2.

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Nikolaus Lenau: 2. (1826)

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Vor dem Fenster steht der Ritter
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Singt bei Nacht mit süßem Laut,
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Schlägt dazu die helle Zither:
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»willst du heißen meine Braut?

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Hab ein Schloß und finstre Wälder,
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Berge, hab ich, reich an Erz,
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Muntre Herden, goldne Felder,
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Und nach dir ein krankes Herz!

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Schmücke dir mit Edelsteinen,
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Gold und Perlen Hals und Hand,
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Liebchen, schmücke dich mit meinen
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Narben aus dem heilgen Land.

13
Morgen wird die Sonne steigen;
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Strahlt herauf die Sonne klar,
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Soll sie meinen Wuchs dir zeigen
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Und dir leuchten zum Altar.

17
Hier an diesem Rosensprosse
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Häng ich dir mein Ringlein auf!«
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Sangs und schwang sich auf zu Rosse,
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Sprengt' davon im flüchtgen Lauf. –

21
»willst du meinen Finger tauschen,
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Ringlein, mit dem Rosenreis?«
23
Anna nimmts, die Hecken rauschen,
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Und im Dickicht naht es leis.

25
Schwarz verhangen Mond und Sterne
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Durch den Blütenstrauch herein
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Wiegt sich eine Blendlaterne,
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Wie Johanniskäferschein.

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Freundlich nickend, bleich verdüstert,
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Steht das Mütterlein vom See,
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Weint verstohlen, und sie flüstert:
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»schöne Jungfrau, weh dir, weh!

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Von den Rosen hier empfangen
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Hast du's Ringlein, und es droht
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Bald den Rosen deiner Wangen
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Dieses Ringlein bleichen Tod.

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Folge mir!« – Sie schreiten beide
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Weite Strecken stumm und sacht
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Über eine öde Heide
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In der stummen dunklen Nacht.

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Und an einer Windmühl stille
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Hält das alte Zauberweib:
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»bräutchen, ists dein fester Wille,
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Daß unfruchtbar sei dein Leib?

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Willst?« – »Ich will es!« und sie schleichen
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Jetzt die Mühlentrepp empor,
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Feiernd stehn die Flügelspeichen,
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Taghell tritt der Mond hervor.

49
Braune Weizenkörner sieben
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Aus dem Sack die Alte greift,
51
Und das Ringlein ihres Lieben
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Sie der Braut vom Finger streift.

53
»wenn nicht meine Zauber wären«,
54
– Spricht das Mütterlein vom See, –
55
»würdest sieben du gebären
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In der schmerzenreichen Eh.«

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Durch das Ringlein wirft hinunter
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Sie ein Korn zum runden Stein:
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Plötzlich wird die Mühle munter,
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Brausend fällt ein Windstoß drein;

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Und die Mühle mahlt im Winde,
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Schaudernd hört die junge Braut
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Leise, wie von einem Kinde,
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Wimmern einen kurzen Laut.

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Drauf todstill in alle Weite,
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Anna hört ihr Herz allein,
67
Und die Alte wirft das zweite
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Weizenkorn hinab zum Stein:

69
Wieder mahlt die Mühl im Winde,
70
Schmerzend hört die junge Braut
71
Leise, wie von einem Kinde,
72
Wimmern einen kurzen Laut.

73
Alte wirft das dritte, vierte,
74
Fünfte Korn, noch zwei hinein:
75
Jedmal sich der Windstoß rührte,
76
Und zerreibend lief der Stein.

77
Siebenmal hat es gewimmert,
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Hat ein Weh durchzuckt die Maid.
79
Wieder Ruh – der Vollmond schimmert
80
Nieder auf die stille Heid.

81
Mütterlein jetzt freudig kichert,
82
Steckt das Ringlein ihr zurück:
83
»nie ergreift dich, bist gesichert,
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Jammervolles Mutterglück!«

85
Heim, zuvor den Morgenstunden,
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Eilt nun Anna, fürcht't sich schier;
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Schüchtern blickt sie um – verschwunden
88
Ist die Alte hinter ihr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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