Der Invalide

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Friederike Kempner: Der Invalide (1868)

1
Ein alter Mann mit grauen Haaren,
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Tiefbraun von Hand und Angesicht,
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Aus dem, so stark die Glieder waren,
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Hohnfrei ein stilles Lächeln spricht.

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Mit blauen Augen, sanft, voll Leben,
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Wie mancher friedlich deutsche Strom,
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Und wie die Heil'gen sie erheben
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Im stolzen Vatikan zu Rom.

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Es spielt auf off'nem Markt die Leier,
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Der arme, alte Invalid',
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Von trüben Zeiten, – alter, neuer,
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Singt er dazu ein hübsches Lied:

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»oed' und verlassen
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Nah' ich dem Grab,
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Spielet ihr Lüfte,
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Sanft mich hinab!

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Vieles erlitten,
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Kämpfend erstrebt,
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Für Deutschland gestritten,
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Für Deutschland gelebt.

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Und eifrig geliebet
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Menschen und Gott,
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Menschen, sie blieben
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Fern in der Not!

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Oed' und verlassen
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Nah' ich dem Grab,
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Spielet ihr Lüfte,
28
Sanft mich hinab! –«

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Viel' Leute geh'n an ihm vorüber,
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Die meisten sehen gar nicht auf,
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Sein sanfter Blick wird trüb' und trüber,
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Doch spielt er immer wacker auf.

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Der Abend naht, die Sonne sinket,
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Der Alte packt die Leier ein,
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Im Auge eine Träne blinket,
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Er seufzt: man soll zufrieden sein!

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Ich dachte heute nicht zu fasten,
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Und hofft' auf frisches Lagerstroh!
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Komm', alter, lieber Leierkasten,
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Man hofft, doch wirds nicht immer so!

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Es waren freilich kühne Pläne,
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Doch Niemand hat mich angeschaut,
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Man zahlt nun nicht mehr solche Töne:
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Was fang' ich an in meiner Not?

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»und« – spricht er stockend und verlegen,
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»ich weiß nicht, red' ich Jemand an?
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Es ist an mir nicht viel gelegen,
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Doch

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»herr« – fleht er endlich einen Reichen,
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»sie borgen wohl acht Pfenn'ge mir? –«
51
»mein Freund, man borgt nicht eures Gleichen,
52
Und Bettlern geben selten wir.« –

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»als Bettler ward ich nicht geboren,
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Ein Bettler wird man erst alsdann –
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– Lehrt sanft der Greis den tauben Ohren,
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Wenn man sich nicht mehr helfen kann!« –

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Ein Knabe zieht die Straß' herunter,
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Mit Rosenbüscheln zum Verkauf,
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Der kleine Proletarier, munter,
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Horcht bei des Alten Stimme auf.

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»herr«, spricht der Knabe sehr verlegen,
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»ich hab' den Greis zwar nie gekannt,
63
Doch, wenn Sie einen Argwohn hegen,
64
So bleib' ich Ihnen gern zum Pfand!« –

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»der arme Mann« – fleht er mit Beben,
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»er spielt den ganzen Tag schon hier,
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Und kann die Arme kaum mehr heben,
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Etwas verdient er schon dafür!«

69
»erbarmen Sie sich seines Lebens,
70
Er bringt das Geld schon morgen her,« –
71
– So fleht der Knabe, ach vergebens,
72
Der harte Reiche hört nichts mehr.

73
»hört«, spricht zum Invalid der Knabe,
74
»ich bind' ein Sträußchen für Euch los,
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's ist freilich eine kleine Gabe,
76
Doch dies allein besitz' ich bloß!«

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Es wankt der Greis in seine Wohnung,
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Wirft matt sich auf das faule Stroh,
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»ach,« – seufzt er bitter – »ohne Schonung
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Behandelt man den Armen so?«

81
Die Nacht ging langsam ihm vorüber,
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Es auf dem kalten Boden graut,
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Da leuchtet wunderbar herüber
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Ein herrlich lichtes Morgenrot.

85
Die Leier lag zu seinen Füßen,
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Und dicht das Sträußchen rosenrot,
87
Der schöne Kopf auf grobem Kissen:
88
Der brave Invalid war tot. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friederike Kempner
(18281904)

* 25.06.1828, † 23.02.1904

weiblich, geb. Kempner

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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