[in dem weißen Seidenhut]

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Paul Heyse: [in dem weißen Seidenhut] (1872)

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In dem weißen Seidenhut
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Könnt' ich heut noch dich betrachten,
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Wie wir damals frischverlobt
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Unsre Brautvisiten machten!

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Reizend war der Hut und fest
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Unterm Kinne zugebunden,
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Nicht dem grauen Hütchen gleich,
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Jenem übermüt'gen runden.

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Und so ehrbar winkten mir
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Deine sechzehnjähr'gen Augen,
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Ganz wie fragend: Sollten wir
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Nicht zur Hausfraunwürde taugen?

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Und wie dann dein Kindermund
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Ernsthaft mich zur Rede setzte,
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Weil ich bei den Tanten oft
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Gar zu tolle Sachen schwätzte!

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Doch ich überführte dich,
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Als nach Hause fuhr der Wagen,
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Daß wir beide musterhaft
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Angemessen uns betragen.

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Während deine Reden, Kind,
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Höchst gesetzt und weise waren,
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Schien ich selbst ein Sausewind,
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Kaum von hochzeitlichen Jahren.

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Muß nicht unsern Herzensbund
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Auch der ärgste Zweifler segnen,
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Wenn wir so der Jahre Kluft
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Überbrückend uns begegnen?

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Gar zu gerne wollt ich wissen,
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Was aus diesen Zügen spricht,
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Wie so schnell mich hingerissen
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Dieses reizende Gesicht.

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Manche sah ich, Blond' und Braune,
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Mir in Jugendblüte nahn;
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Warum wandelte die Laune,
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Sie zu lieben, nie mich an?

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Konnt' ich nicht in Fülle schauen
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lles, was das Herz begehrt:
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Sanfte Lippen, stolze Brauen,
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Weißen Hals, umhalsenswert?

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Dennoch wie am Zauberfädchen
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Lockte mich in raschem Gang
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Stets sich nach dies schlanke Mädchen,
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Eh' noch ihre Stimme klang;

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Eh' ein Hauch aus ihrer Seele
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Schüchtern sich zu meiner stahl,
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Und ich wußte: Die erwähle!
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Ach, dir bleibt ja keine Wahl.

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Jetzt, da ich bei Nacht und Tage
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Ihr Gesicht studieren mag,
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Bleibt die große Rätselfrage
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Dunkel wie am ersten Tag.

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Doch entsag' ich gern dem Wissen;
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Schauen ist die höh're Pflicht.
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Fort das Grübeln! Laß dich küssen,
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Unerforschlich süß Gesicht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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