Der Mond stand überm Palatin. Wie ich

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Paul Heyse: Der Mond stand überm Palatin. Wie ich (1872)

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Der Mond stand überm Palatin. Wie ich
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Hinaufkam, weiß ich nicht. Das hohe Tor
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War offen, ohne Wächter. Eine Stimme
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Sprach in mir: Geh hinauf! Du findst ihn dort!
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Doch langsam, denn mir klopfte stark das Herz,
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Stieg ich die dunkle Treppenflucht hinan
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Und stand nun auf der Höhe, rings um mich,
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Was von der Hofburg der Cäsaren blieb:
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Nur Stein und Schutt, der Gold- und Marmorhülle
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Beraubt, wie nacktes Knochenwerk, von dem
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Hinweggemodert längst das blühnde Fleisch.
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Gewaltig in den veilchenblauen Äther
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Zur Rechten mir erhob das Kolosseum
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Die dunkle Stirn, durch seine leeren Bogen
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Quoll goldner Schein; genüber ragt' empor
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Des Friedenstempels dreigeteilte Cella,
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Geheimnisdunkel; dran vorüber sah ich
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Mondblitze, schlanken Silberpfeilen gleich,
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Von Säul- zu Säulenstumpf des alten Forums
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Sich schwingen und vom steilen Kapitol
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Abprallend in der Nebeldämmrung schwinden.
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Das sah ich mit dem äußern Auge nur
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Und ungerührt. Stieg ich doch nicht hinauf,
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Mich am Erhabensten der Welt zu weiden,
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Nur weil es in mir sprach: du findst ihn dort!

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So wandt' ich mich und wandelte den Pfad
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Vorbei dem Hause des Caligula
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Und dem Palast der Flavier, bis zum Rand
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Des Hügels, wo in sanften Duft gehüllt
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Das Haupt des Aventin herübersah.
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Wie Geisteratem leise ging die Luft,
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Und jeder Stein und jeder zarte Sproß
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Der Bäum' und Sträucher schien zugleich dem Blick
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So deutlich und so märchenhaft, daß mir
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In wunderlichem Graun die Seele bebte.

