Freund, der mir oft im dunkeln Schoose

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gottlieb Konrad Pfeffel: Freund, der mir oft im dunkeln Schoose Titel entspricht 1. Vers(1787)

1
Freund, der mir oft im dunkeln Schoose
2
Der forschenden Philosophie
3
So traulich seine Finger lieh,
4
Um eine Wahrheit, wie die Rose
5
Aus Dornen, keck ans Licht zu ziehn.
6
Wie kömmt es, daß von Anbeginn
7
So viele Räthsel in dem Lose
8
Des Erdensohns verschlossen sind?
9
Scheint er dir nicht sein kurzes Leben
10
So recht von hinten anzuheben?
11
Noch ist er an Vernunft ein Kind,
12
So muß er seinen Glauben wählen,
13
Und kennt oft das, was er gewählt,
14
Erst aus den Zweifeln, die ihn quälen,
15
Wenn er vier Lustern weiter zählt.
16
Zu glücklich, wenn sie wie Harpien
17
Nicht jeden Bissen ihm entziehen,
18
Womit sich seine Seele nährt;
19
Zu glücklich, wenn er sie zerstreuet,
20
Und eh er in die Grube fährt,
21
Sich endlich ein Kapellchen weihet,
22
In dem er froh die Gottheit ehrt.
23
So trift er auch die Wahl des Standes,
24
Der ihn zu seines Vaterlandes
25
Verderben oder Schutzgott macht.
26
Noch ehe sein Verstand erwacht,
27
Stutzt sich der Schüler seine Haare,
28
Und ist im Geist schon Reichsprälat;
29
Allein am Mittag seiner Jahre
30
Verwünschet er den Cälibat,
31
Entsaget reuig dem Talare,
32
Und stirbt am Abend als Soldat.
33
Zu diesem war er gleich geboren,
34
Und jede Stunde gieng verlohren,
35
Die er bey seinen magern Horen
36
Im düstern Chore zugebracht.
37
Doch seiner schwärmerischen Jugend
38
Schien nur des Kläusners Faschingstracht
39
Und seine rohe Fackirstugend
40
Der Gnade sichrer Talisman,
41
So lenkt ein Irrwisch unsre Schritte,
42
Und erst in unsers Lebens Mitte
43
Steckt die Vernunft ihr Lämpchen an.
44
Ja selbst der wildste seiner Triebe,
45
Des Menschen Seelenrausch, die Liebe,
46
Ergreifet ihn, wie ein Orkan
47
Und reißt sein morsches Boot in Stücken,
48
Eh er die Straße kennen lernt,
49
Die von dem Strudel ihn entfernt.
50
So saugt aus einer Lais Blicken
51
Der weiche Jüngling Minnebrand:
52
Er reicht, mit wallendem Entzücken,
53
In Hymens Tempel ihr die Hand:
54
Er preist sein Schicksal: Jung gefreyet,
55
Hat, sagt das Sprichwort, nie gereuet.
56
Das Sprüchwort lügt. Der Unbestand,
57
Die Herrschsucht der verschmitzten Dirne,
58
Ihr Kriegsgeschrey, das ihn betäubt,
59
Und mehr als alles, seine Stirne
60
Sagt ihm, daß nichts ihm übrig bleibt,
61
Als eine Kugel durchs Gehirne,
62
Wo nicht, die Flucht. Der arme Tropf
63
Verschonet weislich seinen Kopf,
64
Und rettet sich in fremde Lande.
65
Hier findet er, mit bitterm Schmerz,
66
Ein holdes Weib an Geist und Herz
67
Sein Ideal. Doch ehrne Bande,
68
Von väterlicher Despotie
69
Aus Geitz geschmiedet, fesseln sie
70
Gleich ihm, und machen allen beyden
71
Den süßen Zug der Sympathie
72
Zum steten Zunder neuer Leiden,
73
Den blos des Todes Hauch erstickt.
74
O wohl uns, Freund, daß unsre Herzen,
75
Die sonst so mancher Gram gedrückt,
76
Mit diesem größten aller Schmerzen
77
Der Vorsicht Huld verschonet hat!
78
O wohl uns, daß sich gleich die Seelen,
79
Die, müßten wir noch einmal wählen,
80
Wir wählen würden, uns genaht! –
81
Ja, Lieber! führte das Geschicke
82
Als Knab auf meinen Pilgerpfad
83
Mich, meines Ichs bewußt, zurücke;
84
Ich würde, mit verneutem Blicke,
85
Zuerst nach meiner Doris sehn:
86
Und dürft ich mir mein zweytes Leben
87
Aus lauter goldnen Faden weben,
88
So müßte Doris Hand sie drehn.
89
Vergönne mir ihn auszuträumen,
90
Den Plan der irren Phantasey:
91
Sie faselt ärger oft in Reimen
92
Als in des Fiebers Raserey.
93
Nimm an, daß ich Berlicke riefe,
94
Und flugs mich eine gute Fey
95
