Gebet

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Max von Schenkendorf: Gebet (1800)

1
Du läßt dich wiedersehen,
2
Des Volkes alter Hort;
3
Heil allen, die verstehen
4
Dein Zeichen und dein Wort!
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Du wandelst in den Lüsten,
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Im Säuseln vor uns her,
7
Du rollst in Felsenklüften
8
Die Donner, stark und schwer.

9
O Herr, wir sinken nieder
10
Vor deiner Herrlichkeit,
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Noch einmal sende wieder
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Die letzte Gnadenzeit;
13
O hör' auf unser Flehen,
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Und übe du Geduld,
15
Wenn wir dir eingestehen
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Die Armuth und die Schuld.

17
Wir haben all' verschwendet
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Dein Erbtheil und dein Gut,
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Zum Eiteln uns gewendet
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Vom ehrbar frommen Muth.
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Was du so schön bereitet,
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Was du so wohl bedacht,
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Hat Alles uns verleitet
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Zum Trotz auf eigne Macht.

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Aufs Neu' hat leichter Glaube
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Dem welschen Wort gehört,
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Zur Lust an schnödem Raube
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Hat uns der Geiz bethört.
29
Der sprach von Fürstenehre,
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Und nicht von Fürstenpflicht,
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Der nannte seine Heere
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Und nicht sein Recht Gewicht.

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Wo blieb die fromme Demuth,
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In der dein Krieg begann?
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Das Alles sah mit Wehmuth
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Der treue, deutsche Mann.
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Die Völker alle schauten
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Zur Kaiserburg nach Wien,
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Ob Jener, dem sie trauten,
40
Zur Krönung möchte ziehn.

41
Ach, harrt nicht seinem Zuge!
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Das theure Haupt verweilt,
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Indeß mit raschem Fluge
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Tod und Verderben eilt.
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Sie mögen's nicht ertragen,
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Daß Einer höher ist,
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Der aller Kinder Klagen
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Nach gleichem Rechte mißt.

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Die treuen tapfern Hände,
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Die jeden Thron gebaut,
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Des Landes freie Stände –
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Wird keine Stimme laut?
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Es zehrt am innern Leben
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Geheimes, feines Gift,
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Zu bald wird uns entschweben
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So freies Wort, als Schrift.

57
Der Volksgeist, hoch beschworen
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Zum Retter in der Noth,
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Vergessen und verloren –
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Wo bleibt er? Ist er todt?
61
Er muß sich wohl verbergen,
62
Daß ihn kein Auge schaut,
63
Weil Sündern und weil Zwergen
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Vor seinem Anblick graut.

65
So ist ein Jahr verstrichen,
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Die Gnadenzeit ist aus,
67
Der Argwohn kam geschlichen
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Bis in das eigne Haus.
69
Und jeder Stamm, der sehnend
70
Zum Bruderstamm geblickt,
71
Hat sich, der Lieb' entwöhnend,
72
Ein Sündenschwert geschmückt.

73
Da sprach der Herr, der Gute,
74
Der ewig treu und fromm:
75
Komm wieder, scharfe Ruthe,
76
Mein heil'ges Werkzeug, komm!
77
Komm her aus der Verbannung,
78
Du tückisch böser Geist,
79
Ob wieder zur Ermannung
80
Mein Volk dein Anblick reißt.

81
O Lanze, welche Wunden
82
So gnädig schlägt, als heilt,
83
Mein Arzt, der viele Stunden,
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Doch nie zu lang' verweilt,
85
Der, wie in rothen Blitzen
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Der Himmel sich verzehrt,
87
Den Haß, die Schwerterspitzen
88
Nach außen gnädig kehrt.

89
Herr Gott, nun gnädig wieder!
90
Hier ist all unser Blut!
91
Wir sind nun wieder Brüder,
92
Und eins in Liebesmuth!
93
O du, der Deutschlands Schaden
94
Im rechten Grunde kennt,
95
Herr Gott, Herr Gott in Gnaden,
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Den Alles Helfer nennt!

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Nun kehrt zu allen Sinnen,
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Vom jungen Strahl durchzückt,
99
Das fröhliche Beginnen,
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Das man zu früh erstickt.
101
Der Süden soll sich regen,
102
Wie Norden sich geregt –

103
Noch ist nicht ganz verdorben
104
Das reine deutsche Blut,
105
Noch ist nicht ganz gestorben
106
Der Deutschen Treu' und Muth!
107
Ach, Alles mag noch werden
108
Viel besser, als es war,
109
Und endlich wol zur Erden
110
Kommen das große Jahr.

111
Ach, Alles soll vergessen,
112
Vergeben Alles sein,
113
Nach rechtem Maß gemessen –
114
Wer hieße fromm und rein?
115
Und eben, weil kein Reiner
116
In unsern Reihen steht,
117
So sei fortan auch keiner
118
Gelästert und geschmäht.

