Brief in die Heimat

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Max von Schenkendorf: Brief in die Heimat (1800)

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Was locket ihr, was winkest du
2
O Vaters Hof und Garten?
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Wie darf ich nun in schnöder Ruh
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Der stillen Felder warten?
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Das wäre mir ein schlechter Ruhm,
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An Haus und Gut und Eigenthum
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In solcher Zeit zu denken.

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Mein Preußen, süßes Heimatland,
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Du bist mir nimmer ferne,
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Du heil'ges Meer, mein Ostseestrand,
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Ich grüßt' euch gar zu gerne:
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Wo ich die früh'ste Lust empfand,
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Wo mich die erste Liebe band,
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Da blüht ein Garten Gottes.

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Ich ging im Hain, am Bach, ich trank
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Die Lust mit vollen Zügen;
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Doch andre Zeit bringt andern Drang,
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Das konnte mir nicht gnügen.
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Viel' Stimmen in mir klangen laut,
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Frisch auf, du junges Blut, die Braut
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Von fernher heim zu führen.

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Und als das Heer der Welschen kam
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In jenen finstern Tagen,
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Als keiner noch die Waffen nahm,
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Die Räuber zu erschlagen,
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Mocht' ich den Jammer nimmer schau'n,
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Weit ging ich von der Heimat Au'n,
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Dem Rhein die Noth zu klagen.

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Ich sah ihn, wie er zürnend floß
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Und schmählich trug die Bande;
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Ich sah auch manch zerfall'nes Schloß
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An seinem Felsenstrande.
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Da dacht' ich: Weh' dir, schnöde Welt,
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Wo Kraft und Herrlichkeit zerfällt,
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Du liegest recht im Argen.

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Und aus den grauen Trümmern klang
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Der strengen Geister Schelten:
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Die Heimat, die in Schutt versank,
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Soll dir nicht Alles gelten.
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Die alten Steine liegen da,
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Der Väter Segen ist euch nah',
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Erbaut euch neue Schlösser.

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Im hohen Ost, in Moskau stieg
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Empor die Oriflamme,
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Und alle Völker riefen Krieg
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Und Haß dem fremden Stamme.
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Da brach hervor aus jeder Brust
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Tyrannenhaß und Freiheitslust,
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Der alten Väter Leben.

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O Knabenspiel, o Jugendlust,
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Wie mag ich eurer denken?
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Jetzt gilt es nur, in Feindesbrust
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Den scharfen Speer zu senken.
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Zerfallen magst du kleines Haus,
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Mit vielen Brüdern zog ich aus,
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Ein größeres zu bauen.

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Ein Haus der Freiheit und des Ruhms,
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Der Weisheit, Schönheit, Stärke.
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Ein' Burg des alten Ritterthums,
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Ein Rüsthaus jedem Werke,
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Das nach dem rechten Ziele strebt,
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Ein Haus, in dem der Glaube lebt,
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Die Liebe, Zucht und Ehre.

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Der edlen Stämme sollen viel
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In diesem Hause wohnen,
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Bei Gottesdienst und Saitenspiel
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Ein Herrscher in ihm thronen.
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Der Herrlichste der ganzen Welt,
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Ein Priester und ein Rittersheld,
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Man heißt ihn deutscher Kaiser.

71
In diesem Hause soll ein Quell
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Durch Gottes Huld entspringen,
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Der wird so rein und silberhell
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Durch viele Länder dringen,
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Und wo er fließet, blüht ein Strauß,
76
O Heimat süß, o Vaterhaus,
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Euch alle wird er laben.

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Kehrt' ich nun heim, ein halber Mann,
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Eh' ganz das Werk vollzogen,
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So sähen mich wol fragend an,
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Die früher mir gewogen.
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Ich selber fühlte mich verbannt,
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Die alten Bilder an der Wand,
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Ich dürfte sie nicht grüßen.

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Doch was ich denke, was ich sinn',
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O Heimat ist dein eigen,
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Daß ich dein treuer Kämpfer bin,
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Soll Schwert und Zither zeigen.
89
Es kommt ein Jahr, es kommt ein Tag,
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Daß ich dich wieder sehen mag,
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Das wird mir Freude geben.

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Und fänd' ich nimmer mein Quartier,
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Wär' anders mir gesponnen,
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Vielleicht aus schönen Wunden mir
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Das heiße Blut entronnen;
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Auch noch im Grabe bin ich dein,
97
Man soll auf meinem Leichenstein
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Von meinem Lande lesen.

99
Du heil'ges Meer, du stiller Strand,
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Auch fern euch zu gehören,
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Mein Heimatland, mein Preußenland,
102
Mag ich mich kühn verschwören.
103
Mein Volk, du bist zuerst erwacht
104
So fest und freudig in der Schlacht,
105
O Volk zu Gottes Ehre.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max von Schenkendorf
(17831817)

* 11.12.1783 in Sowetsk, † 11.12.1817 in Koblenz

männlich

deutscher Dichter, Liedermacher und Soldat

(Aus: Wikidata.org)

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