12.

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Paul Heyse: 12. (1872)

1
Ins Reich der Schatten führte mich der Traum.
2
Da sah ich unser liebes Kind sich nahn,
3
So still und blaß und ernst – ich kannt' es kaum.
4
Die Arme streckt' ich aus, es zu umfahn,
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Doch schüttelt' es die Locken schwer wie Blei,
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Als hätt' ihm noch das Hälschen wehgetan.
7
Dann deutet' es, als ob es durstig sei,
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Auf seine Lippen, und mit müdem Winken
9
Der beiden Ärmchen zog es mich herbei.
10
Kind, rief ich zu ihm eilend, willst du trinken?
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Sieh hier den Quell, der meiner Brust entquillt,
12
Aus breiter Wunde strömend an der Linken. –
13
Da trank's; und als es seinen Durst gestillt,
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Das blasse Mündlein mit dem Blute färbend,
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Gewann es Sprache, seufzt' und sagte mild:
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O lieber Vater, dem zuerst ich sterbend
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So großes Leid gebracht und mehr noch bringe,
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Die Lust am Licht der Sonne dir verderbend,
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Sei doch getrost und wieder guter Dinge.
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Ich schweb' hier unten freud- und kummerlos,
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Der Nacht gewohnt, wie nächt'ge Schmetterlinge.
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Das eine quält uns leichte Schatten bloß,
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Daß ihr mit Tränen unser Grab betrauert,
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Die zu uns dringen durch der Erde Schoß;
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Daß Regenguß uns winterlich umschauert
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Und unser Schattenleib von Frösteln bebt
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Und fieberhaft am Lethestrome kauert.
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Uns wird nur wohl, wenn ihr zu hemmen strebt
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Den blut'gen Quell untröstlich bittrer Tränen
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Und euer Auge rein zum Himmel hebt.
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Denn wenn ihr mäß'ger, mit gefaßtem Sehnen
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Der Toten denkt, so ist's, als fühlten wir
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In warmem Schimmer unsern Leib sich dehnen.
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Sieh nur, so manche Schatten wandeln hier
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Von sanftem Zwielicht wundersam umflossen,
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Verklärten Blicks im traurigen Revier.
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Das sind die Seelen, deren Lichtgenossen
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Mit steter Treue noch ihr Bild bewahren,
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Doch ihre Tränen still ins Herz verschlossen.
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So, Vater, wenn du nun hinaufgefahren,
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Tu auch, und sage meinem Mütterlein – –
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Da schwieg's, als dürf' es mehr nicht offenbaren.
43
O, rief ich, Kind, du mahnst uns, froh zu sein?
44
Bist du denn froh, seitdem du uns verlassen? –
45
Da winkt' es mit der Hand, als spräch' es: nein.
46
Und wie ich's wollt' in meine Arme fassen,
47
Schwand es gleich einem Rauch an mir vorbei;
48
Ich sah es nur noch lächeln und erblassen.
49
Da weckte mich der erste Hahnenschrei.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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