6.

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Paul Heyse: 6. (1872)

1
Noch eh' der Hügel grünt auf deinem Grab,
2
Eh' jener Kränze bleicher Schmuck vermodert,
3
Die man dir mitgab in die Nacht hinab,
4
Wie? all die Glut der Schmerzen schon verlodert?
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Die Augen trocken, kühl der Herzen Schlag,
6
Als wäre nichts geschehn, was Tränen fordert?
7
O ihr, da er noch auf der Bahre lag,
8
An Jammer unersättlich, wie so eilig
9
Verleidet' euch das Leid der lust'ge Tag!
10
Im Wechsel euch betäuben müßt ihr freilich,
11
Denn an die eigne Flachheit mahnt euch bald
12
Ein jedes Wehgefühl, das tief und heilig.
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Drum habt ihr eure Sprüchlein maunigfalt,
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Daraus ihr lernt: ein Tor, wer nicht genieße
15
Des Augenblicks buntgaukelnde Gestalt,
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Vom Strom nicht trinke, der so rasch verfließe,
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Versäumend eines Sonnenblickes Gunst,
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Fruchtlosen Gram fest an den Busen schließe.
19
Dem lebenden Geschlecht sei Gräberdunst.
20
So geht denn hin und kehrt in schnöder Eile
21
Zu nicht'gem Tagwerk, das euch wichtig scheint,
22
Indes ich still bei meinem Toten weile.
23
Ich habe meinen Gram nicht
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Wie ihr, nicht aus den Augen ihn verschüttet;
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Zu tief mit meinem Blut ist er vereint.
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Nichts hab' ich mehr, das noch zur Not verkittet
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Die Stücke des zerbrochnen Seins, als ihn,
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Der ganz die Seele füllt, obschon zerrüttet.
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Nicht will ich feige mir und ihm entfliehn,
30
Will
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Da mir der Andacht hohe Kraft verliehn.
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Denn Frevel dünkt mich, daß man sich entschlage
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Der Pflicht des Danks, mit Schmerzen
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Die man geliebt mit innigem Herzensschlage.
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Die frommen Alten lehrt' es ihr Gewissen,
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Dem Gram sein Recht zu geben, wie der Freude,
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Und das Volk Gottes hat sein Kleid zerrissen.
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Nur ihr, die ihr der Selbstsucht Wahngebäude
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Auftürmt, ihr nennt zu kostbar die Sekunde,
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Die man an hoffnungsloses Weh vergeude.
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O nun versteh ich, was mit stummem Munde
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Du mir gesagt, mein Liebling, als mit Stöhnen
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Und Schluchzen dich umgab die dichte Runde.
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Dein Schweigen schien ihr Klaggeheul zu höhnen,
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Als wüßtest du, der kärglichste Gewinn
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Wird morgen sie mit
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Die Augen, dunkel starrend vor sich hin,
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Bekannten: Wohl mir, daß ich dieser Erde,
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Die keine Treue kennt, entnommen bin!
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So streng weltabgewandt war die Gebärde,
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So kühl und stolz, es bangte mir fürwahr,
52
Als ob ich selbst von dir verachtet werde.
53
Nein, Liebling, mich nur aus der dumpfen Schar
54
Sollst du getreu und deiner wert erfinden;
55
Denn was dein Lächeln meinem Leben war,
56
Wird mit dem letzten Hauch nur mir entschwinden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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