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Da, wie die Augen ziellos sich ergehn,
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Auf jener Wiese, zwischen Lorbeerbüschen
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Und wilden Rosen – heil'ge Götter! was
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Erblick' ich! – Ist er's? – Das geliebte Kind –
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Es sitzt mir abgewandt – mit blassen Händchen
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Pflückt's auf dem mondbeglänzten Rasenteppich
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Die zarten Anemonen und Tazetten,
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Der Totenblume glockengoldne Sprossen,
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Und windet eifrig sie in einen Kranz.
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Ein Schrei entringt sich mir – da wendet er
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Das Haupt – er ist's! – und sieht mich, und die Blumen
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Vom Schoße schüttelnd springt er hastig auf
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Und mir entgegen, steht dann plötzlich still,
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Scheu, als besänn' er sich auf ein Verbot.
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Ich aber fasse mir ein Herz: Mein Kind,
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Mein holdes Leben! stamml' ich. Doch er schüttelt
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Wehmütig ernst das Haupt, als woll' er sagen:
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Was sprichst du! Leben? Das ist hin! – Und langsam
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Nimmt er die Blumen auf und ordnet sie
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In einen Strauß, winkt dann geheimnisvoll
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Und geht voran.
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Auf einmal ward das Herz
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Mir seltsam leicht und froh, als gingen wir
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Wie sonst spazieren und betrachteten
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Mit hellen Augen rings die Welt. Wo willst du
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Nur hin? begann ich. Willst du deinen Strauß
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Der Mutter bringen? – Und er nickt' und sah
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Mit einem traurig stillen Blick mich an –
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Es war, als wollt' er plötzlich an die Brust
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Mir stürzen, mich zu bitten: nimm mich mit,
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Zurück ins Leben! Wo ich jetzt verweile,
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Ach, ist's so schaurig kalt und liebeleer! –
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Doch er bezwang sich, hob das Fingerchen,
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Wie um zu mahnen: denk nicht drüber nach,
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Wie all das ist; es bräche dir das Herz! –
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Und so verstummt' ich. Ach, die Augen hingen,
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Sich nicht ersättigend, an dem lieben Antlitz.
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Noch feiner schien es, reifer noch, zugleich
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Noch weit unschuld'ger, rührender, nur daß
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Es nicht mehr glänzt' in süßem Übermut.
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Und näher schmiegt' er sich an mich. Doch nur
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Der Duft berührte mich von seinem Strauß,
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Nichts von ihm selbst. So, unvermerkt hinab
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Vom Palatin hatt' er mich weggeführt,
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Und scherzend sagt' ich: Weißt du denn Bescheid
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Im fremden Rom? Willst du am Kapitol
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Die Wölfin sehn? Er aber schwieg und ging
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Voran mit leichtbeschwingtem Schritt, das Haar
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Umwehte Stirn und Schläfen seidenweich –
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O wie er lieblich war! – So schritten wir
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Die totenstillen Gassen traulich hin.
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Nur meines Schrittes Echo klang, und dort
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Der große Brunnen rauschte. Sieh nur, sagt' ich,
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Dies ist der Trevibrunnen. Möchtst du wohl
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Auf diesen Wasserpferden reiten, Kind? –
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Da lächelt' er, zum erstenmal. Und weiter
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Rastlos den langen Corso ging's hinab.
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Und als wir jetzt dem Hause nahten, wo
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Die ärmste aller Mütter schlief, – doch nein,
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Sie wachte; durch die Läden schimmerte
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Die Lampe noch – da blieb er stehn und sah
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Still zum Balkon hinauf. Unschlüssig schien er,
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Ob er die Schwelle wohl betreten dürfe.
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Und ich: ach, wenn die Zwei sich wiedersehn,
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Er nimmt sie mir mit fort! – Da sah ich, wie er
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Rasch vor der Tür die Blumen niederlegte,
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Dann, gleich als ob er Eile habe, winkt' er
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Mir zu, und durch das monderhellte Tor
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Des Volkes führt' er mich und nach der Villa
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Borghese, und wir schritten frei hinein.
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Wie zauberherrlich breiteten die Wiesen,
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Von Pinienwipfeln dunkel überschattet
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Und rings von Säulen, Brunnen, Marmorbildern
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Durchschimmert, weit sich aus! – Hier ist es schön,
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Nicht wahr, mein Liebling? Sieh nur die Narzissen
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Dort auf der Halde. Willst du wieder pflücken? –
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Er aber spähte still umher. Da sahn wir
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Im Stadium, wo Zypressen rings wie Wächter
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Den Plan behüten, schöne Pferde frei
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Sich tummeln oder weiden durch das Gras.
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Die schlanken Nüstern schnoberten, es flogen
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Die langen Schweife, wie sie ihre Sprünge
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Fast wie im Reigen machten. Und auf einmal
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Kam aus der Koppel zu uns hergelaufen
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Ein weißes Füllen. Fromm-geduldig stand's
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Vor meinem Knaben, ließ das krause Fell
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Von seinen dreisten Händchen willig streicheln,
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Und eh' ich's dachte, saß er auf dem Rücken
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Des schlanken Tiers, und nun begann das Spiel,
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In leichten Sprüngen erst, dann wild und wilder,
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Daß ich in Angst erschaudernd rief und bat
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Und warnt' – umsonst! In plötzlich tollem Rasen
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Ausbrach der Wildling, wie gepeitscht mit Dornen,
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Und mein Geliebter, wie ein Federball
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Hinab, hinaufgeschnellt, kaum noch die Mähne
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Fest hielt er – zwischendurch aus seinem Auge
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Traf mich ein banger Strahl. – Ach, rief ich, hättst du
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Es nicht gewagt! Das Leben ist zu wild,
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Es wirft dich ab! – Da hört' ich einen Ton
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Wie Ächzen – drauf ein schadenfrohes Wiehern –
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Und als der Nebel meiner Ohnmacht wich,
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Sah ich auf feuchtem Abhang hingestreckt
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Den holden weißen Leib, die Strahlenaugen
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Erloschen, ach, die Blumenglieder nackt
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In eine rote Decke halbverhüllt –
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Und sinnlos stürzt' ich hin. – –

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Doch aus der Wiese,
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Darauf er lag, sproß eine Blumensaat
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Von gelben Totenblumen und Narzissen
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Und frühen Veilchen, und sie wuchsen hoch
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Und höher, überwuchernd die erblichnen
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Geliebten Glieder, bis ich nichts mehr sah
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Von meinem toten Glück. Ins Auge drang
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Mir scharf und schmerzend erste Morgenglut
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Des neuen Tags, in lautem Weinen brach
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Die Qual mir aus, und seinen Namen rufend,

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Erwacht' ich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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