Es füllt die Speisekammer

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Nikolaus Lenau: Es füllt die Speisekammer Titel entspricht 1. Vers(1826)

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Es füllt die Speisekammer
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Ein bitterlicher Jammer,
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Und wohl mit Fug und wohl mit Recht,
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Denn wie die Welt geworden schlecht,
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Zeigt sich ein schnöd Exempel
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In diesem Magentempel.
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Die Mutter steht betroffen
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An den beraubten Brettern
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Und ruft in Zorneswettern:
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»wer ließ das Fenster offen?«
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Wenn sie nicht Christin wäre
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Und eingedenk der Lehre:
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›du sollst dem Feind vergeben‹,
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Der Eingriff in ihr Leben,
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In ihren Speiseständer,
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Er könnte sie versuchen,
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Den Räuber zu verfluchen,
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Den Magentempelschänder.
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Sie blickt nach ihren Schätzen,
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Und ach! erblickt sie nicht,
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Da bleicht ihr Angesicht
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Hausfrauliches Entsetzen.
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Sie forscht in ihrem Schrecke
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Vergebens nach dem Specke,
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Er ist bei Nacht verschwunden,
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Trotz unseren drei Hunden.
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Sie sucht in ihrem Gram
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Das Leibgericht der Wiener,
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Das auch abhanden kam,
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Die braungebacknen Hühner.
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Hühnlein sind abgezogen,
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Dem Specke nachgeflogen,
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Sie sind vorbeigeschwunden
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An drei verschlafnen Hunden.
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Jetzt faßt ein tödlich Grauen
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Die häuslichste der Frauen,
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Sie ist ins Herz verletzt,
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Der Jammer packt sie jetzt
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Mit seiner ganzen Stärke,
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Es ist ein Streich zum Weinen:
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Geraubt sind auch die feinen
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Geburtstagszuckerwerke!
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Nun steht sie da ergrimmt,
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Ihr Auge glüht und schwimmt
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In wirtschaftlichen Tränen,
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Unchristlich, doch von Herzen
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Wünscht sie drei Tage Schmerzen
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Den frechen Diebeszähnen.
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Jetzt sammeln sich die Kinder
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Und klagen nicht gelinder,
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Und aus der bittern Klage
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Entspringt die große Frage:
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»hat sich ein Mensch vergessen?
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Hat dies ein Tier gefressen?«
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Als eurer Zweifel Richter
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Laßt gelten einen Dichter:
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Was hier dem Dieb gefiel,
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Zu vielerlei und viel
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Wills meinem Sinne scheinen
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Für eines Tieres Fraß;
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Drum soll ich lieber meinen,
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Daß sich ein Mensch vergaß.
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Doch muß ich wieder glauben
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Trotz viel und vielerlei,
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Bei solchem frechen Rauben
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War auch ein Tier dabei.
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Wie auch der Fall sich wende,
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's ist alles eins am Ende:
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In diesem Duftrevier
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Hat beides: Mensch und Tier
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Zu eurem Herzeleide
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Heut nacht sichs lassen schmecken,
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Ob in
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Ob sie in

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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