Zu allem, was ich wünschte, schüfe;
96
So würd ich, für des Lebens May,
97
Den dunkeln Stand des Hirten kiesen,
98
Und bald auf buntgestickten Wiesen,
99
Bald am krystallnen Schmerlenbach,
100
Mit meinen frohen Lämmern spielen:
101
Bald, unter meinem Ulmendach,
102
In Doris Arm die Wonne fühlen,
103
Die Amors heil'gem Kelch entquillt,
104
Wenn ihn die Hand der Unschuld füllt.
105
Bald sängen wir zu meiner Flöte,
106
Im Rosenstrahl der Abendröthe,
107
Den Lenz und unsre Seeligkeit:
108
Bald des Philemon schönes Ende,
109
Der noch als Eiche, seine Hände,
110
Der Linde Baucis kosend beut.
111
So würden unsre Zwillingsherzen,
112
Gesättigt mit Zufriedenheit,
113
Gewiegt von Freuden und von Scherzen,
114
Des Daseyns kurze Morgenzeit
115
In unserm Paradies verleben:
116
Und bräche dann der Mittag an,
117
So würd ich meinen Flug erheben,
118
Und auf der Weisheit steiler Bahn
119
Nach Schätzen der Erkenntniß streben.
120
Nicht skeptische Metaphysik,
121
Nicht unverdaute Hypothesen;
122
Die Schöpfung und ihr Meisterstück,
123
Der Mensch, doch nicht sowohl sein Wesen,
124
Als das Bedürfniß, als das Glück
125
Des hohen Fremdlings; diese wären
126
Das erste Ziel für meinen Blick:
127
Und stieg ich in die obern Sphären,
128
So thät ichs, blos um wonnestumm
129
Die Wunder Gottes zu verehren.
130
Oft würd ich aus Elysium
131
Den Geist des Socrates beschwören,
132
Um mein bescheidnes Heiligthum
133
Mit seinem Nachlaß auszuzieren.
134
Oft müßte die Philosophie
135
Mich in die Bildergalerie
136
Der ernsten Weltgeschichte führen.
137
Hier würd ich die Oekonomie
138
Des Menschenstaats, vom rohen Scythen,
139
Der Eicheln fraß, bis zu dem Britten,
140
Der sich mit Butting mästet, spähn;
141
Und das Maschinenwerk entfalten,
142
Durch das die Reiche sich erhalten,
143
Und wenn es stocket, untergehn.
144
So würden alle Nationen
145
Und alle Götter und Dämonen
146
Mit Nimben, Inseln oder Kronen
147
Im treuen Lichte vor mir stehn.
148
So würd ich aus der Menschen Thaten
149
Den Trieb, der sie gezeugt, errathen,
150
Und in dem Schicksal alter Staaten
151
Das Horoskop der neuern sehn.
152
Ein Philosoph muß gut regieren,
153
Wie König Fritz bewiesen hat.
154
Das Ding möcht ich wohl auch probieren,
155
Doch erst wenn sich mein Herbst genaht.
156
Allein wie würd ich Potentat?
157
Ey nun, wie man es sonst geworden!
158
War nicht der erste Monokrat,
159
Wie wir, aus dunkelm Bürgerorden?
160
Kurz! dafür ließ ich meine Fey
161
Und ihre Zaubergerte sorgen:
162
Sie müßte meiner Schwärmerey
163
Ein Stück der östlichen Türkey
164
(man theilt sie doch heut oder morgen)
165
Zu Staatsexperimenten borgen.
166
Ich sag ein Stück; denn find ich schon
167
Auf meinem Pädagogenthron,
168
Wie schwer es ist, nur fünfzig Seelen
169
Mit weiser Sorgfalt zu befehlen,
170
So würd ich, der Vernunft zum Hohn,
171
Gewiß kein großes Reich mir wählen.
172
Du müßtest, Freund, mein Sülly seyn,
173
Und mich mit deiner Weisheit leiten:
174
Sie kann zum Antonin mich weihn,
175
Und meiner Völker Glück bereiten.
176
Du hülfest mir mit Löwenmuth,
177
Doch nie mit Inquisitorswuth,
178
Die Hyder Vorurtheil bestreiten.
179
Das Himmelskind, die Toleranz,
180
Müßt uns mit ihrem Sternenkranz
181
Zum Kampfe leuchten. Mein Exempel,
182
Und nicht der Thurm auf meinem Tempel,
183
Bewiese meiner Nation
184
Den Vorzug der Religion,
185
Die ich bekenne. Den Prälaten
186
Vertraut ich Rauchfaß und Altar,
187
Doch nie die Kasse meiner Staaten.
188
Der Cönobiten bunte Schaar,
189
Die Ketzer und die Renegaten,
190
Selbst Maurer und Illuminaten
191
Behielt ich ohne Furcht im Land,
192
Nur Zöllner nicht und Advokaten
193
Und keinen stolzen Ritterstand.
194
