Das Mädchen vom Don

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Emanuel Geibel: Das Mädchen vom Don (1833)

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Mein Freund Gregor, mit dem ich manchen Tag
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Verschwärmt einst zu Athen, wo damals er,
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Der nordischen Gesandtschaft zugesellt,
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Bei müß'ger Zeit mit mir die Alten las,
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Besuchte letzten Herbst, da südwärts schon
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Die Schwalben wanderten, mich unverhofft
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Im stillgewordnen Bad am Ostseestrand.
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Ein sehnlich Ruhbedürfnis hatt' auch ihn
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Dorthin geführt, und bei verwandter Stimmung
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Und gleichem Freimut fiel es uns nicht schwer,
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Das alte Bündnis zu erneun. Wir sahn
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Beim ersten Gruß, daß fünfundzwanzig Jahr'
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Uns nicht verwandelt hatten, nur gereift,
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Und bald in trautem Austausch, wie vordem,
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Verplauderten wir wieder Tag für Tag
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Des Abends Neige, nun der Gegenwart
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Streitfragen prüfend, nun ins Zauberland
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Erinnrungsreicher Jugendtage schwärmend.
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In solcher Stunde – während überm Meer
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Der Vollmond aufstieg und die Brandung fern
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Herübergrollte – lenkt' er das Gespräch
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Einst auf ein Mädchen, das er zu Athen
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Gekannt, und das auch mir begegnet war,
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Wiewohl nur flüchtig. Doch es zählt ihr Bild
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Zu jenen, deren Reiz man schwer vergißt,
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Sah man sie einmal nur. Nicht ungerührt
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Vernahm ich drum ihr wechselvoll Geschick,
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Und wie's der Freund erzählt, erzähl' ich's nach.

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Sie war die Nicht' im Hause. Früh verwaist
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Und arm an Gut nur, wuchs sie bei den reichen
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Verwandten auf, des Oheims Liebling zwar,
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Allein der stolzen Bas' im Aug' ein Dorn;
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Denn sie war schön gleich ihr, fremdart'ger nur
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In ihrem Reiz, der an die Märchenwelt
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Hochasiens mahnte. Schlug die Wimpern sie
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Des mandelförm'gen Auges plötzlich auf,
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So war's wie Blitz; man dacht' an Turandot.
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Zum Rätsel wölbten sich die feinen Braun,
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Und wenn sie's losband, floß ihr blauschwarz Haar
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Bis zu den Knöcheln. Gerne sah's der Ohm
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Und hieß sein artig Nixlein sie vom Don;
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Doch wenn er gütig war und sie mit Schmuck
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Behängt' und prächt'gen Stoffen, peinigte
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Die Base sie mit Launen, ließ von ihr,
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War die leibeigne Zofe nicht zur Hand,
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Das Haar sich strählen und den Ballstaat rüsten
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Und schmollt' und schalt um jeden kleinen Fehl.
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So wuchs sie auf geliebkost und gequält,
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Prinzeß in der Gesellschaft, Aschenbrödel
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Am eignen Herd. Doch trug sie Glanz und Druck
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Mit gleicher Spannkraft, wie zur Frühlingszeit
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Die herbe Knospe Sonn' und Regenguß
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Erträgt und fortschwillt. Niemals fand ich sie
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Verstimmt noch müde; nur verschloß sie sich,
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Wie sie vom Kind zur Jungfrau leis erwuchs,
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Gemach in Schweigen, flüchtig Lächeln ward
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Ihr silberhelles Lachen, feuchtern Glanz
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Gewann ihr Aug', und wenn sie, spät noch wach,
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Am Flügel träumte, wühlten ihre Hände,
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Anstatt in muntern Weisen wie vordem,
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In Chopins dunkeln Zaubermelodien.

