In einer griechischen Abtey

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gottlieb Konrad Pfeffel: In einer griechischen Abtey Titel entspricht 1. Vers(1786)

1
In einer griechischen Abtey,
2
Am Fuß des hohen Tabors, nährte
3
Der Prior einen Papagey,
4
Den er das Ave singen lehrte.
5
Er sang die Hymne so geschickt,
6
Daß ihn das fromme Volk entzückt
7
Mehr als Sanct Rochus Hund verehrte.
8
Der Prior starb. Die Reislust wacht
9
Im Virtuosen auf; er kehrte
10
Mit leisem Flug, bey dunkler Nacht
11
Ins alte Vaterland zurücke.
12
Er stellte sich dem Hofe dar.
13
Der Adler, der zu gutem Glücke
14
Ein Freund der edeln Tonkunst war,
15
Erhob, als er in der Kapelle
16
Sich hören ließ, ihn auf der Stelle
17
An des verstorbnen Mufti Platz.
18
So hohe Würden hatte Matz
19
Sich auch im Traume nicht versprochen.
20
Doch Ehre bläht, Gewalt macht kühn;
21
Das neue Haupt des Sanhedrin
22
Gebahr gleich in den ersten Wochen
23
Die Grille, seine Psalmodie
24
Bey allen Vögeln einzuführen.
25
Der frohe König billigt sie;
26
Der Waldgesang, die Liturgie
27
Des Herzens konnt ihn nicht mehr rühren,
28
War für sein Ohr Kakophonie:
29
Und zudem ist ja reformieren
30
Der Fürsten Steckenpferd. Sogleich
31
Ließ er in seinem ganzen Reich
32
Den neuen Canon publizieren.
33
Nun schützte zwar der Vögel Chor
34
Die hergebrachten Rechte vor;
35
Allein da half kein Protestieren.
36
Der Mufti drohte mit dem Bann:
37
Der Sultan sprach vom Strangulieren,
38
Und kurz, das neue Lied begann.
39
Die Sänger wetzten sich den Schnabel
40
Und orgelten mit Angst und Pein
41
Das tollste Wirrwarr durch den Hayn,
42
Das seit der Symphonie zu Babel
43
Auf unserm Erdenrund erscholl.
44
Den Vorsang führten andachtsvoll
45
Der Storch, der welsche Hahn, die Eule,
46
Die Gans, der Kuckuck und der Pfau:
47
Sie kollerten sich braun und blau,
48
Und füllten, durch ihr Klaggeheule,
49
Das Land auf eine halbe Meile.
50
Ein weiser Rabe, lahm und grau
51
Vor Alter, saß bey dem Monarchen
52
Und schwieg. Mit zornigem Gesicht
53
Sprach der Depot zum Patriarchen:
54
Rebelle, warum singst du nicht?
55
Weil dein Gebot mein Herz empöret,
56
Versetzt der Alte: glaube mir,
57
Der Schöpfer hat ein jedes Thier
58
Sein eigenes Gebet gelehret,
59
Das ihm gefällt. Ein Lobgesang,
60
Den Furcht erpreßt, ist Uebelklang,
61
Ist Lästerung, die ihn entehret.
62
Befiel nun meinen Tod. Er schwieg.
63
Der Sultan auch: wie Meereswogen
64
So schäumt sein Blut. Noch wankt der Sieg;
65
Doch schnell rief er: ich ward betrogen!
66
Heil dir, o Freund, du zogst ihn ab,
67
Den Schleyer, der mein Aug umgab.
68
Und ihr, empangt die Freyheit wieder,
69
Ihr Vögel, singet eure Lieder
70
In eurem angebohrnen Ton!
71
Itzt drangen sie in dichten Kreisen
72
Entzückt um des Monarchen Thron
73
Und lobten Gott nach tausend Weisen.
74
Der majestätische Choral
75
Steigt wallend in die lichten Sphären.
76
Der Sultan staunt. Zum erstenmal
77
Hört er, was keine Muftis hören,
78
In der verschiednen Melodie
79
Die feyerlichste Harmonie.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gottlieb Konrad Pfeffel
(17361809)

* 28.06.1736 in Colmar, † 01.05.1809 in Colmar

männlich, geb. Pfeffel

deutscher Schriftsteller, Kriegswissenschaftler und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.