5.

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Paul Heyse: 5. (1872)

1
Zu bitter wär' ich? Doch wer hat's verschuldet,
2
Wenn meine Zunge trieft von Bitterkeiten?
3
Ein feiger Knecht, wer ohne Murren duldet!
4
Ward nicht, was Süßes ich genoß vorzeiten,
5
Mir über Nacht vergiftet und vergällt,
6
Entwertet meine liebsten Kostbarkeiten,
7
Da, die ich über jeden Schatz gestellt,
8
Die goldne Freiheit, nun als schlimmste Bürde
9
Mir unerträglich auf die Seele fällt?
10
Es wog mir kein Gewinn, noch Ehr' und Würde
11
Den Adel auf: mir selber zu gehören,
12
Nicht eingeschränkt in eines Dienstes Hürde;
13
Nicht mit banausischem Geschäft zu stören
14
Die stille Bildkraft, all die Schmerzenslust,
15
In ernstem Ringen Geister zu beschwören.
16
Wie war ich mir so streng und froh bewußt,
17
Daß meines Wirkens Maß und meiner Pflichten
18
Mir einzig ruht' im Grund der eignen Brust!
19
Und nun – wie möcht' ich gern auf mich verzichten
20
Und, fremdem Willen dienstbar untertan,
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Ein dumpfes Werk gedankenlos verrichten!
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Den Bauer neid' ich, der in grader Bahn
23
Die Furche zieht, den Kärrner, der im Staube
24
Des Heerwegs seinen Rossen geht voran.
25
Und jener dort in niedrer Reisiglaube,
26
Der Steine klopft, gebückt am heißen Wege,
27
Nicht ödem Müßiggang ist er zum Raube.
28
Sein Tagwerk fördert jeder seiner Schläge,
29
Und, wacker bis zum Feierabend, letzt
30
Ihn seine Flasche, wird der Arm ihm träge.
31
Und ich – dem selbst der Quell der Musen jetzt,
32
Der Himmelstrank, wie schaler Spülicht mundet,
33
Wo ist ein Werk, ein Ziel, das mich ergötzt?
34
Denn die Gestalt, die sich dem Dichter rundet,
35
Soll er beleben mit dem eignen Blut.
36
Wie? wenn er selbst nun ward zu Tod verwundet,
37
Daß Lebensüberfluß und -übermut
38
Versiegen und die Liebe geht verloren,
39
Die auch an
40
So hab' ich selbst mich wider mich verschworen.
41
Mir selbst gehör' ich? Keinen schlimmern Herrn
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Und keinen ärmern hätt' ich je erkoren.
43
Sein schnödes Joch abschütteln möcht' ich gern,
44
Der mich mißhandelt, der mich darben läßt,
45
Und kann nur knirschend an der Kette zerrn.
46
So wird der Freiheit jammervoller Rest
47
Mir noch zum Fluch. Wenn unser Wille schwankt,
48
Gleich einem Vogel, dem zerstört das Nest,
49
Dann strebt das Ich, das an sich selber krankt,
50
Sich loszuwerden, von des Sehnens Not
51
Zu ruhn in einem Ziel, das nimmer wankt, –
52
Und was ist hier gewiß, als nur der Tod?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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