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So stand's, als ich nach Mittag einst im Herbst,
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Da Bas' und Oheim auf Besuch zur Stadt,
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Von unserm Sommerlandsitz am Kephiß –
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Mit ihr hinausritt. Auf den Feldern rings
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Lag silbernes Gespinst, das Purpurlaub
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Der Rebenhänge brannt' im Sonnenschein,
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Und vom Gebirg' her durch die Pinien zog
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Der Wellenschlag der himmlisch reinen Luft.
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Entzückt aufatmend lachte sie mich an
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Und hob den Zaum und gab dem Roß die Gerte,
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Und sausend flogen wir dahin am Wald
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Und übers Blachfeld, wo der Heidegrund,
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Elastisch, Flügel unsern Rennern lieh,
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Dem alten Kloster zu, das halb zerstört,
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Von Schwalben nur bewohnt und wilden Tauben,
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Im wald'gen Kessel lag. Zum Reden gab
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Der hast'ge Ritt nicht Zeit, doch trunken hing
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Mein Blick am Bild der schönen Reiterin,
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Wie sie in ihres Stamms entfesselter
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Nomadenlust den biegsam schlanken Leib
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Im Sattel wiegt' und jauchzt' und wilder stets,
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Den Schleier hoch im Wind, vorauf mir flog,
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Bis wir die Schlucht erreicht. Doch als ich dort
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Absaß und langsam nun hinab am Zaum
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Ihr türkisch Grauroß führte durchs Geröll,
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Da hub sie plötzlich an: »Nicht wahr, Gregor?
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Ihr meint es gut mit mir, ich darf Euch traun,
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Und schweigen könnt Ihr auch?« –
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»gewiß.« –
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»ich bin
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So gar allein. Der Ohm ist sechzig bald
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Und mit Geschäften ewig überhäuft,
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Die Bas' ein Gletscher. Schwestern hab' ich nicht,
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Auch keinen Freund, Gregor, wenn Ihr's nicht seid,
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Und jemand muß ich's sagen, wenn ich nicht
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Ersticken soll an meinem Glück.« –
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»marie!
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Um Gott, Ihr liebt? Denn so spricht Liebe nur.«
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Sie schlug die seidnen Wimpern langsam auf
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Und nickte nur und glühte. Vor uns lag
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Des Klosters Pforte jetzt, umrankt mit Wein,
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Von riesigen Platanen überwölbt.
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»helft mir vom Pferde,« sprach sie, »dort im Grün
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Sag' ich Euch mehr.« Und bald auf mächt'gem Block,
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Den Jahr um Jahr mit goldnem Samt gepolstert,
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Mir gegenüber saß sie, Gert' und Hut
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Im Schoß nachlässig, und indes umher
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Die Rosse grasten und des Taubers Gurren
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Vom Wipfel scholl, erzählte sie:
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»ich kannt' ihn
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Aus meiner Kindheit her, da ich am Don
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Noch bei der Mutter wohnt' auf unserm Gut.
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Er war des Priesters Sohn und mein Genoß
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In Lehr' und Spiel, in allem mir voraus,
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Doch freundlich stets zu mir, obwohl die Knaben
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Im Dorf ihn fürchteten; denn er bezwang
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Die Stärksten selbst. Im Winter, wenn der Schnee
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Um Mittag knisternd blinkte, fuhr er mich
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Im leichten Schlitten windschnell durch den Park
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Und schnallt' auf festgefrornem Teich die Eisen
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Mir an zum Lauf, und jauchzend saust' ich dann
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An seiner Hand die blanke Fläch' entlang.
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Zu Neujahr bracht' er Heil'genbilder mir,
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Geweiht vom Bischof, und am Osterfest
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Die schönsten Eier stets mit Kreuz und Lamm.
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Doch wenn's in Wald und Garten Frühling ward,
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Und grün die Steppe wie ein wellig Meer
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Sich dehnte, ging die rechte Lust erst an;
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Wir haschten Falter, sonnten uns im Gras
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Und sahn im Blau die wilden Schwäne ziehn.
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Verzauberte Prinzessen nannt' er sie,
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Und wundervolle Märchen wußt' er dann
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Mir zu erzählen, daß ich atemlos
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Ihm lauscht' und satt nicht ward. Auch half er mir
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Im Garten bei den Blumen gern und pflanzte
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Ins Mohnbeet kunstreich meinen Namenszug,
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Ein blühend
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Und wenn ins Feld wir schweiften, lehrt' er mich
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Des Finken Lockruf und den Drosselschlag
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Und zeigte mir der Wachtel Nest im Korn.
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Sein Mantel ward im Forst mein Sitz, sein Arm
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Trug durchs beschilfte Ried mich, daß ich nicht
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Die feinen Stiefel netzte, kurz, er wußte
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Mir stets zu dienen, ohne daß ich bat.
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Und fiel mir etwas schwer, so sprach er nur
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Mit klarer Knabenstimme: ›Laß doch mich!‹
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Und was ich wünschte, war im Nu getan.
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Ich aber nahm das alles hin, als könnt' es
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Nicht anders sein und dankt' ihm kaum dafür.

