Ode an Zeesen

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Klabund: Ode an Zeesen (1909)

1
Aus Jupiters Hand geschleudert
2
Donnerkeil
3
Im Juligewitter
4
Mein steinernes Herz
5
Du glühst nicht mehr –

6
Aus den Wolken geschüttet
7
Bruch
8
Wolkenbruch
9
Blitz
10
Donner
11
Aufschlagend am Feldstein
12
Regenbogen
13
Verwirrt im Dorngesträuch
14
Du siebenfarbener Schleier
15
Zerfetzt
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Ihr kleinen Heckenrosen
17
Ihr willigen Trösterinnen
18
Ihr haltet das flatternde Band der Tristitia.

19
Verwundet
20
Verwundert
21
Erblickt
22
Zwischen zwei ragenden Föhren
23
Das graue Auge
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Den goldenen Tag
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Blauer See
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Blauer lauer See
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Mückensingsong
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Linde Ufer
29
Und der Winde Rufer
30
Springen durch das Korn
31
Unter ihren kühlen Sohlen
32
Beugen die heißen Halme sich zärtlich
33
Richten sich zärtlich auf
34
Und winken
35
Dem so herrlich taumelnden Mittagswinde nach.

36
Drüben vom Jenseits
37
Drüben vom Jenseits des Sees
38
Ruft der Kuckuck
39
Allen Lebenden ruft der Kuckuck
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Tausend lebendige Jahre zu.

41
Hinein mit einem Hechtsprung
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Zu den Hechten und Barschen
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Hinaus aus den Binsen
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In die schaumige Weite
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Aufscheuchend die Frösche
46
Welche geblähter Kehle
47
Die Liebe locken die Liebste locken
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Voll geiler Gier
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Fische selbst und faulendes Holz bespringen
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Denn es rast die Liebe in den Geschöpfen
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Kitty die Hündin ist läufig
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Und Bodo der Hund
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Jault die Tage und Nächte nach ihr
54
Nimmt das Fressen nicht und magert bis auf die Rippen
55
Auf dem Dachfirch schnäbeln die Tauben
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Im Wasser
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Tanzt der Gründlinge silberner Reigen
58
Im Schilf
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Jagen und jachtern blauschillernde Libellen
60
Und auf den Wogen des Sees
61
Sieh die Taucher schlank weißlichen Halses mit gelbem Kropf
62
Immer zu zweit
63
Segeln die Liebenden
64
Und auf dem Rücken trägt sorglich die Mutter
65
Die flaumige Zukunft das krächzende Kind.

66
Auch wir
67
Mädchen
68
Geliebte
69
Frau
70
Mensch
71
Immer zu zweit zu zweit seit zweien Jahren
72
Schwimmen wir auf den Wassern des Lebens
73
Auf den Zeesener Gewässern
74
Dahme Middelwede und großer Peetz.

75
Erhebt sich ein Wind der wie Fuchs auf der Lauer lag
76
Zwischen Heidelbeerkraut und Moosen
77
Er springt dem See in den silbernen Nacken
78
Daß die Gischt aufspritzt wie weißes Blut
79
Es wogen die Wellen
80
Es wogen die Binsen
81
Es wogen die Felder
82
Es wogen die Wipfel der Bäume
83
Wir selber treiben auf den Wellen
84
Wie Wasser Gras und Buchenkrone
85
Auf und nieder
86
Auf und nieder
87
Auf und nieder.

88
Zurück an den Strand
89
Jetzt Sonne recke den feurigen Schild
90
Ueber unsre dampfenden Leiber
91
Zu heiß du flammender Ritter trifft uns dein roter Speer
92
Ihr schattenden Bäume
93
Vom Borkenkäfer durchwandert
94
Vom Specht beklopft
95
Ihr schattet mein müdes
96
Im Zittergras versinkendes Haupt
97
Ihr fächelt mit euren grünen Armen
98
Mit euren blättrigen Händen
99
Mir Trost und Vergessen zu
100
Sei bedankt
101
Geliebtes Geschwister
102
Akazie
103
Wie gerne starb ich den Schlaf
104
In deinen kühlen Armen
105
Wie gerne will ich den Tod
106
Einst in deinen Armen verschlafen
107
Will ich in deinem feuchten Schatten
108
Ach noch viele Ewigkeiten verschlafen
109
Wenn die grelle Mittagssommersonne
110
Die gemähte Stoppelwiese dörrt
111
Und zu meinen Füßen
112
Dämmert verdämmert Bodo der Hund.

