Im feinen, weißen Spitzenkleide

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Friederike Kempner: Im feinen, weißen Spitzenkleide Titel entspricht 1. Vers(1868)

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Im feinen, weißen Spitzenkleide,
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Im blonden Haar Kamelienkranz,
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Steht heut Madam', 'ne Augenweide
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Macht Toilett' beim Kerzenglanz.

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Vier Hände sind bemüht zu schmücken
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Ihr selig lächelnd Angesicht,
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Ihr Dies und Jenes recht zu rücken,
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Und auch die ihr'gen ruhen nicht.

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Sie geht zum Ball, und dreist ich sage,
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Die Frau ist reizend, wunderschön,
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Daß sie gefällt ist keine Frage,
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Das muß ihr selbst der Neid gesteh'n!

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Wenn auch nicht eingehüllt in Flimmer,
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So spielt doch ganz dieselbe Szen'
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Ihr Herr Gemahl im Nebenzimmer,
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Der freilich etwas minder schön.

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Sehr fein ist seine Toilette,
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Es glänzt der Ring an seiner Hand,
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Er putzt die goldene Lorgnette,
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Setzt eine Cigarett' in Brand.

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Er ist schon fertig, spricht mit Würde:
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»der Wagen steht für uns bereit,
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Du bist sehr schön, genug der Zierde,
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Mein Kind, es ist die höchste Zeit!«

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»wie glücklich bin ich«, – ruft sie leise,
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»auch ich«, – sagt lauter ihr Gemahl,
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»es macht mich Deine Art und Weise
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Sehr stolz auf meine gute Wahl!«

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»komm« – sagt er, froh an Faro denkend, –
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»dir alles, alles, herrlich steht«, –
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Und seinen Kopf bedenklich senkend –
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»wir kommen wahrlich heut zu spät!«

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Nur noch das Halsband von Demanten,
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Nur noch die Brosche mit dem Opal,
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Das Taschentuch mit den Brabanten,
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Den Blütenstrauß und dann den Shawl!

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Zu Ende ist die Toilette,
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In Wahrheit ein possierlich Bild,
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Solch' Torheitseifer um die Wette,
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Stets aus beschränktem Geiste quillt.

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So jung, so schön, so voller Freuden,
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So voller Anmut und so reich,
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So eilen nun zum Ball die Beiden,
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An Eleganz sich selber gleich.

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Die reichen Menschenkindchen träumen
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In dem Moment von Unglück nicht,
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Da sieh, sich scheu die Rosse bäumen
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Vor eines Mannes Angesicht.

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Ein armer Mann, die Stirn voll Falten,
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Mit stierem Auge, hohler Wang',
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Mit Lippen, dünnen, bleichen, kalten,
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Die schon vertrocknet schienen lang.

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Er stand an jener heiter'n Schwelle,
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Verhungert und erstarret fast,
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Der Mond beschien an jener Stelle
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Das Elend unter seiner Last.

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»ich fleh'« – spricht er – »um ein Almosen,«
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Und küßt der schönen Frau die Hand,
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Sein schwacher Kuß zerdrückt die Rosen,
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Die an des teuren Handschuh's Rand.

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»mein Freund« – sagt sie mit kalten Mienen,
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Erzürnt durch diese Freveltat –
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»ich habe keine Zeit zu Ihnen!
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Ob Robert etwa Kleingeld hat?«

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Ihr Mann zieht nun den vollen Beutel,
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Wie herrlich glänzt darin das Gold!
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Doch all sein Suchen war nur eitel,
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Denn wen'ges war's, was er gewollt.

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»halt, halt, gieb Etwas jenem Armen«,
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– So herrscht der Herr den Kutscher an –
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Des Letzteren Blick fällt voll Erbarmen
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Und Grauen auf den armen Mann.

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Er greift hinein in seine Taschen,
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Vier Groschenstücke sind darin,
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Schnell sucht er alle zu erhaschen,
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Und wirft sie rasch dem Armen hin.

77
»hier, Bruder, sind vier Groschenstücke,
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's ist alles, was ich geben kann.«
79
»und« – sagt er sanft, mit feuchtem Blicke:
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»fragt manchmal dort im Giebel an!«

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Jetzt rollte fort der rasche Wagen,
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Der Kutscher wischt ein Aug' sich ab:
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Er denkt an all' die großen Fragen,
84
Die solch' Kontrast zu lösen gab. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friederike Kempner
(18281904)

* 25.06.1828, † 23.02.1904

weiblich, geb. Kempner

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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