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Noch eh' der Hügel grünt auf deinem Grab,
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Eh' jener Kränze bleicher Schmuck vermodert,
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Die man dir mitgab in die Nacht hinab,
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Wie? all die Glut der Schmerzen schon verlodert?
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Die Augen trocken, kühl der Herzen Schlag,
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Als wäre nichts geschehn, was Tränen fordert?
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O ihr, da er noch auf der Bahre lag,
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An Jammer unersättlich, wie so eilig
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Verleidet' euch das Leid der lust'ge Tag!
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Im Wechsel euch betäuben müßt ihr freilich,
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Denn an die eigne Flachheit mahnt euch bald
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Ein jedes Wehgefühl, das tief und heilig.
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Drum habt ihr eure Sprüchlein maunigfalt,
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Daraus ihr lernt: ein Tor, wer nicht genieße
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Des Augenblicks buntgaukelnde Gestalt,
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Vom Strom nicht trinke, der so rasch verfließe,
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Versäumend eines Sonnenblickes Gunst,
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Fruchtlosen Gram fest an den Busen schließe.
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Dem lebenden Geschlecht sei Gräberdunst.
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So geht denn hin und kehrt in schnöder Eile
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Zu nicht'gem Tagwerk, das euch wichtig scheint,
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Indes ich still bei meinem Toten weile.
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Ich habe meinen Gram nicht
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Wie ihr, nicht aus den Augen ihn verschüttet;
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Zu tief mit meinem Blut ist er vereint.
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Nichts hab' ich mehr, das noch zur Not verkittet
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Die Stücke des zerbrochnen Seins, als ihn,
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Der ganz die Seele füllt, obschon zerrüttet.
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Nicht will ich feige mir und ihm entfliehn,
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Da mir der Andacht hohe Kraft verliehn.
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Denn Frevel dünkt mich, daß man sich entschlage
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Der Pflicht des Danks, mit Schmerzen
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Die man geliebt mit innigem Herzensschlage.
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Die frommen Alten lehrt' es ihr Gewissen,
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Dem Gram sein Recht zu geben, wie der Freude,
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Und das Volk Gottes hat sein Kleid zerrissen.
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Nur ihr, die ihr der Selbstsucht Wahngebäude
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Auftürmt, ihr nennt zu kostbar die Sekunde,
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Die man an hoffnungsloses Weh vergeude.
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O nun versteh ich, was mit stummem Munde
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Du mir gesagt, mein Liebling, als mit Stöhnen
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Und Schluchzen dich umgab die dichte Runde.
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Dein Schweigen schien ihr Klaggeheul zu höhnen,
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Als wüßtest du, der kärglichste Gewinn
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Die Augen, dunkel starrend vor sich hin,
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Bekannten: Wohl mir, daß ich dieser Erde,
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Die keine Treue kennt, entnommen bin!
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So streng weltabgewandt war die Gebärde,
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So kühl und stolz, es bangte mir fürwahr,
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Als ob ich selbst von dir verachtet werde.
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Nein, Liebling, mich nur aus der dumpfen Schar
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Sollst du getreu und deiner wert erfinden;
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Denn was dein Lächeln meinem Leben war,
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Wird mit dem letzten Hauch nur mir entschwinden!