1.

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Paul Heyse: 1. (1872)

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Mit Kränzen, wie kein Bräutigam, geschmückt,
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Mit Feierkleidern angetan aufs beste,
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Doch deine großen Augen zugedrückt,
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So fuhrst du weg zu deinem letzten Feste,
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Langsam, im Schritt. Warum dich übereilen?
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Gern wartet jener Wirt auf seine Gäste.
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Dort hinter langen, stillen Hügelzeilen –
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Siehst du das Haus? Es brennen viele Lichter,
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Doch denen nicht zur Lust, die dort verweilen.
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Seltsam! Die hagern, bräunlichen Gesichter,
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Wie sie bekümmert in die Kerzen starren.
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Manch einer grinst, doch nicht das Schweigen bricht er.
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Es scheint, es finden's all die armen Narren
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Gar unbequem, hier aufgeputzt der Stunde,
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Da man zur Ruh' sie bringen wird, zu harren.
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Die alte Dame dort, mit gutem Grunde
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Verstimmt es sie, daß man sie hergebracht
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So ungeschminkt, mit zahnlos offnem Munde.
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Und dort das Fräulein, das so gern gelacht,
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Getänzelt und das süße Kind gespielt,
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Was hat auf einmal sie so ernst gemacht?
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Der alte Dandy zwar, der nach ihr schielt
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Und ihren Kranz und Schleier scheint zu loben,
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Ist ein Galan, der sich nur schlecht empfiehlt.
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Die blonde Haartour hat sich ihm verschoben;
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Sein Kammerdiener hielt der Müh' vielleicht,
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Obwohl er ihn beerbt, sich überhoben.
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Und dort, zum Alabasterbild gebleicht,
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Die junge Mutter, hier zum Fest geladen,
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Eh sie dem Säugling noch die Brust gereicht.
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Ihr Nachbar auch scheint trüb und grambeladen,
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Nicht dreißig alt, ein schmucker Offizier,
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Und schon getrennt von allen Kameraden!
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Fürwahr, es ist nicht eben lustig hier;
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Ein jeder Gast hat nur mit sich zu tun,
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Die Kerzen knistern wie geängstet schier.
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O kommst auch du, mein lieber Knabe, nun
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Und suchst dir bei den stillen fremden Leuten
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Bescheiden einen Platz, um auszuruhn?
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Hier spielt man nicht die Spiele, die dich freuten.
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Soll Jugend, die den Ernst des Lebens kaum
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Von fern geahnt, den ernsten Tod sich deuten?
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Es geht ein heimlich Regen durch den Raum,
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Als wollten sie den Ankömmling beschauen
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Durch eingesunkner Wimpern schmalen Saum.
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Er aber achtet nicht der Herrn und Frauen.
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Er ruht wie über Lieb' und Graun erhaben
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Mt leidsam ernst gespannten Augenbrauen.
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Jawohl, ihr Späher dort, in diesem Knaben
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Ward eurem Fest beschert ein holder Gast,
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An dem ihr könntet eure Freude haben.
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Doch jeden drückt zu schwer die eigne Last,
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Als daß er lange dächt' an andre Dinge.
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Still ist's im Saal. Man hört das Flattern fast
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Des weißen Falters, der mit hast'ger Schwinge
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In bangen Kreisen durch die Lüfte zieht,
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Als sei's ihm nicht geheu'r im Totenringe.
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Und wie er jetzt den stillen Knaben sieht,
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Läßt er sich rasch auf seine Stirne nieder,
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Wie auf ein heilig blühendes Gebiet;
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Als hab' auf diese sanften Augenlider
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Der Tod kein Recht, als kehre, statt zur Gruft,
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Die blasse Lilie zu den Blumen wieder
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Hinaus in Sonne, Lenz und Lebensluft! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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