151
Da starb die Mutter, sieben Jahre sind's,
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Und unter Tränen zog ich fort und kam
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Hieher zum Oheim. Doch, wie Kinder sind,
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Vom Reiz des Neuen leicht zerstreut und ganz
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Erfüllt vom Gegenwärt'gen, lebt' ich bald
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Im kleinen Glück und Leid des Tages wieder,
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Und blaß im Nebel hinter mir verschwamm,
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Was früher war. Der Mutter Bild allein
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Blieb hell in mir. An Boris dacht' ich kaum;
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Nur manchmal träumt' ich noch von ihm, doch kam's
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Nicht oft und wie ein Wetterleuchten bloß,
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Das aufzuckt und verschwindet ohne Spur.
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Da hört' ich plötzlich, vor'gen Winter war's
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Um Faschingszeit, er dien' im Heere jetzt
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Und sei als Stabskurier mit eil'ger Botschaft
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Hieher entsandt. Ich freute, wie ein Kind,
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Mich auf das Wiedersehn, doch hatte dran
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Die Neugier mit der Freundschaft gleichen Teil,
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Vielleicht im stillen auch die Lust, mich ihm
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Im vollen Schmuck zu zeigen, die er nur,
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Ein unreif Ding, in ländlich schlichter Tracht
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Bisher gesehn; was weiß ich's heut? – Genug,
173
Er kam, wir hatten Ball, und er war da.

174
Ich hätt' ihn kaum erkannt, so schlank und hoch,
175
So männlich stand er da im schimmernden
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Ulanenkleid, gebräunt vom Sonnenstrahl
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Des Kaukasus; doch harrt' ich lang umsonst.
178
Er schien mich nicht zu sehn, und als er endlich
179
Herantrat, zaudernd, war's, als läg' auf ihm
180
Ein fremder Zwang, der, wie er steif mich grüßte,
181
Auch mich befing. Wir sprachen dies und das
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Von heut und gestern, wie's Gesellschaftsbrauch,
183
Und suchten selbst zu scherzen, doch wir fanden
184
Den alten Ton nicht mehr. Auch als er drauf
185
Zum Tanz mich führte, blieb er stumm und herb;
186
In sich versunken, statt mir ins Gesicht
187
Zu blicken, starrt' er in den Glanz der Kerzen,
188
Und wenn vom Strome der Musik gewiegt
189
Im raschen Takt wir durch die Reihen flogen,
190
Eiskalt in meiner fühlt' ich seine Hand.
191
Fast war ich froh, als Geig' und Flöte schwieg
192
Und mich die Bas' entsandte, frische Sträußer
193
Beim Gärtner zu bestellen. Draußen erst
194
Besann ich mich, daß er mit keinem Wort
195
Der alten, frohen Zeit am Don gedacht,
196
Und grollt' auf ihn, und fremdzutun gleich ihm
197
Entschlossen war ich, als ich wiederkam.

198
Da, wie ich rasch empor die Treppe sprang,
199
Riß mir das Band am Schuh. Ich schlüpfte sacht
200
Ins Seitenzimmer, dort den Fehl zu bessern,
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Doch eingeschnürt in Seiden, wie ich war,
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Behängt mit Schmuck und Spitzen, müht' ich mich
203
Vergebens ab, und hülflos brach ich fast
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In Tränen aus. Da schreckt' ein leicht Geräusch
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Mich jählings auf, und –
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›marie Paulowna‹, sprach er, ›laßt doch mich!‹
207
Und eh' ich's weigern konnte, kniet' er schon
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Und hatt' es rasch beschickt. Ich stand verwirrt,
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Umsonst ein scherzend Wort des Danks noch suchend,
210
Da fühlt' ich plötzlich, daß ein heißer Kuß
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Den Fuß mir sengte; wie ein Feuerstrom
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Schoß mir's ans Herz, und zürnend wollt' ich fliehn;
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Doch konnt' ich's nicht; denn als er sprachlos jetzt,
214
Bleich vor Erregung, nur mit stummem Flehn
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Das Auge zu mir aufschlug, las ich drin
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Das glühendste Geständnis, wie's kein Wort
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Je fassen mag, und überwältigend
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Durch meine Blindheit brach's wie Sonnenlicht.
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Nun wußt' ich plötzlich, daß er mich geliebt
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Von Jugend auf, daß all sein Frost vorhin
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Ein Kampf nur war, die tiefe Glut zu bergen,
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Und daß nun ein glückselig Ungefähr
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Zusammen uns geführt auf immerdar.
224
Ein Wonnetaumel fiel mich an, ein Rausch,
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Und lachend, jauchzend, weinend, wie ein Kind,
226
Lag ich an seiner Brust, bis die Musik
227
Uns enden hieß, die zur Mazurka rief.
228
Wie anders schwebt' ich jetzt an seinem Arm
229
Durchs Lichtermeer des Saals, das Herz geschwellt
230
Vom seligsten Triumph! Wie anders strömt'
231
Ihm jetzt das Wort, und was das Wort nicht sprach,
232
Das sprach der Blick, der warme Druck der Hand.
233
Ein Glück nur, daß die Base, dicht umdrängt
234
Vom Kreis des Hofes, mein nicht achtete.
235
Sie hätte sonst mein strahlend Glück gesehn
236
Und rasch vernichtet. Ach – Ihr kennt sie ja,
237
Die keinen Willen duldet neben ihrem,
238
Und kennt den Zwang, dem ich mich fügen muß.

