Erster Gesang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Nikolaus Lenau: Erster Gesang (1831)

1
Grau düstre Felsen sah ich trotzig ragen
2
Aus eines Tales stillen Finsternissen,
3
Als wollten kühn den Himmel sie verjagen,
4
Dem sie den Schleier vom Gesicht gerissen.
5
Abgründe, ihre Riesengräber, lauern
6
In sicherer Geduld zu ihren Füßen.
7
Kein Vogelsang, kein Bach, kein Waldesschauern;
8
Kein Klageton entfährt dem finstern Tale;
9
Nur stummes, unermeßlich wildes Trauern.
10
Einsam verkümmert steht der Strauch, der kahle,
11
Hat Regen nur und Sturm und Frost erlebt,
12
Stirbt ungeliebt vom süßen Sonnenstrahle.
13
An seinen Ästen, windgefächelt, bebt
14
Die Wolle eines Lamms in stummer Klage,
15
Und des zerrißnen Blut am Boden klebt.
16
Dort fliegt mit leisem, sattem Flügelschlage
17
Ein Geier seinem Felsenhorste zu.
18
Auf grüner Trift, erquickt vom Sommertage,
19
Schuldloses Lamm, wie fröhlich irrtest du
20
Mit deiner Weide friedlichen Genossen,
21
Indes auf dich aus heitrer Lüfte Ruh
22
Vormordend Geierblicke niederschossen!
23
Der Geier, stürzend sich in seinen Blick,
24
Kommt plötzlich auf das Lamm herabgestoßen
25
Und reißt es fort aus seinem Jugendglück.
26
Hoch über Wälder, Tale, Felsenriffe
27
Fliegt er damit in seine Nacht zurück.
28
Es zittert, wimmert; doch mit festrem Griffe
29
Umklammert ers, ob sich am Angstgeschrei
30
Die scharfe Gier des Mörders schärfer schliffe. –
31
Nun drang ich tiefer, an dem Strauch vorbei,
32
Und wilder immer ward des Tales Grund,
33
Die dunkle Wiege der Melancholei.
34
Da bricht aus dornumstarrtem Felsenmund
35
Ein Quell hervor, die bange Ruh zu stören,
36
Und braust hinunter in den offnen Schlund.
37
Unheimlich ist und grausenvoll zu hören
38
Das hohle Tosen in den Steinverliesen,
39
Wo murmelnd Nacht und Tod sich Treue schwören.
40
Wie, trauernd nach verlernen Paradiesen,
41
Des Freundes Haupt ans Herz des Freundes fällt,
42
Umarmen sich die ernsten Felsenriesen.
43
Und weiter drang ich, – dämmerlich erhellt
44
War mir die Schlucht; es fiel ein leiser Regen;
45
Der Himmel Blitze durch die Felsen schnellt',
46
Und fernher klangs von dumpfen Donnerschlägen.
47
Gar seltsam bleich erschien mir das Gesicht
48
Des Eremiten, der mir trat entgegen.
49
Es wankt um ihn ein zweifelhaftes Licht;
50
Der Sturm ist laut und plötzlich aufgefahren,
51
Wie, wer verschlafen, schnell vom Lager bricht.
52
Er faßt den Alten an den grauen Haaren;
53
Der aber schreitet durch des Sturmes Macht,
54
Uneingedenk der Wetter und Gefahren.
55
Bald ist er mir begraben von der Nacht,
56
Bald wieder glüht er auf im Wetterschein,
57
Als hätt ihn hell der Windstoß angefacht.
58
Nun schritt er näher und gewahrte mein
59
Und hieß mich froh mit gastlich mildem Worte
60
In seinen Wildnissen willkommen sein.
61
Und durch des Klippentals geheimste Orte,
62
Durch des Gewitters wachsendes Gebrause,
63
Führt' er mich fort zu einer schmalen Pforte
64
Und grüßte mich in seiner öden Klause.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.