Ich schnitzte mir wohl auch Soldaten
195
Doch nicht aus jedem Unterthan:
196
Und wollt ich ja durch Heldenthaten,
197
Als Muster eines Tamerlan,
198
Im Buche der Zerstörer glänzen,
199
So steckt ich alle Residenzen
200
Von mehr als tausend Häusern an,
201
Sie, die uns die Apostel senden,
202
Die lachend unsre Töchter schänden,
203
Und unsrer Söhne Mörder sind.
204
Du siehst, ich kann auch reformieren.
205
O Freund, das lernet sich geschwind,
206
Fängt man nur erst an zu regieren.
207
Doch, lieber Herr Geheimer Rath,
208
Was machen wir mit den Poeten,
209
Die Platon ausgemustert hat?
210
Ich dächte, sie und die Propheten,
211
Samt ihren Vettern, den Hermeten
212
Vertrügen wir in unserm Staat,
213
Wenn sie dabey nur graben können:
214
Man muß dem Käfer in der Saat
215
Sein Bischen Leben nicht mißgönnen.
216
Der Exorcisten finstre Zunft
217
Und alle Proselytenmacher
218
Verbannten wir als Widersacher
219
Der allgemeinen Volksvernunft.
220
Sonst folgten wir, um aufzuklären,
221
Dem leisen Gange der Natur:
222
Der Waitzen auch der fettsten Flur
223
Treibt anfangs Gras, und dann erst Aehren.
224
Die Sklaven machten wir zwar frey,
225
Doch, was noch klüger ist, wir gäben
226
Den Freygelaßnen auch zu leben,
227
Sonst ist die Wohlthat Barbarey.
228
Die Galgen, welche die Verbrechen
229
An rohen Uebelthätern rächen,
230
Ließ ich (man nenn es Tyranney)
231
Auf ihren düstern Hügeln stehen,
232
Bis wir mit eignen Augen sehen,
233
Daß Mörder, die am Schiffseil gehen,
234
Zum Ruhm der neuern Policey,
235
Zu guten Bürgern sich bekehren.
236
Das biedre Landvolk würden wir
237
Nach deinem Katechismus lehren,
238
In ihm den ersten Stand verehren,
239
Und nie von seinem Marke zehren.
240
Fern sey von uns, ihm sein Glas Bier
241
Und sein Stück Fleisch zum Mittagessen
242
Physiokratisch vorzumessen.
243
Besitzt der Bauer Ueberfluß,
244
So theilt er ihn mit seinem Magen
245
So gern als der Canonicus.
246
Im Krug vergißt er seine Plagen,
247
Das Trinklied übertönt die Klagen,
248
Die Fidel hebet seinen Fuß
249
Auch dann, wenn Fesseln ihn zernagen
250
Und diese Kinderfreuden muß
251
Ein Landesvater nie versagen;
252
Da sie selbst den Antropophagen
253
Mit Königsmasken nichts verschlagen.
254
Nein, Freund! nie will ich im Genuß
255
Des Lebens meine Bürger stören,
256
Und hüpfen sie in muntern Chören
257
Um meinen unbewachten Thron,
258
So misch ich mich in ihre Reihen,
259
Um mit den Frohen mich zu freuen:
260
Dieß sey dann meiner Arbeit Lohn.
261
O Freund, das Glück der Menschheit gründen,
262
Und dieses Glückes Zeuge seyn;
263
Ist mehr als eine Welt erfinden,
264
Ist süßer als der Sternenschein
265
Dem Auge des geheilten Blinden:
266
Und diese Wollust würden wir
267
Am Abend jedes Tags empfinden.
268
Ich theilte brüderlich mit dir
269
Die heil'gen Lorbeern, die wir pflückten,
270
Die Freudenthränen der Beglückten,
271
Und ihres Seegens Zauberton.
272
Doch nichts währt ewig hier auf Erden.
273
Auch uns, Freund, werden die Beschwerden
274
Und Launen später Jahre drohn.
275
Dann suchest du die weise Stille
276
Und schreibest unsern Lebenslauf
277
Mit deinem goldnen Griffel auf:
278
Und ich, vergieb mir meine Grille,
279
Ich füge meiner Träumerey
280
Noch eine kurze Scene bey:
281
Wenn Runzeln meine Wangen kerben,
282
Wenn meines Geistes Kräfte fliehn,
283
Und ich zu nichts mehr nütze bin,
284
So wünsch ich noch als P..st zu sterben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gottlieb Konrad Pfeffel
(17361809)

* 28.06.1736 in Colmar, † 01.05.1809 in Colmar

männlich, geb. Pfeffel

deutscher Schriftsteller, Kriegswissenschaftler und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.