239
Drei Tage blieb er, und wir sahn uns viel,
240
Im Saal vor aller Welt und insgeheim
241
Im Garten, wo die Veilchen dufteten,
242
Wenn tief im Blau des Halbmonds Sichel schwamm.
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In solcher Frühlingsnacht auch, Lieb' und Treu'
244
Auf ewig uns gelobend, schieden wir
245
In bittern Schmerzen. Aber größer war
246
Das Glück, das er zurück mir ließ. Und heut –
247
Das ist's, Gregor, was mich nicht schweigen ließ –
248
Heut schreibt er mir, daß er am Kaukasus
249
Beim Lagersturm die erste Schanze nahm.
250
Zwei Jahre noch, so wird er Oberst sein
251
Und holt mich heim. Was sind zwei Jahre denn,
252
Wenn man so jung noch ist, Gregor, wie ich,
253
Und liebt!«
254
Sie schwieg, und wie sie jetzt den Blick
255
Glückstrahlend zu mir aufschlug, Stirn und Haar
256
Vom letzten Abendgoldlicht überströmt,
257
Das durch die Zweige brach, erschien sie mir
258
Verklärt fast, wie das Bild der Hoffnung selbst.
259
Mit treuem Handschlag dankt' ich ihr und hub
260
Sie ehrerbietig dann aufs Grauroß wieder,
261
Die nun als Braut vor meiner Seele stand.
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Und durch die Felder, drauf im Dämmerschein
263
Noch sommerlich wie leiser Geigenton
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Das Nachtlied der Zikaden schwebte, ritten
265
Wir beide still und voll Gedanken heim.

266
Am nächsten Morgen war der Ohm zurück,
267
Und alles ging im alten Gleis. Marie
268
Blieb still und heiter nach wie vor. Wir sahn
269
Uns kaum allein, und nur ein Blick bisweilen,
270
Ein rasch geflüstert Wort gemahnte mich
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An ihr Geheimnis. So verging der Herbst.
272
Man zog zur Stadt, und bald darauf entführte
273
Ein wicht'ger Auftrag mich nach Petersburg,
274
Der Wochen lang mich dort gefesselt hielt.

275
Erst gegen Weihnacht kam ich heim. Ich fand,
276
Als ich sofort mich vorzustellen ging,
277
Das Haus im Festschmuck, Pforten und Gesims
278
Bekränzt mit Wintergrün, die Dienerschaft
279
Im reichen goldbetreßten Galakleid,
280
Das Vorgemach voll Weihrauchduft. »Was gibt's?«
281
Frug ich den Pförtner –
282
»je, so wißt Ihr's nicht?
283
Marie Paulowna hält Verlobung heut.« –