113
He Bodo
114
Hierher Bodo
115
Wolfssohn
116
Willst du wohl die Gänse nicht scheuchen
117
Die heiligen Träger des Daunenschlafes
118
Die gütigen Behälter des Gänsefettes
119
Wackelnd mit den feisten dermaleinst gebratenen Gänsekeulen.

120
Ganz von fern wie ferner Krieg
121
Rollen
122
Auf der Königswusterhausener Bahn die Güterzüge.

123
Und ich sitze nackt auf der Veranda
124
Wie des Sommers Gott
125
Sitz ich nackt und faul auf der Veranda
126
Violett umblühen mich Bethulien
127
Mich umtanzen
128
Dicke Fliegen Filigran von Mücken
129
Pfauenauge und Zitronenfalter
130
Und ich hock und freß wie ein Kaninchen
131
Frischen mildesten
132
Kohlrabi
133
Auch gezuckerte Johannisbeeren
134
Und danach ein Glas
135
Erdbeerbowle
136
Wie ein Mensch
137
Wie ein Gott
138
Und ich sitz und schwitz und freß und sauf
139
Und ich denk und träume
140
Nichts
141
Träum und denk das Nichts vom Nichts des Nichtses
142
Bin am Ende meiner Kräfte
143
Und am Anfang aller Seeligkeit.

144
Hochbeladen mit dem gelben Korn
145
Schwankt der Wagen in die Scheune
146
Und das brave Pferd umspringen bellend
147
Sieben schwarz und weiße Wolleknäuel
148
Sieben Terrier Bosko Fatty Step
149
Tipsy Kitty Bill und Fap
150
Aus dem offenen Stall fegt eine Schwalbe
151
Drin im Stalle säugt die Kuh das Kälbchen.

152
Zwischen Bäumen
153
Wachsen schlanke steile dünne Eisensäulen
154
In den Horizont
155
Die Funktürme von Königswusterhausen
156
Hier Königswusterhausen auf Welle 1300
157
Achtung Achtung Achtung
158
Der Dichter Klabund spricht eigene Verse.

159
Er spricht mit abgehackter blecherner Stimme
160
Dieweil er im Grase liegt – Das rechte Ohr an die Erde gepreßt
161
Horcht er auf den Herzschlag der Erde
162
Und auf den Wanderschritt des Maulwurfs
163
Er wirft die Worte in die Luft
164
Wie nicht entzündete Raketen
165
Sie brennen nicht
166
Sie leuchten nicht
167
Sie fallen zischend ins feuchte Gras
168
Achtung Achtung Achtung
169
Hochachtung Hochachtung Hochachtung
170
Ganz besondre Hochachtung
171
Ihm lauscht kein Mensch kein Wesen kein Tier
172
Die Luft spielt mit den Worten wie mit Brennesselsamen
173
Sie weht sie da und dorthin
174
Einige Participia bleiben in einer Koniphere hängen
175
Ein strahlendes Adjektiv treibt Bauch nach oben wie ein toter Fisch im See.

176
Aber ein liebliches Präpositum
177
Fiel in einen Baumritz
178
Einer Dryade in die Augenbrauen
179
Und kitzelte sie aus dem Schlaf
180
Zierlich trat sie aus dem dunklen Baumstamm ins grelle Licht
181
Und stand geblendet –
182
Da begannen die Grillen zu zirpen
183
Die Heuschrecken musikalisch ihre Hinterbeine zu reiben
184
Und der Jazz
185
Meckernd fielen die Ziegen ein
186
Die Kuh blökte die Hunde bellten die Gänse schnatterten
187
In der Ferne Gewittergrollen
188
Die dumpfe Pauke des Donners
189
Gott sitzt am Schlagzeug
190
Yes Sir that's my baby
191
Da stampfte die entfesselte Dryade den Charleston
192
Die braunen rötlich überkupferten Haare fielen ihr mähnig über die Stirn
193
Wie einem Pony.

