5.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Nikolaus Lenau: 5. (1826)

1
Anna liegt im Wald verlassen,
2
Klagt den Bäumen nicht ihr Los;
3
Schweigend drückt sie nur die nassen
4
Augen in das weiche Moos.

5
Im Gebüsch der Winde Sausen
6
Weckt der Reue wilden Schrei,
7
Und des Baches Wellen brausen
8
An der Sünderin vorbei.

9
Anna darf um Trost nicht lauschen
10
Zur Natur im Trostgewand,
11
Zwischen ihnen flatternd rauschen
12
Hört sie das zerrißne Band.

13
Und die Menschen schaudernd kehren
14
Ab das Herz von Annas Not;
15
Ihre Buße nur zu nähren,
16
Reichen sie das Bettelbrot.

17
Sieben Jahre sind es heute,
18
Seit ihr Gatte sie verstieß,
19
Seit sie, Reu und Kummers Beute,
20
Klagend seine Burg verließ.

21
Heute sind es sieben Jahre,
22
Daß sein Fluch sie fortgeschnellt,
23
Daß sie mit gelöstem Haare
24
Büßend weinte durch die Welt.

25
Mutterleid, das wonnereiche,
26
Hat ihr Antlitz nie versehrt,
27
Aber bis zur Totenbleiche
28
Hat der Jammer es verheert.

29
Als sie aufblickt von der Erde,
30
Naht im Strahl des Abendlichts
31
Ihr ein Greis, mit Freundsgebärde,
32
Mitleidvollen Angesichts.

33
»anna, hebe dich vom Grunde!
34
Komm, du hast genug geweint;
35
Des Erbarmens milde Stunde
36
Deinem Kummer auch erscheint.

37
Folge mir zur Waldkapelle!«
38
Spricht der alte Eremit,
39
Als des Abends letzte Helle
40
Von den Wipfeln sich verzieht.

41
Dunkel wird es, dunkler immer,
42
Kaum manchmal durch Baum und Strauch
43
Zweifelt eines Sternes Flimmer,
44
Stiller, kühler wird es auch.

45
Und sie wandeln und sie schweigen,
46
Finster wird es ganz und gar,
47
Auf des Walds gewundnen Steigen
48
Leuchtet ihr sein weißes Haar.

49
In des Waldes tiefsten Schauern
50
Kommen sie an die Kapell;
51
Grabesstill sind ihre Mauern,
52
Doch erleuchtet ist sie hell.

53
Zu der traurigsten der Frauen
54
Spricht der Alte: »Tritt hinein!
55
Die du drinnen wirst erschauen,
56
Bitte, daß sie dir verzeihn!«

57
Anna zögernd und verzagend
58
In die Waldkapelle tritt,
59
Von den öden Wänden klagend
60
Hallt zurück ihr scheuer Schritt.

61
Niemand hier; doch lispelnd nennen
62
Ihren Namen hört sie klar;
63
Sieben Kerzen sieht sie brennen
64
Ohne Leuchter am Altar.

65
Hellen Schimmer auszuspenden,
66
Hängt die Lampe ohne Schnur;
67
Bilder haften an den Wänden,
68
Dämmernde Umrisse nur.

69
Und die Staffeln abgebrochen
70
Zum Altar; zerrißnes Tuch;
71
Keine Messe wird gesprochen
72
Aus dem unbeschriebnen Buch.

73
Sieben leichte Lichtgestalten
74
Jetzt an ihr vorüberziehn
75
Und mit stummem Händefalten
76
Vor dem Altar niederknien.

77
Anna sich mit zitternd leisen
78
Schritten den Gestalten naht:
79
»meine ungebornen Waisen!
80
Ach, verzeiht ihr, was ich tat?

81
Grausam frevelnd ausgestoßen
82
Hab ich euer keimend Herz,
83
Von den Freuden ausgeschlossen,
84
Von dem trauten Erdenschmerz!«

85
Und sie nicken, ihr vergebend,
86
Lächelnd zugewandt, doch stumm;
87
Und der Alte, näher schwebend,
88
Schlingt die Arme ihr herum.

89
Anna sinkt zu Boden nieder,
90
Ihr entgleiten Schmerz und Not,
91
Und sie klagt und weint nicht wieder;
92
Der Einsiedel war der Tod.

93
Und zur Stund ein sanftes Tosen
94
Erich aus dem Schlafe weckt:
95
Ha! er sieht mit frischen Rosen
96
Seine Diele überdeckt.

97
Anna bleich und todeshager,
98
Grüßend ihm vorüberging,
99
Und sie legt ihm auf sein Lager
100
Leise seinen goldnen Ring.

101
Als sein totes Weib dem Ritter
102
Samt den Rosen wieder schwand
103
Nimmt er die bestaubte Zither
104
Endlich einmal von der Wand,

105
Und er singt ein Lied, das alte,
106
Aber nicht im alten Laut,
107
Wie es vor dem Fenster hallte
108
Anna einst, der schönen Braut.

109
»hab ein Schloß und finstre Wälder,
110
Berge hab ich, reich an Erz,
111
Muntre Herden, goldne Felder,
112
Und nach dir ein krankes Herz!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.