284
»marie Paulowna, sagst du?« –
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»ja, wer sonst!
286
Die Nichte unsres Herrn –«
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»verlobt mit wem?
288
Sag' an!« –
289
»ei nun, sie darf zufrieden sein.
290
Der alte Staatsrat führt sie heim, Ihr wißt,
291
Der reiche Hinkfuß aus der Krim, der stets
292
Vierspännig fährt. An dreizehntausend Seelen
293
Bringt er ihr zu. Beliebt nur einzutreten!
294
Die Feier ist vorüber, und Ihr kommt
295
Zum Glückwunsch eben recht.«
296
Ich starrt' ihn an
297
Als wie vom Blitz betäubt, doch faßt' ich mich
298
Und schritt hinauf. Im Saale brannten schon
299
Die hohen Kerzen, und es wogte rings
300
Ein Schwarm von Gästen summend durcheinander.
301
Da trat die Wirtin lächelnd auf mich zu:
302
»willkommen hier, Gregor! Ich weiß, Ihr nehmt
303
An unserm Glücke teil. Nun darf Marie
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Der Sorgen ledig in die Zukunft sehn.
305
Der Staatsrat ist ein Ehrenmann; er warb
306
Bei mir zuerst, mit Freuden sagt' ich Ja,
307
Und herzlich dankt sie mir's, das teure Kind.
308
Nur kam es fast zu rasch und hat sie mehr,
309
Als nötig war, erregt. So spürt sie heut'
310
Ein wenig Kopfweh, das sie zaghaft macht,
311
Doch morgen wird sie blühn wie eine Rose.«
312
So plauderte die Dame, daß ich nicht
313
Zu Worte kam und nur mit stummem Gruß
314
Zurücktrat ins Gewühl. Da streifte mich
315
Mein alter Freund Euchar. »Welch freudlos Fest
316
Kommst du zu feiern«, raunt' er mir ins Ohr,
317
»die arme Braut! Wie hat sie sich gesträubt
318
Vor diesem Unglücksbund! Man sagt sogar,
319
Sie wollt' entfliehn, allein ihr Fluchtversuch
320
Mißlang, und wehrlos endlich, mattgequält,
321
Ergab sie sich in alles.« –
322
Zaudernd sucht' ich
323
Marien jetzt und fand sie. Angehaucht
324
Von Marmorblässe, regungslos, die Wimpern
325
Gesenkt, daß man die Spur der Tränen nicht
326
Gewahre, stand sie da, den Kranz im Haar,
327
Im weißen Brautkleid Iphigenien ähnlich,
328
Da zum Altar sie schritt. Und neben ihr,
329
Sein höflichst Lächeln um den welken Mund,
330
Zum Jüngling aufgestutzt, der lahme Greis,
331
Gewandt mit stets bereitem Flüsterwort
332
Ihr Schweigen deckend und den üblichen
333
Glückwunschtribut als Leu des Tags empfangend.
334
Ich trat heran. Sie reichte zitternd mir
335
Die kalte, ringgeschmückte Hand und sah
336
Mich wie um Mitleid flehend an, indes
337
Ihr Bräut'gam mich mit einer lauen Flut
338
Gewählter Phrasen überschüttete
339
Und mir sein Glück und seine Güter pries.
340
Erschüttert eilt' ich fort.
341
Am andern Tag
342
Hieß es, Marie sei krank, ein hitzig Fieber
343
Hab' über Nacht sie plötzlich heimgesucht,
344
Sie red' im Irrsinn, und der Arzt des Hauses
345
Befürchte für ihr Leben. Wochenlang
346
Lag sie darnieder so. Ich hätt' ihr fast
347
Den Tod gewünscht; doch ihre Jugendkraft
348
Bezwang die Wut des Übels. Sie genas,
349
Und – alles blieb beim alten.
350
Als die Hochzeit
351
Gefeiert wurde, war ich fern bereits,
352
Vom schönen Süden nach Paris versetzt,
353
Und lange Jahre blieb ich ohne Kunde
354
Von allem, was Mariens Los betraf.
355
Da sprach ein Maler, der aus Moskau kam,
356
Nicht ahnend, daß sie einst mich Freund genannt,
357
Mir wiederum von ihr. Sie leb', erzählt' er,
358
Wie eine Fürstin dort, noch immer schön,
359
Hoch angesehn als Schützerin der Kunst
360
Und viel umfreit als kinderlose Witwe,
361
Doch jedes Zeichen wärmrer Huldigung
362
Stolz von sich weisend. Nur ein General,
363
Einst der Tscherkessen Geißel, dürfe sich
364
Des Vorzugs rühmen, ihr vertraut zu sein,
365
Ein schweigsam ernster Kriegsmann, vor der Zeit
366
Im Feld ergraut und unvermählt gleich ihr.
367
Ob er sich Boris nannt', erfuhr ich nie.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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