Welt und Einsamkeit

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Emanuel Geibel: Welt und Einsamkeit (1833)

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O rühmet immerhin mir eure lauten Feste,
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Zu denen man geschmückt mit prächt'gen Rappen fährt,
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Wo stetes Lächeln kränzt die Stirnen aller Gäste,
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Als sei der Tod nicht mehr und jedes Leid verklärt,
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Wo Scherz und Lüsternheit sich ineinander ranken,
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So wie der üpp'ge Mohn dem Korn sich lodernd mischt,
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Wo alles blitzt und sprüht, Demanten und Gedanken,
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Als gält's ein Feuerwerk, das vor bezahlten Schranken
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Vielfarbig auf ins Dunkel zischt.

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Und eure Bälle rühmt, wo man in Prunkgemächern
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Mit duft'gem Eis euch kühlt und süßen Schaum kredenzt,
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Wo reich ein bunt Gewirr von Federn, Blumen, Fächern,
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Von Seid' und Goldgeschmeid' aus hundert Spiegeln glänzt,
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Wo bei Trompetenklang und bei der Pauke Tosen
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Der Reigen hold sich löst und holder wieder schließt,
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Und um der Schönheit Preis die stolzen Frauen losen
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Mit jenem weichen Schmelz, der wie ein Duft von Rosen
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Um sechzehnjähr'ge Stirnen fließt.

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Rühmt alles immerhin, die Pracht, das dunkle Feuer,
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Das aus den Augen flammt, die man in Liedern preist,
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Die Klugheit, die dies Meer befährt mit sicherm Steuer,
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Den leichtbewegten, ach, so oft mißbrauchten Geist;
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Rühmt mir den Ambraduft der hohen Teppichzimmer,
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Den Silberschmuck, der Glanz der würz'gen Tafel leiht,
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Den Wein, der wie Rubin erglüht im Kerzenschimmer,
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Der Mädchen süß Geschwätz - ihr lockt, ihr lockt mich nimmer;
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Ich wähle dich, o Einsamkeit.

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Dich, hohe Zauberin, die wandelt in den Forsten,
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Wo kaum ein fleckig Reh durchs Brombeerdickicht rauscht,
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Die auf dem Inselfels von kahlen Geierhorsten
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Dem ewiggleichen Schlag der Meereswoge lauscht,
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Die ihren Wohnsitz hat auf Schlössern, längst verlassen,
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Wo Efeulauben sich um Tor und Söller baun,
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Und nur bei tiefer Nacht betritt der Städte Gassen,
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Um Kirch' und Erkerturm und düstre Giebelmassen
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Im Mondenglanze zu beschaun.

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Ich wähle dich, denn du hast mich im Schoß getragen,
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Da ich, ein Knabe noch, in Heid' und Tann geschweift,
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Hast mich das erste Lied gelehrt in frühen Tagen
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Und dann in schwerer Zeit zum Manne mich gereift.
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Und wollte mir das Herz vergehn in Angst und Wehe,
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Nie kehrt' ich heim von dir, daß ich nicht Trost gefühlt;
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Empfinden ließest du mich meines Gottes Nähe
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Wie einen Frühlingshauch, der, ob ich ihn nicht sehe,
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Mir doch die heiße Stirne kühlt.

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Du warst es, göttlich Weib, die mir von alten Zeiten,
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Von Hellas' Glanz erzählt an Suniums Klippenstrand,
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Wenn ich, den Blick gekehrt zu blauen Meeresweiten,
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Dort an des Tempelbaus verwaisten Säulen stand.
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Die rote Distel wuchs umher am schroffen Hügel,
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Um Schutt und Trümmer kroch ein sonnverbrannt Gerank.
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Ein Aar vom Tayget schwang über mir die Flügel,
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Indes mein türkisch Roß mit blankem Schaufelbügel
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Aus einem Marmorknaufe trank.

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Und o wie wehte sanft dein Hauch durch meine Träume,
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Als ich im Waldgebirg' an Hessens Marken lag!
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Spätsommer war's, ein Duft von Harz durchzog die Bäume,
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Aus fernem Grund herauf erscholl des Beiles Schlag;
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Ich sah, wie still und schlaff der Eiche Blätter hingen,
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Kein Lüftchen! Selbst der Zweig der Espe hatte Ruh';
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Und plötzlich dann im Laub ein Rauschen und ein Klingen,
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Es kam der Wind: mir war's, als trügen seine Schwingen
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Auf dein Geheiß Gesang mir zu.

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Fürwahr, du bleibst getreu. Mag alle Welt mir grollen,
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Ich flüchte mich zu dir, du hältst mich stark und fest;
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Du lehrst mich das Panier der Schönheit hoch entrollen,
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Ja, Muse bist du mir, wenn mich die Liebe läßt.
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So laß denn fern am Strand, im Wald, auf Burgruinen
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All deinen Märchenreiz verströmen in mein Lied,
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So wie zur Sommerszeit, sobald die Nacht erschienen,
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Der Nelke Duft, vermischt dem Dufte der Jasminen,
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Die laue Finsternis durchzieht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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