194
Tanz stampf tritt den Boden
195
Tritt die Erde daß sie dir untertan sei
196
Die Erde dem Weibe
197
Wie seit Urbeginn
198
So heute
199
Zertritt die Butterblumen im Tanz
200
Was tuts
201
Zermalme die kleinen roten Käfer im tollsten Takt
202
Töte die dir aufspielen zum Tanz mit deinen tanzenden Sohlen
203
Töte Grille und Heupferd
204
Tanze tanze
205
Töte töte
206
Schon springst du mir in den Nacken
207
Puma
208
Und tanzest auf meinen Knabenschultern
209
Yes Sir yes Sir
210
Den Jazz des Sommers.

211
Genug genug wilde Nymphe
212
Zieh dir den schwarzrotgestreiften Bademantel an
213
Und komm auf den Tennisplatz
214
Henry der Trainer wartet schon auf die gnädige Frau
215
Du schlägst die Bälle
216
Zwei Dutzend Bälle
217
Zwei Dutzend Menschenköpfe
218
Haarscharf übers Netz
219
Keinen Liebesblick
220
Keinen Ball
221
Läßt du aus.

222
Abends nach dem Essen
223
Yes Sir yes Sir
224
Steppst du im blauen Pyjama
225
Blauer Pyjama blauer Himmel lauer See – Wie ein japanischer Ringer
226
Mit dem dicken gebräunten Sharakugesicht
227
Boxt der gewaltige Herr des Gutes
228
Rittergutes
229
Raubrittergutes
230
Zeesen
231
(nach der Volkszählung von 1905 besaß der 352 Hektar umfassende Gutsbezirk Zeesen 25 Einwohner)
232
Boxt die erhabene märkische Majestät
233
Den Raum
234
Boxt mit Träumen mathematischen Reihen Börsenkursen und wilden Ziffern
235
Oberbedarf
236
Unterbedarf
237
Mannesmann
238
Weibesweib
239
Die Firmen Frisch Frank Fröhlich Frei haben Geschäftsaufsicht angemeldet
240
Yes Sir that's my baby
241
Noch ein Glas Bowle
242
Elektrisches Licht überm Garten
243
Sommernachtstraum
244
Ein Gang noch mit den
245
Kitty Bill Tipsy Bosko Fatty Step Fap
246
Licht aus
247
Happy-end
248
Week-end.

249
Nachts
250
Schlafe ich schlecht
251
Durch geöffnete Fenster
252
Wandert die ganze Unterwelt
253
Weiße Spinner kommen geflattert mit riesigen roten Augen
254
Spanische Fliegen mit fetten grünen Bäuchen
255
Braune Motten und kleine Perlmutterfalter
256
Summende Mücken sirrende Gnitzen
257
Ihnen nach die Königin des Dunkels
258
Ihre Herrin und Vertilgerin
259
Die gefräßige
260
Die Fledermaus
261
Und am Boden raschelts: schwarze Schwaben
262
Aus der Mauer kriechen Tausendfüßler
263
Alles lärmt und knackt und surrt und raschelt
264
Plötzlich trappt und trippelt's auf den Bohlen
265
Wie ein Pony trappelt und ein weißes
266
Tier steht wie gebäumt im Rabenschwarzen
267
Wie ein Schimmel auf den Hinterbeinen
268
Hebt die Vorderhufe drohend
269
Schnaubt gar grimmig durch die Nüstern
270
Schreien will ich mir verschlägts die Sprache
271
Da – ein Sprung – das Tier hockt auf dem Bettrand
272
Und umschlingt mich mit den weißen Armen
273
Drückt die heißen Lippen auf die meinen
274
Yes Sir that
275
s my baby.

276
Mein steinernes Herz – – – – –
277
Du glühst noch –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Klabund
(18901928)

* 04.11.1890 in Krosno Odrzańskie, † 14.08.1928 in Davos

männlich, geb. Henschke

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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