe sei in weiter Ferne
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Verirrt und finde nicht nach Haus. Ich seh' ihn
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Durch graue Gassen einer fremden Stadt
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Hineilen, seine kleinen Füße wanken,
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Von kühlem Tau und kaltem Schweiße klebt
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Sein braunes Haar, die Augen suchen irr
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Umher, ob sie das Haus nicht wiederfinden,
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Wohin er soll, wo ihm das Bettchen steht,
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Die Mutter tödlich sich um ihn zerbangt
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Und trostlos sie der Vater trösten will.
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Und fremde Leute, hastig teilnahmlos,
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Gehn ihm vorbei – er ruft sie an – er fleht:
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Bringt mich nach Hause! – Keiner hört auf ihn;
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Nicht eine Pforte tut sich ladend auf,
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Nicht eine Hand zieht ihn ins Wohnliche.
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Und so von Tür zu Türe, hingejagt
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Von Hunger, Angst und Sterbensmüdigkeit,
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Sucht er und sucht – und keine Zuflucht winkt,
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Und dichter, kühler, schauriger umdunkelt
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Die Nacht sein banges Leben – schwer und schwerer
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Den Atem ringt er aus beklemmter Brust –
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Und jetzt – die Kraft versiegt – mit leisem Ach
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Hinsinkt er auf den kalten Stein.

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Da sendet
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Ein güt'ger Dämon, der das Herz mir nicht
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Will springen lassen im lebend'gen Leibe,
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Ihm Helfer in der höchsten Not. Ich seh'
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Zwei andre Kinder um die Ecke biegen,
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Stillgleitend wie mit Flügeln. An der Hand
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Führt ein halbwüchs'ger Knab' ein zierlich Mägdlein,
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Das kaum erst trippeln lernte. Stolz und ernst
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Glüht unter blasser Stirn das Knabenauge
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Und rastet plötzlich auf dem Hingesunknen.
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Das Mägdlein aber stutzt und zeigt auf ihn,
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Und jetzt, mit holdem, unhörbarem Lachen
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Läuft's auf ihn zu und tupft ihn auf den Kopf,
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Und wie er aufsieht, streichelt sie ihm sanft
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Das taubetriefte Haar. Doch ihr Gefährte
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Faßt brüderlich den Kleinen unterm Arm
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Und richtet ihn empor. Da sehn die Drei
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Sich an mit Kinderneugier, rasch vertraut,
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Und flink das Mägdlein in die Mitte nehmend,
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Gehn sie dahin; mir ist, ihr Lachen hört' ich,
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Ihr kindisch Plaudern, – und wie Flötenhauch
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Dringt's an mein Ohr. So blick' ich ihnen nach,
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Bis vor dem übertauenden Aug' ihr Bild
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Zerrinnt, und dort am Dachesrande glüht
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Der goldne Mond empor und übergießt
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Mit Balsam mir die angsterlöste Seele.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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