Eleonoren

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Max von Schenkendorf: Eleonoren (1800)

1
Noch weil' ich in der Frühlingslaube,
2
Und gebe mich der Glut gefangen,
3
Die nicht des Westes Fittig kühlt,
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Der hier um meine blassen Wangen
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So abendlich, so leise spielt.
6
Mein Wesen wird der Kraft zum Raube,
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Die magisch in mir wirkt und webt,
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Indeß der gottvertraute Glaube
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Sein Haupt nach jenen Sternen hebt.

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Die Frühlingsluft, die mich durchschauert,
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Sie weckt in meinem kranken Herzen
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Des wunderbaren Stromes Lauf,
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Die bittre Lust, die süßen Schmerzen
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Der ungestillten Sehnsucht auf,
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Die nach dem Gut, das ewig dauert,
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Nach der entschwundnen goldnen Zeit,
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Wie die gefangne Psyche trauert,
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Und der kein Gott die Flügel leiht.

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Ich seh' sich mir die Wolken neigen,
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Mir beut der Lenz die zarten Schwingen,
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Um in des Herzens regem Drang
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Dem schönen Gotte nachzudringen,
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Der heute sich der Erd' entschwang.
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Die Blumen, so der Flur entsteigen,
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Sie scheinen meinem Liebeswahn
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Der Sehnsucht hohe Bahn zu zeigen,
27
Sie blicken alle himmelan.

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Erbärmlich Loos der Staubgebornen,
29
Daß ihres Lebens höchste Blüte
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Vom Athem des Genusses stirbt,
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Und alles, dem ihr Herz entglühte,
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Nur in der Ferne Reiz erwirbt!
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Daß mit dem Schimmer des Erkornen
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Auch die Empfänglichkeit zerfließt,
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Zum oft Gefundnen, oft Verlornen
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Die Sehnsucht sich ins Grab verschließt.

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Da stehn sie einsam, mit den Narben
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Erschlag'ner Himmelsseligkeiten
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In der zerrißnen, wunden Brust,
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Ruinen der Vergangenheiten,
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Des frühen Traums sich kaum bewußt,
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Und schaun auf Keime, die erstarben,
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Mit fürchterlichem Geize hin.
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Sie sind so reich, so voll und darben
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Mit ihrem königlichen Sinn.

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Willst du dem Weltentanz entfliehen?
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Willst du allein die Wüste wählen,
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Und aus des Meisters heil'gem Ring
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Die zarteste der Perlen stehlen,
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Die je der Orient empfing?
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Willst du, wo tausend Blumen blühen,
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Mit abgewendetem Gesicht
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In stolzem Gram vorüberziehen?
54
Das kannst du schöne Seele nicht!

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Laß durch die Schöpfungen uns wallen!
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Was hier sich unsrem Blick verloren,
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Entschwand nicht aus des Vaters Reich,
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In schönern Welten neugeboren
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Lebt es den sel'gen Geistern gleich.
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Mag aus der Hand die Blüte fallen,
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Sie fällt an einen bessern Ort,
62
Mag Philomelens Ton verhallen,
63
Die Sphären tönen ewig fort.

64
Der schnelle Flug des Erdenglückes
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Soll das Gemüth zum Lande heben,
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Wo, durch den Raum nicht mehr getrennt,
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Die abgeschiednen Stunden leben,
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Wo die erloschne Flamme brennt;
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Wohin die Schwinge deines Blickes,
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Im Sternenschimmer früh schon flog,
71
Wohin der Sieger des Geschickes,
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Der größer als Alcides, zog.

73
Hat dieses Lied die Lust erneuert,
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Die, dir von dort herabgeflossen,
75
Vom Schmerze nur verdrungen ward,
76
Hat es dein Herz mir aufgeschlossen –
77
Dann hab' ich auf die rechte Art,
78
Von heil'ger Mitternacht umschleiert,
79
Von einem Geisterchor geküßt,
80
Des Heilands Himmelfahrt gefeiert,
81
Die mir

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max von Schenkendorf
(17831817)

* 11.12.1783 in Sowetsk, † 11.12.1817 in Koblenz

männlich

deutscher Dichter, Liedermacher und Soldat

(Aus: Wikidata.org)

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