Sie siegende Kraft

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Max von Schenkendorf: Sie siegende Kraft (1800)

1
Fernher hört man noch den Donner grollen,
2
In der Ferne klingt des Kriegers Speer –
3
Wir sind glücklich: unter uns erschollen
4
Ist des Friedens wundersüße Mär;
5
Von der Höh', zu der es aufgeschwollen,
6
Sank allmählich schon das Schreckenmeer,
7
Und der Hoffnung Taube kommt geflogen,
8
Und am Himmel strahlt der ew'ge Bogen.

9
Auf zu ihm, aus irdischen Gebieten
10
Schwebt ein stilles heiliges Gemüth
11
Zu den Aetherdüften, zu den Blüten,
12
Die es dort mit Geistesblicken sieht,
13
Denen keines Sturmes Dräun und Wüthen
14
Ihren Schimmer, ihren Reiz entzieht.
15
Was der Geist gestaltet und gewoben,
16
Wird vom Zeitsturm nimmermehr zerstoben.

17
Künd', o Harfensohn, in Hochgesängen
18
Deinem Volk es heute kühn und laut,
19
Was in seinen ernsten Zauberklängen
20
Dir das ew'ge Fatum anvertraut!
21
Mögen Kräfte sich an Kräfte drängen –
22
Tempel werden auf der Gruft gebaut,
23
Und so lang es bleibt, wie's war, auf Erden,
24
Kann aus Blut und Krieg nur Friede werden.

25
In dem Heer geschaffner Wesen spiegelt
26
Sich des Vaters Klarheit tausendfach.
27
Alle Schranken hat sein Wink entriegelt,
28
Alle Kräfte sind zum Kampfe wach.
29
Ob mich auch der Seraph überflügelt,
30
Ring' ich muthvoll auch dem Seraph nach:
31
Und der Wettstreit und das Spiel der Geister,
32
Ihre Kraft, ihr Aufruhr ehrt den Meister.

33
Es drängen sich Schaaren
34
Zu Kampf und Gefahren
35
Mit Lust herbei.
36
Sie steigen und fallen,
37
Und füllen die Hallen
38
Mit Siegsgeschrei.

39
Dort wölben sich Bogen,
40
Hier thürmen sich Wogen
41
Auf wilder See:
42
Doch Wogen verwallen
43
Und Siegsbogen fallen
44
Aus stolzer Höh'.

45
Die glänzender kriegten,
46
Reißt mit den Besiegten
47
Der Strudel fort.
48
Ein ewiges Treiben,
49
Hienieden kein Bleiben,
50
Kein Ruheport.

51
Oft strömen die Flammen
52
In
53
Nach langem Streit.
54
Und lieblich entfaltet
55
Die Sehnsucht, gestaltet
56
Sich in der Zeit.

57
Aber eine ew'ge Fehde waltet,
58
Die das Reich der Geister spaltet.
59
Zwei verschiedne Kräfte streben,
60
Können ewig keinen Einklang geben:
61
Untergang gilt's oder Sieg!
62
Und der Krieg ist Gottes Krieg.
63
Soll der Heiland seine Welt erlösen,
64
Muß das Gute kämpfen mit dem Bösen.

65
Mag steigen, mag fallen
66
Ein ganzes Geschlecht –
67
In himmlischen Hallen
68
Nur waltet das Recht.
69
Von Krieg und von Frieden
70
Wird viel dort gesehn,
71
Wovon wir hienieden
72
Gar wenig verstehn.

73
Der Lorbeer, der das Haupt umschlinget,
74
Das siegend bis zum Indus dringet,
75
Ist er des Werthes Unterpfand?
76
Wol gibt es eine schön're Größe,
77
Und Philipps Sohn fühlt seine Blöße,
78
Als Porus ruhig vor ihm stand.

79
Die unter trotzenden Gewalten
80
Den Gleichmuth zu bewahren weiß,
81
Nicht um ein eitles Lorbeerreis,
82
Nicht um das Lob der schwachen Menge
83
Sich kümmert, noch des Weges Länge;
84
Die, heiliger Begeist'rung voll,
85
Den Tempel, den sie gläubig schauet,
86
Drob einst der Sieger staunen soll,
87
In stiller Wirksamkeit erbauet.

88
Die der Himmel benedeite
89
Mit dem stillen Sinn,
90
Strebt verderbend nicht ins Weite,
91
Wie Prometheus hin,
92
Will das heil'ge Licht nicht
93
Von der Sonnenbahn,
94
Das Geduld und Muth und Glauben
95
Nur
96
Nicht nach außen, nur nach innen
97
Strebt ein weiser Sinn,
98
Um das Kleinod zu gewinnen,
99
Still und mächtig hin.

100
Nehmt eure Telyn, meine Brüder,
101
Ihr Barden meines Vaterlands,
102
Und singt dem Neugebornen Lieder,
103
Um seine Wiege schlingt den Blütenkranz!

104
Noch waltet von innen
105
Die heilige Kraft,
106
Die jedem Beginnen
107
Vollendung schafft,

108
Gekräftigt, geläutert –
109
Von außen geschwächt,
110
Von innen erweitert
111
Voll Muth und Recht.

112
Verklärt durch die Gluten,
113
Von Palmen umlaubt,
114
Enthebt sich den Fluten
115
Des Königs Haupt.

116
Die Fülle der Schmerzen,
117
Des Mißgeschicks Hand
118
Schlingt fester um Herzen
119
Das Liebesband.

120
Die Liebe der Kinder
121
Bleibt immer sich gleich,
122
Sind Herzen gleich minder
123
In

124
Laßt Neulinge wandern
125
Zum fremden Altar –
126
Es zahlt für die Andern
127
Der Alten Schaar;

128
Der Auslandston schweiget
129
Beim preußischen Fest.
130
Ein Phönix entsteiget
131
Dem Flammennest.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Max von Schenkendorf
(17831817)

* 11.12.1783 in Sowetsk, † 11.12.1817 in Koblenz

männlich

deutscher Dichter, Liedermacher und Soldat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.