Die Kriegsbraut

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Klabund: Die Kriegsbraut (1909)

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Ich sage immer allen Leuten,
2
Ich wäre hundert Jahr ...
3
Die Hochzeitsglocken läuten ...
4
Es – ist – alles – gar – nicht – wahr.

5
Ich liebte einst einen jungen Mann,
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Wie man nur lieben kann.
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Ich habe ihm alles geschenkt,
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Tirili, tirila –
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Er hat sich aufgehängt
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An seinem langen blonden Spagathaar ...

11
Auf den Strassen wimmeln Geschöpfe:
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Ohne Arme, ohne Beine, ohne Herzen, ohne Köpfe.
13
An der Weidendammer Brücke dreht einer den Leierkasten.
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Nicht rosten
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Nicht rasten –
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Was kann das Leben kosten?
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Er hat eine hölzerne Hand,
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Aus seiner offnen Brust fliesst Sand.
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Neben ihm die Schickse
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Glotzt starr und stier.
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Er hat statt des Kopfes eine Konservenbüchse,
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Und sie ist ganz aus Papier.

23
Eia wieg das Kindelein,
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Kindelein
25
Soll selig sein.

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Mein Bräutigam hiess Robert.
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Er hat ganz Frankreich allein erobert.
28
Dazu noch Russland und den Mond,
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Wo der liebe Gott in einer goldnen Tonne wohnt.

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Als er auf Urlaub kam,
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Eia eia,

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Er mich in seine Arme nahm,
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Eia, eia.
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Die Arme waren aus Holz,
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Das Herz war aus Stein,
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Die Stirn war aus Eisen,
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– Gott wollt's –
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Wie sollt es anders sein?

39
Er liegt in einem feinen Bett ... trinkt immer Sekt ...
40
Eia popeia –
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Er hat sich mit Erde zugedeckt,
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Eia popeia.
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Nachts steigt er zu mir empor.
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Er schwankt wie im Winde ein Rohr.
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Seine Augen sind hohl. Transparent
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In der offenen Brust sein Herz rot brennt.
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Seine Knochen klingeln wie Schlittengeläut:
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Ich bin der Sohn des grossen Teut!

49
Flieg Vogel, flieg!
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Mein Bräutigam ist im Krieg!
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Mein Bräutigam ist im ewigen Krieg!
52
Flieg zum Himmel, flieg!
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Fliege bis an Gottes Thron
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Und erzähle Gottes Sohn:
55
– Vielleicht ihn freuts, vielleicht ihn reuts –
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Millionen starben, Gott, wie du
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Den Heldentod am Kreuz!
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Noch ist die Menschheit nicht erlöst,

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Weil Gott im Himmel schläft und döst.
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Wach auf, wach auf, und zittre nicht,
61
Wenn der Mensch über dich das Urteil spricht!
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Gross, Herr im Himmel, ist deine Schuld,
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Doch grösser war des Menschen Geduld.
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Tritt ab vom Thron,
65
Du Gottessohn,
66
Denn du bist nur des Gottes Hohn:
67
Es flammt die himmlische Revolution.
68
Du sollst verrecken wie wir!
69
Tritt ab
70
Ins Grab,
71
Mach Platz
72
Der Ratz,
73
Dem Lamm oder sonst einem Tier!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Klabund
(18901928)

* 04.11.1890 in Krosno Odrzańskie, † 14.08.1928 in Davos

männlich, geb. Henschke

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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