119
Ihr lieben deutschen Fürsten,
120
Macht eure Thore weit!
121
Schaut, wie die Völker dürsten
122
Nach eurer Freundlichkeit!
123
Ihr seid ja rechte Sprossen
124
Der alten Heldenkraft,
125
Seid wieder auch Genossen
126
Der treusten Völkerschaft.

127
Du reiner, deutscher Adel,
128
Nicht Ahnen, Thaten zählt!
129
Nicht strenger Väter Tadel,
130
Was Lob den Vätern, wählt.
131
Nicht welsche Tänze tanzen,
132
Mit Pförtnerschlüsseln gehn –
133
Eichbaum im Wald von Lanzen,
134
Im Volkssturm sein, ist schön!

135
Ob jene Stämme brachen –
136
Die Bürger stehn in Kraft.
137
Komm zu den Morgensprachen,
138
Du fleiß'ge Bürgerschaft!
139
Wir laden euch zum Werke,
140
Ihr Meister all mit Gunst,
141
Es ruht in euch die Stärke,
142
Die Weisheit und die Kunst.

143
Aus Werkstatt, Schulen, Hallen
144
Bricht kühne Lust hervor;
145
Die Städtebanner wallen,
146
Man kämpft ums eigne Thor.
147
Das ist die rechte Innung,
148
Die so nach Außen dringt,
149
Die einzige Gesinnung,
150
Die hell ins Leben klingt.

151
Im Leben und im Wandel,
152
Im Frieden und im Streit,
153
Im Hause und im Handel
154
Zu jeder Frist und Zeit
155
Soll Alles ehrlich halten
156
Auf Zucht und Fleiß und Treu,
157
Dann wird das Glück der Alten
158
Auch wieder bei uns neu.

159
Ihr Männer unbescholten,
160
Ihr Bauern klug und stark,
161
Die immerfort gegolten
162
Als rechtes Landesmark,
163
Nun gilt es auszustreuen
164
Die rechte goldne Saat;
165
Ein ewiges Gedeihen
166
Entsprießet eurer That.

167
Es gilt, ob ihr noch wohnen
168
Wollt in dem Vaterland;
169
Ob hier noch Erntekronen
170
Soll winden Mädchenhand;
171
Ob euren freien Erben
172
Der Väter Erbtheil frommt –
173
Zum Kämpfen, auch zum Sterben,
174
Ihr treuen Bauern kommt!

175
Vor Allen du berufen,
176
Vor Allen du geweiht,
177
Du an des Altars Stufen,
178
O rechte Geistlichkeit!
179
Was Pfänder, was Geschenke,
180
Hat Gott dir anvertraut!
181
Erwäge das, bedenke:
182
Die Kirch' ist Gottes Braut!

183
So hebet eure Hände
184
Und betet: es ist Noth!
185
Und was ein Jeder spende,
186
Ob Lebensmark, ob Brod,
187
Zu reinigen, zu sühnen
188
Den theuren deutschen Stamm,
189
Soll Jeder sich erkühnen
190
Und heißen Opferlamm.

191
Er wird uns nicht versäumen,
192
Der's immer wohl gemacht;
193
Er spricht in Bildern, Träumen,
194
Im Wort und in der Schlacht.
195
Herr Gott, wie wird es werden,
196
Wenn ganz der Feind erliegt,
197
Und ganz auf deutscher Erden
198
Dann Licht und Freiheit siegt!

199
O sei dann endlich weiser,
200
Du Heerde ohne Hirt,
201
Und wähle schnell den Kaiser
202
Und zwing' ihn, daß er's wird.
203
Laß Fürst und Bürger schwören
204
Dem Herrscher stark und mild,
205
Dann wird er sein in Ehren
206
Des Reiches Haupt und Schild.

207
Haus Oestreich und Haus Preußen,
208
Ihr beiden seid es doch!
209
Ihr könnt uns schnell entreißen
210
Dem letzten Schimpf und Joch.
211
Die andern werden wollen,
212
Wenn ihr es redlich wollt;
213
Ein Dank, den Völker zollen,
214
Heißt mehr als Sieg und Gold.

215
Herr Gott, der allen Sündern
216
In Gnaden gern vergibt,
217
Und an gefallnen Kindern
218
Im Strafen Wohlthat übt –
219
Wir Alle sinken nieder,
220
Und beten dankend an,
221
Sind
222
Und kämpfen Mann für Mann!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max von Schenkendorf
(17831817)

* 11.12.1783 in Sowetsk, † 11.12.1817 in Koblenz

männlich

deutscher Dichter, Liedermacher und Soldat

(Aus: Wikidata.org)

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