Montezuma

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Klabund: Montezuma (1909)

1
Er schritt, die Krone mit den Hahnenfedern
2
Aufs Haupt gesetzt, durch Fliederbuschspalier.
3
Er trug ein Wams aus vielen Menschenledern,

4
Und auf der ganzen Erde war kein Tier,
5
Das nicht zu seiner Kleidung beigetragen.
6
Es gab für ihn kein da und dort: nur hier.

7
Er durfte, was er wollte, wägend wagen,
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Denn Stern und Mond war goldenes Gespiel.
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Am Abend liess sich viel zu ihnen sagen,

10
Am Morgen bot die Sonne sich zum Ziel.
11
Man schoss nach ihr mit kleinen Bambusrohren,
12
Und wenn der Pfeile einer niederfiel,

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In eines Dieners Scheitel sich zu bohren,
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Hob er für einen Augenblick die Stirn.
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Man sah die Stirne sich im Strahl umfloren,

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Man hörte ihn die Lieblingsdogge kirrn.
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Er warf zum Frasse ihr den Leichnam vor
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Und sprach: Er fand den Pfad, dieweil wir irrn.

19
Der, der hier liegt, ging ein durchs letzte Tor.
20
Er starb den schönsten Tod: von Sonnenhand,
21
Die unsern Pfeil auf ihn zurückgesandt.

22
Er aber wusste nichts von Gut und Böse,
23
Denn die Erscheinung war ihm lieb und wert.
24
Er schluchzte tief in eines Hunds Gekröse,

25
Er weinte tagelang mit einem Pferd,
26
Dass ihn sein Wiehern von dem Wort erlöse:
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Zu wissen nichts, dass eines Wissens wert.

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Er hätte täglich lächelnd sterben können,
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Denn Tod war ihm ein Wort wie andre auch.
30
Ob bei den Kinderopfern Tränen rönnen:

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Das war nur Zeremonie und ein Brauch.
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Wenn sie zu lachen über sich gewönnen
33
Im Tode und im Todeskrampf der Bauch

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Sich im Gelächter der Vernichtung wände:
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Wärs nicht ein Gott gefälligeres Ende?

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Und als man ihm das weisse Mädchen brachte,
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War er erstaunt wie ein Geburtstagskind.
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Er lobte ihre Weisse, und er lachte

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Und rief zur Schau das schämige Gesind.
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Und runzelte die schöne Stirn und dachte
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An einen Goldfasan, den als Gebind

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Er gern dem wunderlichen Wahn vermachte,
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Und wie die Weissen in der Liebe sind,
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Dies wars, was ihn zu sachter Glut entfachte.

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Er führte sie in ein Gemach, und lind
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Erlöst er ihre Haut von hänfner Kette,
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Indes ihr Blut vor Angst und Qual gerinnt.

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Denn an den Wänden stehen viel Skelette,
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Gepflastert ist der Boden mit Gebein.
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Die Sockel auch am bunten Liebesbette:

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Es müssen toter Menschen Knochen sein.
52
Sie will mit einem Fall ins Knie sich retten,
53
Er aber lächelt unerbittlich nein.

54
Er hebt mit einem Pfiffe wie von Ratten
55
Sie auf das Bett, sie tödlich zu begatten.

56
Und als den letzten Kuss von ihrem Munde,
57
Dem schon erkalteten, er gierig nahm,
58
Da fühlte er an seinem Leib die Wunde

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Die ewig blutende. Und schritt und kam
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Zu seines Adels innerlichstem Grunde,
61
Und fühlte seines Lebens Schuld und Scham.

62
Darf hoffen, wer so krank, dass er gesunde?
63
Er hinkte durch die Kammer, lendenlahm,
64
Und zählte zitternd jede neue Stunde.

65
Warum bin ich verdammt, ach ohn Erröten
66
Die Wesen, die ich lieben muss, zu töten?

67
Indem er sich aus seinen Kissen hob,
68
Verfiel sein Blick auf einen goldnen Affen,
69
Um den die Morgensonne Strahlen stob.

70
Und als er näher trat, ihn zu begaffen
71
Noch zweifelnd, ob mit Tadel oder Lob
72
Er ihn bedenke: sah er ihn entraffen

73
Im Teppich sich, den seine Amme wob.
74
Er stand im Morgenlicht vor dem Gewebe:
75
Der Affe glänzt. Ich spüre, dass ich lebe.

76
Der fremde Ritter in der schwarzen Rüstung
77
Begegnete dem Gruss des Kaisers streng.
78
Der lehnte schwach und schwächlich an der Brüstung,

79
Als risse seiner Adern blau Gesträng,
80
Als wär er nur ein Schachtelhalm im Winde
81
Vor jenem, dem er seine Demut säng.

82
Als trüg er vor den Augen eine Binde
83
Und sähe nun nach innen. Und darin
84
War nichts als Eitelkeit und eitle Sünde,

85
Und war nur Sinnlichkeit und war kein Sinn
86
Und war kein edles Ziel, kein zarter Zweck.
87
Und ginge er an diesem Tag dahin,

88
Es bliebe nichts als eine Handvoll Dreck. –
89
Der Ritter sprach: Ich bin der Abgesandte
90
Des grossen weissen Herrschers überm Meer.

91
Ich kam, weil deine Dunkelheit ich kannte,
92
Mit hunderttausend hellen Helden her.
93
So unterwirf dich, eh er dich berannte

94
Mit seinem unbesiegten Engelheer.
95
Du bist vor seinen Augen ganz geringe,
96
So neig dich, eh ich dich zur Neigung zwinge.

97
Du hast die reinste Schwester uns geschändet,
98
Weil du nur Wunschgewalt, nicht Liebe kennst.
99
Wie bald hast du dein Pfauensein geendet,

100
Wenn du dir selbst als Totenfackel brennst.
101
Das Schicksal hat zur Schickung sich gewendet.
102
Und ob du in Gebeten flammst und flennst:

103
Es darf von dir auf Erden nicht ein Hauch sein.
104
Du wirst verbrannt. Dein Letztes wird dein Rauch sein.

105
Und jener zitterte und brach ins Knie
106
Und wusste nichts, als dass er seines Hortes
107
Hüter nun nicht mehr sei, und wie ein Vieh

108
Ein ganz vom Hunger und vom Durst verdorrtes
109
Er bis zur Kuppel des Palastes schrie.
110
Er sträubte seine Haare wie ein Puma.

111
Der andre sprach: So huldige, Montezuma,
112
Des weissen Kaisers Abgesandtem: Cortez!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Klabund
(18901928)

* 04.11.1890 in Krosno Odrzańskie, † 14.08.1928 in Davos

männlich, geb. Henschke

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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