10.

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Paul Heyse: 10. (1872)

1
Betracht' ich unser schwankes Menschenlos,
2
Geringe Lust, von Unlust überwogen,
3
Die Angst vorm Wechsel in des Glückes Schoß,
4
Der Jugend Hoffnungen, so schwer betrogen,
5
Des Alters bittre Weisheit: »Alles nichtig!« –
6
Der Liebe Götterrausch, so bald verflogen:
7
Dann preis' ich dich, mein Kind, daß nur so flüchtig
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Dein kleiner Fuß des Lebens Bahn berührt,
9
Und gern auf dich zu deinem Heil verzicht' ich.
10
Wie treu ich dich an meiner Hand geführt,
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Nicht hätt' ich eine dir erspart der Plagen,
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Die je ein Herz beklemmend eingeschnürt.
13
Dein Mäppchen hättst zur Schule du getragen,
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Zitternd in Furcht und Scham, wenn dir einmal
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Die Antwort stockte auf des Lehrers Fragen.
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Dann Ehrgeiz, Reue, stumme Liebesqual,
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Freundschaft an Stolz und Wankelmut verschwendet,
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Und was die Jugend lockt und irrt zumal.
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Und hätte sich das Herz dir zugewendet
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Des Einen, dem im Leben wie im Tod
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Du deine Pflicht und Treue gern verpfändet,
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O dann nach kurzem Glück die lange Not
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Der Mutterschaft, erst Kinder ihm gebären
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Und dann sie aufziehn, tausendfach bedroht;
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Die Fiebernächte, wo mit bangen Zähren
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Am kleinen Bett du hättest wach gesessen,
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Den Feind des Lebens kämpfend abzuwehren.
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O armes Frauenleben! Denk' ich dessen,
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So ist mir fast, es sei ein Hochgewinn,
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Daß wir dich nur so kurze Frist besessen.
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Dein Auge sah so ernsthaft vor sich hin,
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Als hättest du, das Schwere leicht zu nehmen,
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Schwermut zu viel, zu wenig leichten Sinn;
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Zu starken Willen, weich dich zu bequemen,
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Zu treuen Sinn, um lachend zu verzichten,
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Zu reines Herz, der Schuld dich nicht zu schämen.
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Und Solche wissen schwer sich einzurichten
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In dieser argen Welt, wo man sich drehn
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Und winden muß im Zwiespalt enger Pflichten. –
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Und doch, mein Kind: warst du auch ausersehn,
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Zu bluten aus den tiefsten Lebenswunden,
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Doch hätt' ich dir's gegönnt, im Kampf zu stehn.
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Der Kräfte frohes Spiel hättst du empfunden,
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Des Ringens Stolz, des Sieges hohe Lust,
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Die herbe Tage aufwiegt durch Sekunden.
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Du hättst an deine kleine Menschenbrust
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Die Welt gedrückt und staunend zu den Sternen
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Emporgesehn, des Ew'gen dir bewußt;
49
Hättst um die Stachelschalen nicht den Kernen
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Der Wahrheit abgesagt, es nicht verschmäht,
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Im Schweiß des Angesichts die Pflicht zu lernen.
52
Wohl weiß ich es: in weisen Büchern steht,
53
Daß Nichtsein köstlicher als Sein, das Leben
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Ein Irrtum nur, den Gott erkannt zu spät.
55
Doch ward nicht
56
Ist nicht der Schmerz, den wir um dich erlitten,
57
Ein teurer Schatz, wohl wert, ihn aufzuheben?
58
So lebst du fort in unsres Lebens Mitten;
59
Und wie verewigt werden Stein und Erz,
60
In die ein edles Bild ward eingeschnitten,
61
Sind wir geadelt auch durch unsern Schmerz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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